Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 23 (29.11.1833)
- Date
- 1833-11-29
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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der gleichen Vertheilung der Kräfte des Blutvergießens nie ein Ende sein würde? Was war er Am deres seinem Inhalt nach, als ein verewigter Zwier spalt, die Einnahme gewaffaeter Stellungen der feindseligen Partheien, ein Ausdruck des Mißtrauens und des Argwohns, denen man die heiligsten Interessen der Nationalität, die Behauptung des vaterländischen Bodens gegen fremde Eroberung, preiszugeben sich nicht gescheut hatte? Es ist in der Thal sehr zu verwundern, daß die herrschenden christlichen Religionspartheien, während sie miteinander einen solchen Frieden des Hasses, der Furcht und der Ohnmacht unter erzwungener gegenseitiger Gewährung kümmerlicher Rechte schlossen, — daß sie nicht in demselben Augenblicke den Juden aus reiner Duldung und Menschenliebe die volle Rechtsgleichheit einräumten! Es kann ohne Zweifel nur an der ganz besonderen Eigenthümlichkeit der Letzteren, wie uns Hr. Str. belehrt, gelegen haben, wenn Solches zu dieser oder einer ähnlichen Zeit unterblieben! Fassen wir das Unterscheidende zwischen der Lage der Juden und der Lage anderer Sekten dem herrschenden Fanatismus früherer Jahrhunderte gegenüber noch einmal in wenigen Worten zusammen. Jene anderen Sekten waren bald siegend, bald besiegt; bald kräftigen Widerstand leistend, bald unterliegend und von der Erde vertilgt; dann wieder sich mächtig erhebend und mit bewaffneter Hand den Frieden befehlend; das Judenthum allein war immer leidend, aber immer lebend, immer mißhandelt, aber nie vernichtet; daher jenes sich gleich bleibende Vorurtheil, jener unveränderte Haß, der unserem Gegner so räthselhaft erscheint und der doch bei gleich unveränderten Verhältnissen sich allenthalben gleich geblieben. Aber der Fanatismus der verschiedenen christlichen Sekten gegeneinander ist doch nun allmär lig bis auf wenige Spuren erloschen, die wechselseitige Unterdrückung derselben hat doch ihr Ende in vielen Landern erreicht, wenn auch nicht durch die Reformation, doch durch den Freisinn des vorigen und unserett Jahrhunderts, wenn nicht in Deutschland durch dm Westfälischen Frieden, doch durch die Bundesakte, — konnte man uns entgegnen. Nun, hat denn chwa — so erwiedern wir — dieser Fortschritt der Civillsation, dieser Sieg der Grundsätze der GlaubenssrWit auf die Stellung der Juden minder entscheidend eingewirkt? - Oder ist die Kluft der Zeit so gewaltig;-welche die Geschichte uns zwischen der Aussöhnung dir christlichen Religionspartheien und der EmancipMon der Juden zeigt, daß wir uns mit der so einfachen Erklärung der hier etwas größeren Religionsverschiedenheir nicht begnügen könnten und einen anderen dem Gebiete der Intoleranz ganz fremden Grund aussuchen müßten? Fassen wir doch die offen darliegendcn Thatsacken einmal m’6 Auge. In Frankrei ch hat dasselbe Jahr und dieselbe Versammlung den Juden und den Protestanten die Bürgerrechte wiedergegeben; in England hat die Emanciparion der Katholiken kaum nach dreißigjährigem Kampfe obgesiegr, als auch die der Juden nutErnst und Eifer zur Sprache gebracht wird, bald die entschiedenste Mehrheit in der Volksreprafentation für sich gewinnt, lediglich in dem Widerstande einer bei den Privilegien der herrschenden Kirche betheiligtcn Parthei Schwierigkeiten findet und nach aller Wahrscheinlichkeit ihrer günstigen Entscheidung nahe ist. In Holland und Belgien, wo Katholiken und Protestanten noch wechselseitige Abneigungen und Vorurtheile hegen, deren Einfluß auf eine blutige Revolution nicht zu verkennen ist, ist das bürgerliche Verhälmiß der Juden völlig ausgeglichen und auf die Grundsätze der vollsten Gewissensfreiheit gebaut. In Norwegen, wo kein Jude geduldet wird, kann auch kein Christ eines anderen, als des Lutherischen Bekenntnisses, volles Bürgerrecht besitzen. In Spanien wird so wenig der Prote-! flämische oder ein anderer „ketzerischer" als der jüdische Kultus geduldet, im Kirchenstaate der letztere unter gewisse!: Beschränkungen, der erstere gar nicht. Noch schleudert der Pabst, wie wir in den Zeitungen lesen, seinen Bamistrah! gegen Schriften, deren Lehren die in der Halste der cwilisirten christlichen Welt anerkannten finb; noch gehört ihm Luther zu den Gottverhaßten Ketzern, dessen Lehren zur ewigen Verdammnrß führen! — Zn Deutschland freilich — und in ihm allein — ist die Gleichstellung der christlichen Confessionen der der Juden um etwa 20 Jahre vorausgegangen. Aber es darf dabei nicht ü'berfthen werden, daß die Frage der gegenseitigen Duldung zwischen den drei christlichen Confessionen in Deutschland seit drei Jahrhunderten durch die gleichverrheilren Kräfte der Partheien, durch die auf dem Gleichgewichte dieser, wie auf einem ihrer Stützpunkte ruhende Verfassung mehr eine Frage der Macht, der Furcht vor Repressalien, des wechselseitigen Vortheils, als der Gewissensfreiheit war, daß jene Duldung vom Religionsfrieden bis auf die Bundesakte mehr auf positiven, auf der Basis der Reciproeitär von den katholischen und evangelischen Reichsständen und Bundesmächten geschlossenen Verträgen, als auf freier Gewährung, auf der Anerkennung des Grundsatzes der Glaubensfreiheit beruhte. (Die Fortsetzung folgt.) Gedruckt bei Hammerich und Lesser in Altona.