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Palästina-Nachrichten · 1935-11-02 · Heft 20 (2.11.1935) · p. Seite 3

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Journal
Palästina-Nachrichten
Volume
2 (1935)
Issue
Heft 20 (2.11.1935)
Date
1935-11-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Probleme der pharmazeutischen Industrie von Dr. Fritz Noaclc, Jerusalem Die pharmazeutische Industrie kann für die Wirtschaft Palästinas eine gewisse Bedeutung bekommen. Sie ist nicht in wesentlichem Maße standortgebunden. Es besteht die Möglichkeit, daß sie einen Teil ihrer Rohmaterialien (Chemikalien, öle, Arzneipflanzen) allmählich aus dem Lande selbst beziehen kann. Die Fabrikation in einem „warmen" Lande erleichtert ihr, ihre Produkte, soweit das erforderlich ist, auf die Bedürfnisse und Bedingungen warmer Länder einzustellen das gilt z.B. für Salbengrundlagen, Desinfektionsmittel u.a.). Sie hat in ausreichendem Maße Fachleute zur Verfügung. Bis zur Alijah aus Deutschland im Jahre 1933 konnte man von einer pharmazeutischen Industrie noch nicht reden. Es wurden zwar Kosmetika, Seifen, Parfümerieen u. dgl. erzeugt, auch vereinzelt in kleinem Umfange einfache Arzneimittel, aber erst im Jahre io,33 begann der Anfang einer pharmazeutischen Industrie. Die erste Firma, die sich speziell der Herstellung von Arzneimitteln widmete, war die Firma „Zori", die im Mai 1934 mit ihren ersten Präparaten herauskam. Es folgten „Dr. Nissel", „Bari" und „Tamar". In den letzten Tagen ist die Firma „Teva" mit ihrer ersten Liste herausgekommen. Die Firma „Hillel" hat den Beginn ihrer Arbeit angekündigt. Auch die Firma „Assjax" wird demnächst auf dem Markt erscheinen. Nach vertrauenswürdigen Angaben sind in diesen Unternehmungen bisher etwa 35 000 £P. investiert; die Zahl der beschäftigten Arbeiter beträgt bisher etwa 100 bis i5o, wird aber voraussichtlich bei weiterer Entwickelung steigen können. Dazu kommen die Vertreter und Agenten; außerdem die mittelbar in anderen Zweigen der Wirtschaft Beschäftigten (Flaschenfabrikalion, Kartonfabrikalion, Drucksachen usw.). Es muß zunächst mit Befriedigung registriert werden, daß sich liier bereits die Anfänge eines Industriezweigs entwickelt haben, der zahlreichen Arbeitern Beschäftigung geben kann. Die bisher auf dem Markt erschienenen Erzeugnisse der pharmazeutischen Firmen haben sich als zuverlässig und wirksam erwiesen und werden von den Ärzten in zunehmendem Maße verordnet. Trotzdem wird man nicht erwarten können, daß. eine solche Industrie sich ganz ohne Hilfe der nationalen Instanzen im Konkurrenzkampf mit ausländischen Erzeugnissen und im Konkurrenzkampf untereinander wird entwickeln können. Die pharmazeutische Industrie bedarf in erster Linie in eigenem Interesse der Prüfung und Kontrolle ihrer Erzeugnisse durch ein unabhängiges Institut. Gerade weil die ersten Fabriken mit hochwertigen und zuverlässigen Erzeugnissen herausgekommen sind, haben sie ein Interesse daran, daß keine minderwertige Schwindelkonkurrenz entsteht, daß von vornherein die palästinensischen Erzeugnisse als Qualitätsware anerkannt werden. Die Prüfung muß sich in erster Linie auf die Kontrolle der chemischen Zusammensetzung erstrecken. Dies wäre Aufgabe für ein pharmakologisches Institut der Universität, das bisher noch nicht besteht, aber im Zusammenhang mit den vorhandenen chemischen und biologischen Instituten sicher ohne Schwierigkeit einzurichten wäre. Ein solches Institut ,wäre auch nötig im Zusammenhang mit den Plänen der Errichtung einer medizinischen Fakultät, die ohne ein solches Institut unvollständig wäre. Auch für die Ausbildung von Apothekern könnte ein pharmakologisches Institut Bedeutung gewinnen (die deutsche Apothekerausbildung, die nur ein viersemestriges Universitätsstudium vorsieht, wird z. B. hier nicht als ausreichend anerkannt; die Regierung verlangt ein JStudium von sechs Semestern). Ein solches Institut, das durch Prüfungsgebühren oder laufende Beiträge der beteiligten Fabriken wenigstens teilweise zu finanzieren wäre, könnte die hergestellten Präparate kontrollieren, auch selbst Anregungen für neue Präparate hinausgeben. Der Zuverlässigkeitsstempel des Institutes wäre für den Konsumenten, besonders auch für den behandelnden Arzt, die Gewähr für die Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit des Präparates. Ebenso müßte auch für