Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 1 (1930-1931)
- Issue
- 2 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 72 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bräuchen, die er in einem mährischen Winkel erlebte, seine Liebe zu den Mitmenschen und nicht zuletzt zu seiner Wissenschaft — all dieses floß aus derselben Quelle. Trotz der Kontinuität unseres Ichs verläuft das menschliche Leben in der Regel so, daß das Neuerlebte das Alte ablöst. Insbesonders ist dies bei der Vollziehung des Wechsels in den. Lebelnsstufen der Fall. Einen solchen Tatbestand schildert die Bibel in ihrer Schlichtheit: Der Mensch verläßt Vater und Mutter, um sich zu einer neuen Gemeinschaft zu vereinen. Die Erfordernisse der neuen Gründung werden vom alten Fond bestritten. Aber wenn auch Michael Holzmann in manneskräftigem Alter die Gründung einer Familie beschieden gewesen wäre, er hätte den alten Fond nicht angegriffen. Bei ihm war alles Erlebte präsent. Und je zurückliegender ein Erlebnis war, desto tiefer war es in seinem Gemüte verwurzelt. So greift auch seine Wissenschaft nach dem Verschwundenen aber einstens in Kraft Lebende. Die zu seiner Zeit eine Rolle spielten, vielfach umschmeichelt und umworben waren, aber jetzt aus dem Gedächtnis der Menschen entschwunden sind, er führte die Verschollenen und Vergessenen — seine Lieblingsbeschäftigung in den letzten jähren — mit allen Details ihres Lebens und Ringens vor. Er erbarmte sich der Namenlosen und verband sie mit ihrer Leistung. Durch ihn erhielten all diejenigen, die sich mit ihrer Zeit nur durch eine Falschmeldung verständigen konnten, ihre wahren Namen. Für diese seine Lebensarbeit, sein Anonymen- und Pseudonymenlexikon, die er in Verbindung mit seinem Kollegen Bohatta vollbrachte, wird ihm die Geisteswissenschaft immer Dank wissen. Wir können nur in Sinn und Geist einer Leistung ganz eindringen, wenn wir den kennen, der sie vollbrachte. Diese Rekognoszierungsarbeit floß bei Holzmann ganz aus seiner Natur heraus. Michael Holzmann, der keinen Einfluß besaß, über keine Macht- und Geldmittel verfügte, freute sich umsomehr all denen zu dienen, die an sein Wissen appelierten. Wem von uns ist das Bild des Bibliothekars Holzmann mit dem charakteristischen Kopf nicht in Erinnerung, wie er im Katalogzimmer der Universitätsbibliothek von einem mit Zettelkistchen bedeckten Tische zum anderen läuft und halb in Monologform die Suchenden mit Auskünften und Ratschlägen überhäuft und ihnen noch bei der Ausgangstür einige Nachträge mitzugeben weiß. In dieser Hilfsbereitschaft verbarg sich 72