Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 23 (11.1.1833)
- Date
- 1833-01-11
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2542348-2542377-2542401--204-3526712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dem beseligenden Gedanken wiedererkaMpster nationaler Unabhängigkeit, daß sie des Fortschritts vergaßen, vielleicht auch befangen von der täuschenden Hoffnung, die erstorbenen Elemente mittelalterlicher Freiheiten wieder beleben zu können, wurden zu diesem Zwecke gemißbcaucht, und, nachdem man sich ihrer genugsam bedient, mit Füßen getreten. Bei dem Streben, durch Wiederherstellung des Vergangenen die Gemüther, wo es möglich war, für unerfüllte Hoffnungen zu entschädigen, bot sich nun. kaum ein passenderes Moment dar, als die wiederbeginnende Unterdrückung der Juden, in welcher man sich auf alle Weise, hie und da leider nicht ohne Erfolg, bemühte , dem Volke einen Vortheil vorzuspiegeln, um ihm, wo möglich, sammt der Lehre von der Gewissensfreiheit auch andere, in rationalem und geschichtlichem Zusammenhänge innig damit verwachsene, geistig zwar weit unteMevrdnete,, aber in materieller Beziehung unglych wichtigere, Lehren zu verleiden. An demselben W^rke arbeiteten noch in anderer Absicht, und in schriftstellerischer Wirksamkeit, einige schwachsinnige Thoren, die, nach -der eigenen Feigheit, die Sinnesart ihres Volkes ermessend, einen engherzigen, jäm-' merlichen Haß gegen eine schwache bedrückte Minderzahl der Mitbürger für einen angemessenen Hebel des Nationalgefühls hielten, und die Deutsche Nationalität anstatt der starken und festen Grundlagen der gemeinsamen Freiheit, des gemeinsamen Rechts und der ge- -Minsamen Wohlfahrt — wie auf den Franzosenhaß imGroßen,-'— so aus den Judenhaß im Kleinen begrünen wollten.*) — Durch em solches Treiben ist auch dietz Frucht des Befreiungskrieges mit manchen anderen nicht zur Reife gekommen, und die Vollendung ist auch hier den.Bestrebungen unserer Zeit Vorbehalten, die, dem Gedanken der Wiederherstellung eines vergangenen Zustandes fremd, .dem Fortschritte ganz angehören, und dadurch vor den bezeichneten Jrrthümern von selbst verwahrt sind. Von allen Männern, deren Stimme m den ersten Jahren nach dem Befreiungskriege laut -und einflußreich erschallte, bis sie .durch Gewalt zum Schwelgen gebracht wurde, ist Ar n dl der Einzige, der in neuerer Zeit wieder starr und unverändert, als hätte er in. der Zwischenzeit nicht unter den Lebenden ') Man vergleiche meine .Schrift über die Stellungder Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland, S. 60. gewandelt, freilich mit der alten feurigen Vaterlandsliebe, aber auch mit der alten Einseitigkeit und den alten Vorürtheilen, vor allem mit dem glühenden, jedes andere Gefühl überwiegenden Franzosenhaffe aufgetreten ist. Im Uebrigen hat die neue Zeit sich neue Organe gebildet; und Diejenigen aus der älteren Zeit, die sich der neuen Bewegung anschlossen, wußten sich in ihren Ton und in ihre Bedingungen zu finden. Mehr als in einer der anderen Deutschen Kammern haben in der Badischen Männer aus jener früheren Zeit den Ton angegeben, und sie scheinen zwischen ihrem Geiste und dem Geiste der Gegenwart eine Art von Auskunft getroffen zu haben. Klug genug, um den viel minder unedlen Franzosenhaß — da er doch eine lebendige, kräftige Nation, die uns einmal unterdrückt hat, trifft — als mit dem Streben des Jahres 1831 unverträglich fahren zu lassen, vielmehr die Juli-Revolution als den Ausgangspunkt desselben offen anerkennend, scheinen sie sich den Judenhaß als eine Art von Partei-Zeichen Vorbehalten zu haben, und während sie ihr Volk in allen anderen Beziehungen den Grundsätzen des Liberalismus entgegenzuführen süchen, wollen sie es in dem einen Punkte an mittelalterlichen Gewohnheiten und Neigungen festhalten oder vielmehr dazu zurückführen: denn wie wenig Werth das Volk, wird es nur einigermaßen richtig belehrt und geleitet, aus eignem Antriebe auf jene Beschränkungen der Juden legt, geht zur Genüge aus der zufriedenen, ja beifälligen Weise hervor, wie die Debatten der Bairischen und Hessischen Kammer in beiden Staaten vom Volke ausgenommen worden, das doch mit dem Badischen ungefähr auf gleicher Bilhüngsstufe steht und sich in seinen Neigungen und Vorürtheilen schwerlich sehr von jenem sondern wird. Ich will hier noch in Betreff des Verhältnisses der öffentlichen Meinung zu der bürgerlichen Stellung der Juden eine nicht theoretischer Spekulation, sondern der allerbestkmmtesten Erfahrung entnommene tröstende Wahrnehmung mittheilen, die aber mit einigen erörternden Worten über den Begriff der öffentlichen Meinung eingeleitet werden muß. Der Charakter dieser ist ihre Parteilosigkeit, ihre Unpersönlichkeit, ihre Entfernung von besonderen Zwecken und Interessen. Der einzelne Mensch ist eigennützig und befangen, die Menschheit nichts Die Uebereinstimmung Aller