Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V.b.b. ww DES Ersckeiiit jeden Frtttai JUDISCHE ARBEITER Organ Oer Vereinigten zionistisfrsozialistisdien flrtelterorgaflisation Peale Zion - HitaüJöulh in Oesterreiib Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1 — Postseheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.- 11. Jahrgang. 19. Jänner 1934 Nr. 3. Das Gebot der Stunde Der Ätlfruf dar österrefchischieiT Bundesregierung Regien den Nationalsozialismus hat in manchen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs eine gewisse Befriedigung hervorgerufen. Zu sehr ist unser Gefühl der Sicherheit erschüttert, als daß. viele von Mine der Verlockung widerstehen! könnten, die angekündigten scharfen Maßnahmen gegen die Terroruntemehmuingen der Hakenkreuzler als den Ausdruck der Feindschaft des autoritären Regimes gegen1 eine antisemitische Politik zu betrachten. Wir können diese; optimistische Stimmluhg vieler östenieicWisch'en Juden! Wicht teilen. Es Wegen! unbezweifelbare, klare und deutliche Aeußerungen verantwortlicher Manner der vaterländischen Front vor, die uns leider die Zukunft nicht rosig erscheinen; lassen. Denn die „Ordnung der Judenfrage", wie sie da von den Czermaks, Schmidts,' Funders und Konsorten angekündigt wird, bedeutet im letzten Grunde die Aberkennung der Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger. Noch! wagen dfe verkappten Antisemiten innerhalb der Vaterländischen Front mit ihren konkreten Plänen nicht in das licht der OeffentMebkeit zu treten1, noch1 liegt die Entwicklung der! jüdisch-politischen Lage in Oesterreich im Dunkeln. Aber leider sind jene programmatischen Aeuifferutnigen: Wer Vorkämpfer des deutsch-christlichen Staates unzweideutig und lassen für optimistische Perspektiven! wenig Raum. Immen feetart das Argument der. VorhBtTSChaff dos; Judeatams wieder, und da man nun jüngst wieder einmal die Fan-ilEBe 'als die Grundlage des Staates entdeckt hat, so sucht man seine antisemitischen Forderungen famiiempolitisch zu rechtfertigen: wir höre», daß es Juden sind, die es der christlichkleutschen Jugend unmöglich machen, einen Familienstand zu gründen! lund somit eine heilige Aufgäbe gegen Gott, Volk und Vaterland zu erfüllen. Daß diese Ideologie nichts arideres sein will, als eine Rechtfertigung geforderter, geplanter und tatsächlich' 'geübter fwirtschäftsantisemitischer Praxis, deren' Träger Privatpersonen und solche öffentlichen Rechtes (sind, ist ihr auf der Stirne geschrieben. Daßi der Wirtschäftsantisemitismus' Heute in Oesterreich immer weitere Kreise erfaßt, beweisen unsere Erfahrungen täglich. Ausschluß der Juden von den öffentlichen Aemtern ist Wirklichkeif geworden, unter den in den letzten Monaten! sdhiedenen öffentlichen Aemtern und Betrieben angestellten jungen' Menschen ist auch1 nicht ein Jude zu finden. .Daß. sich gegen jüdische Aerzte unteii der antisemitisch eingestellten Bevölkerung, ganz gleichgültig welcher Parteirichtung, eine starke Boykottbewegung ((bemerkbar mächt, lehrt jeder Tag. Und schließlich ist auch die Propaganda: „Kauft nur bei arischen Firmen" nicht ohne Wirkung geblieben. Die Haltung der Vaterländischen Front dieser Hetze gegenüber den jüdischen; Erwerbstätigen ist durchaus passiv, so daß es niemanden wundern' kann, wenn der Antisemitismus sie als wohlwollende Neutralität bewertet. Alle diese Tatsachen sollten uns davor bewahren, die gegen die Nazi gerichteten ' Maßnahmen als ein für die Zukunft der jüdischen Bürger dieses Staates günstiges Moment zu betrachten: es bleibt abzuwarten', ob die Vaterländische