Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 1 (1930-1931)
- Issue
- 2 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 73 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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auch der Trieb, von den Menschen, die er liebte, ihrerseits eine Wertung zu erfahren. Seine eindeutige, geradsinnige, geradezu kindliche Natur sehnte sich nach menschlichen Beziehungen. Aus welch einer anderen Quelle fließt dieses Sehnen als das Bestreben, die eigene Persönlichkeit in den Vordergrund zu rücken, welches wir mit Eitelkeit bezeichnen! Bei der Betrachtung einer solchen Natur werden wir an etwas Metaphysisches erinnert, an den Zusammenhang aller Menschen und ihre Abkunft von einem höheren Ursprünge. Und diese seine Natur bestimmte aber auch sein Schicksal. Ich habe bereits angedeutet, daß Holzmann ein Mann der Impressionen war. Ungewöhnlich bei Männern der Wissenschaft, zumal einer Wissenschaft, die es mit Registrieren zu tun hat. Und dennoch bildet dies den Grundzug seiner Persönlichkeit. Ereignisse, die im unabänderlichen Laufe der Natur liegen, unangenehme menschliche Erlebnisse, wie sie in dieser Welt als Gegenpol der hohen Tat unvermeidlich sind, sie konnten ihn zu Boden werfen. Er stand diesen Erscheinungen wie ein Kind gegenüber, das Schmerz empfindet, ohne sich den Ursachenkomplex zurechtlegen zu können. Aber nebst dieser psychischen Unausgeglichenheit, die es ihm nicht ermöglichte zu überwinden oder" den Kampf aufzunehmen, hatte Michael Holzmann genug des Leides zu ertragen. Als eines der ersten Opfer des Beamtenabbaus mußte er dem Berufe entsagen, der ihn ganz erfüllte und in die Einsamkeit versinken. Mit einem Einkommen, das kaum für einen gesunden Menschen ausreicht, mußte er, der in den letzten fahren an körperlichen Gebrechen litt, seinen Haushalt bestreiten. Jetzt, da dieser reine Mensch durch einen sanften Tod — Tod durch Kuß, wie unsere Alten einen solchen Tod bezeichnen — von dannen ging, erwacht in uns zu spät das Gewissen. Haben wir gegen ihn unsere Pflicht getan? Und ich muß bekennen, als das Vorstandsmitglied unserer Gemeinde, Herr Börsenrat Glück, einen ähnlichen Gedanken in seinem Nachrufe äußerte, da mußte ich in meinem Herzen Chotohti „ich habe gesündigt" sagen. Der Gescheiten und Überklugen gibt es genug. Aber nur sechs und dreißig Zadikim gehen ungekannt, in ärmlichem Gewände, in dieser Welt umher. Wie fahndete man im alten Ghetto nach einem solchen Zadik, seine Anonymität zu lüften und Höheres zu erleben, als der Alltag es ge- 73