die klinische Prüfung eine zentrale Stelle geschaffen werden. Wir haben ja hier noch nicht eine so umfangreiche medizinische Fachliteratur wie in Deutschland, die laufend alle Präparate registriert, wir haben auch nicht die zahlreichen Universitäten, Krankenhäuser und For- - schungsinstitute. Es besteht die Gefahr, daß jeder Arzt eine solche Prüfungsstelle wird, ein System, dessen Nachteile bekannt sind. Das zukünftige Universitätskrankenhaus als Forschungsstelle — und bis zu seiner Errichtung die bestehenden Krankenhäuser in Verbindung mit dem pharmakologischen Institut — sollte daher in erster Linie für die Prüfung der einheimischen Präparate interessiert werden. Wie auf anderen Gebieten, so sollte auch hier die Parole „Tozerelh Haarez" zu einer offiziellen gemacht werden. Es ist daher nötig, daß alle öffentlichen Institute, in erster Linie Krankenhäuser und Krankenkassen, die einheimischen Präparate verwenden, sie in ihre Pharmakopie aufnehmen und ihnen einen Vorrang vor identischen und gleichwertigen Auslandserzeugnissen einräumen. Eine besondere Arzneimittelkommission, ebenfalls im Anschluß an die Universitätsinstitute, sollte von Zeit zu Zeit — etwa jährlich — eine Liste der eingeführten einheimischen Präparate herausgeben mit Angaben über •Zusammensetzung, Dosierung, Indikationen. Sehr erwünscht wäre es, wenn die Fabriken sich untereinander über ihre Fabrikationsprogramme verständigen könnten. Es besieht hier die Gefahr, daß gangbare, gut wirkende Präparate von verschiedenen Firmen unter verschiedenen Namen hergestellt werden, gegenseitig miteinander konkurrieren und den ohnehin schon beschränkten Markt sich gegenseitig noch weiter verengen. Das ist ja eine allgemeine Erscheinung unfife^iMMSEÄs^HI seier „Prosperity", die ungeregelte, ungehemmte Konkurrenz, die zu Unterbietungen und Produktionsverschlechterungen führt und die Entwickelung vieler Wirtschaftszweige behindert. Die Bestrebungen des Verbandes der pharmazeutischen Industrie zum Zusammenschluß sind allerdings bisher gescheitert. Trotzdem sollten im Interesse der beteiligten Firmen und des Publikums die Versuche, zu einer Vereinbarung zu kommen, fortgesetzt werden; die Abteilung für Handel und Industrie der Jewish Agency sollte einen besonderen Kommissar dafür ernennen. Ein Zusammenschluß der Fabrikanten wäre auch notwendig zur gemeinsamen Exportförderung. Für eine größere Entwickelung ist der palästinensische Markt zu klein. Im Jahre 193/1 sind für etwa 100 000 «£P. pharmazeutische Präparate eingeführt worden. Wollte man annehmen, daß der gesamte Bedarf im Inland hergestellt werden könnte, so würde die Industrie immerhin eine gewisse Basis haben, obwohl auch eine solche Zahl für eine größere Industrie noch klein wäre. Es muß aber berücksichtigt werden, daß ein großer Teil der eingeführten Präparate vorläufig nicht durch einheimische Erzeugnisse ersetzt werden kann. Die Zahl der Präparate, die heute in der Medizin verwandt werden, ist schon an sich so groß, daß unmöglich auch nur der größere Teil von wenigen Fabriken hergestellt werden könnte; ein wesentlicher Teil bedarf auch besonderer Einrichtungen, Laboratorien, Maschinen, so daß seine Erzeugung sich nur für größeren Absatz lohnen würde; schließlich gibt es auch spezielle Präparate, die nicht ohne weiteres und überall hergestellt werden können. Palästina wird daher auch weiterhin auf die Einfuhr deutscher, englischer, schweizer, ungarischer, französischer, italienischer, amerikanischer Präparate angewiesen bleiben. Um so mehr muß die palästinensische Industrie danach streben, sich für die Präparate, in deren Herstellung sie leistungsfähig ist, einen Absatzmarkt zu sichern. Das könnte im nahen Orient und in den Nachbarländern durchaus der Fall sein. Dazu gehört aber eine Absatzorganisation, die Geld kostet, sodaß die einzelne Firma sich das nicht in ausreichendem Maße wird leisten können. Die Schaffung einer gemeinsamen Absatzorganisation der palästinensischen pharmazeutischen Industrie könnte allen zugute kommen, dabei aber den einzelnen wenig belasten. Die Interessen des Einzelnen gehen hier wie überall mit den Interessen des Volkes zusammen. Das Schicksal der pharmazeutischen Industrie wird in hohem Maße davon abhängen, wie weit sie zur Kooperation untereinander und mit den nationalen Instanzen kommt. 3

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