Front nicht den Kampf gegen den Nationalsozialismus auch dadurch führen wird, daß sie sich seine Judenpoliti'k zum Beispiel nehmen wird. Die Tatsache, daß einer der einflußreichsten1 Führer der wichtigsten Regierungsgruppe, der Heimwehr, ins Lager der Nazi übergegangen ist, beleuchtet blitzartig die gegenwärtige Lage der Juden in1 ihrer ganzen Tragik, und zeigt uns, wie weit die nationalsozMfetisehen Ideen in die vaterländischen Kreise gedrungen sind. Schon die nächsten, ja allernächsten Wochen werden über die zukünftige Stellung der Juden in Oesterreich entscheiden. Wir wissen uns vor jeder UebersChätzung der Rolle frei, die das österreichische Judentum in diesen für seine Zukunft mtseheüdendert Tagen spielen wird. Trotz alledem gilt es, sich unserer Kraft zu besinnen'. Gewiß, die Wiederherstellung der Demokratie in ihrem volfetea Ausmaße, die Wiedereingliederung der So^Menrokraüe, der Vorkämpfie-i rm für Freiheit und Rectrt im das politisch« System, Ruhe in Palästina Jan suar. Die gegen die jüdische Einwanderung gerichteten arabischen Demonstrationen, sind verlaufen. Wiewohl die Demonstrationen seit Wochen vorbereitet wurden, wair die Beteiligung verhältnismäßig gering. Die Regierung hatte angeordnet, daß Umzüge nur zwischen 7—8 Uhr früh stattfinden dürfen. In Jerusalem wurde die Demonstration von dem Großmufte geführt. I Palästina herrscht Ruhe. Zitjeumet* untl £§uclen jBSrger m>icrt«f» Klams»c I Berlin, 16. Jänner. In Berlin wurde eben der Entwurf eines sogenannten jüdischen Gesetzes bekannt. Nach diesem Entwurf soll die Bevölkerung Deutschlands in vier Kategorien eingeteilt werden: 1. Deutsche Staatsbürger rein arischer Abstammung; 2. Ausländer, die in Deutschland leben; 3. Deutsche, die im Ausland leben; >eutsche Bürger ausländischer Abstammung, und zwar jüdischer, polnischer und solcher von Zigeunern. Die in die vierte Gruppe fallenden Personen werden wohl gleichfalls als deutsche Staatsbürger anerkannt und genießen den Schutz des Gesetzes, sie sind aber in ihren Rechten beschränkt. Volle Rechte der Arier genießen unter ihnen nur jene, die an der Front gekämpft oder sich um Deutschland besondere Verdienste erworben haben. Zum Staatsdienst werden Angehörte der vierten Gruppe nur in Ausnahmsfäillen zugelassen. Mischehen und außereheliche Verhältnisse gemischten Charakters sind verboten. Eine Notverordnung gegen Ausschreitangeo in P»»8tiua Eine Sonderausgabe der „Pafestine Gazette", des palästinensischen Amtsblattes, bringt ergänzende Bestimmungen zum Strafgesetz, durch die Drohung mit Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung uniter Siraifsanktion gestellt wird. Die neuen Bestimmungen treten sofort in Kraft. Man nimmt an, daß es sich bei der Einführung dieser neuen Bestimmungen um eine Notverordnung im Hinblick auf die arabischen Demonstrationen handelt. Volksbildungsverein „JODISCHES VOLKSHEIM' Wien, II., Blumauergasse 1 Samstag, 20. Jänner 1934, 20 Uhr J. N. BRIND Vorlesung aus eigenen Schriften Programm: I. Novellen: 1. Zusammenbruch, 2. Wadi Chawarith, 3. Ansichtskarte. II. Kapitel aus dem Roman Tvl o h i lewsky. Gäste willkommen! Anschließend 22 Uhr: Tanzunterhaltung. Das neue Selbstverwaltungsgesetz für Palästina, , Tel-Awiw, 14. Jänner. Heute ist das neue Selbstverwaltungsgesetz veröffentlicht worden. Es wird als erster Schritt zur Bildung einer selbständigen Verwaltung in Palästina, entsprechend den Erklärungen des High Comissioners auf der Session der Mandatskommission im Jahre 1932, erachtet. Gleichzeitig gewinnt die Frage des legislativen Rates Aktualität. Das neue Gesetz ist für 23 Städte verpflichtend, darunter Jerusalem, Jaffa, Haifa und Tel-Awiw. In 22 Städten besitzen das passive Wahlrecht ausschließlich Männer im Alter von 25 Jahren aufwärts. Das passive Wahlrecht beginnt mit dem 30. Lebensjahre. In Tel-Awiw besitzen das passive und aktive Wahlrecht alle Personen beiderlei Geschlechtes, die mindestens 12 Monate in der Stadt wohnten und das 21. Lebensjahr vollendet haben, unabhängig davon, ob sie die palästinensische Bürgerschaft besitzen. 1.300.000 Dollar für deutsche Juden New York. Bis Ende Dezember 1034 wurden vom „Joint" 1,301.654 Dollar für den „Hilfsfonds für deutsche Juden" gesammelt. Die Aktion wurde in 576 jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten und Kanadas durchwäre der beste Weg auch zur Sicherung unserer Le- Ubenisrechte. In dieser Zeit aber, da das autoritäre Regime in Oesterreich herrscht, können wir bei aller Treue zur Demokratie unseren vorbeugenden Kampf um unsere Gleichberechtigung nicht auf den Tag des Zusammentrittes! der Volksvertretung aufschieben. Die Augen aller Juden sind heute auf die jüdische Gelmein de gerichtet, wir alle erwarten von ihr, daß' sie sich als Vertreterin des Gesamtjudentums betrachtet und als Sachwalterin der jüdischen Rechte auf den Plan der Öffentlichkeit tritt. Das setzt voraus,, daß sich die jüdische Gemeinde ihrer politischen Aufgaben besinnt. Wir glauben aber, daß jene Gruppen der Wiener jüdischen Gemeinde, die da jahraus, jahrein betonten, daß zwischen Politik und jüdischer Gemeinde sin Trennungsstrich gezogen werden; müsse, heute eines besseren belehrt sind. Den politischen Charakter der judenfrage wird wohl auch' die „Union, der] österreichischen1 Juden", die noch beim letzten Wahlkampf ihren ausschließlich religiösen Inhalt behauptet hat, nicht leugnen! wollen. So wird es keinen WMmtand^eben^wenn die jüdische Gemeinde die Führung im Kampfe um dje Gleichberechtigung ülbernehtnen wird. Noch ist über das Schicksal desi österreichischen Judentums die Bkitecheidung nicht gefallen, diese Entscheidumg. steht noch vor uns. Heute gilt es allen jenen Kräften, die einen Angriff auf unsere Lebtasrecote planen, klar und deutlich! zum Bewiuifltsein fzu tragen1, daß wir keineswegs wehrlos sind, und daß wir gewillt sind, aller uns gegebenen Mittel zur Abwehr zu bedienen. Die Stunde verlangt die Einheit des österreichischen Judentums. Ueber alle sozialen, politischen und kulturellen Gegensätze hinweg muß eine Konzentration des österreichischen Judentums auf dem' Boden der jüdischen Gemeinden und des Gemerndeverbandes möglich werden. Wir sind überzeugt, daß unsere Vertreter in der jüdischen Gemeindevertretung sich der .großen Verantwortung, die auf ihnen lastet, bewußt sind. Wir erwarten aber auch von) den anderen Parteien, daB sie dieses Verantt'ungsgefühl achten (und nicht zu ihren Parteizwecken mißbrauchen. Gespalten, innerlich zerrissen, mit giftigen Waffen sich bekämpfend, sind wir den Gewalten, die uns bedrohen, hilflos preisgegeben; wenn wir aber einig sind, besteht die Möglichkeit, daß wir ihnen widerstehen! werden. Einer jüdischen Gemeinde aber, die sich' in dieser Zeit der größten Gefahr als wahrhafte Führerin bewährt, eröffnet sich die Chance, daß sie zum tdbendigen Zentrum i des gesamten Österreich isch'enj Judentums werden wird; eine jüdische Gemeinde hingegen, die heute versagt, wird ihr eigenes Todesurteil fällen. Mögen die Führer der jüdischen Gemeinde in Wien den Weg der Zukunft gehen, dann werden sie die .Not dieser Tage zur Quelle neuer Kraft des "österreichischen Judentums verwandeln! ,