Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 21 (21.12.1832)
- Date
- 1832-12-21
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Freieste der Freien! Waren doch die Fürsten und Grafen Polens, als sie noch ruhig und gemächlich in ihren Pallästen zu Warschau wohnten, bei dem Weisen Ln die Schule gegangen: er hätte ihnen die Grille sicherlich ausgeredet, sich für unterdrückt zu halten, und sie hätten Gut und Blut gespart! Laßt Euch das kostbare Geständniß nicht umsonst gemacht sein, lasset den klugen Wink nicht ungenützt vorübergehen, Ihr Großen, die Ihr vielleicht einmal ein Interesse dabei haben könntet, der Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung halber einen so beredten Mund zum Schweigen zu bringen oder doch seinen Eifer etwas zu mäßigen! Ihr wißt ja nun genau, wie hoch er die Freiheit anschlägt. Er ist nicht so schwer zu befriedigen, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte: denn, im Vertrauen gesagt, jene „Palläste" sind doch nur eine von den anmuthigen Hyperbeln des Neides: es sind im Grunde nicht mehr und nicht weniger als recht sehr bequeme und elegante Wohnhäuser, worin die reichen Juden wie die reichen Christen in Carlsruhe wohnen. Gebt ihm nur Gold genüg, um in einem solchen „ Pallast" zu wohnen, und e r wird nicht mehr über Unterdrückung klagen. Möget Ihr dann seinen Mitbürgern, seinen Mitchristen das edelste Gut rauben, wornach die Edelsten unserer Zeit durch Tausend Gefahren hindurch ringen, die Gleichheit des Rechts und der Ehre vor dem Angesichte des Gesetzes! Möge dann die Gewaltherrschaft dem Volke das Recht seines Antheils an der Gesetzgebung entziehen, möge sie in ihm und in seinen Mitbürgern die Würde des Mannes verletzen und sie mit Schmach und Verachtung bedecken! Er wird ruhig zuschauen aus den Fenstern seines «Pallastes," und wird lächeln, wenn ihm Einer von Unterdrückung redet. Wenn wir aus den dargelegten Gründen die feste Ueberzeugung hegen, daß eine etwanige größere Schäzung des Reichthums unter den Juden nicht in ihrer Gesinnung, sondern in dem Verfahren des Staates gegen sie ihre Quelle Hai und eine natürliche Folge des Umstandes ist, daß bis zur erlangten Emancipation der Reichthum allein ihren Rang, ihre äußere Stellung im Leben, die ihnen äußerlich zu erweisende Gunst und Ehre bestimmt; so muß es uns als eine Ungerechtigkeit, die uns empfindlich schmerzt, erscheinen, wenn mehrere Redner es sich zum Ziele gesetzt haben, die Juden als Handelsleute durch den Vorwurf der Gewinnsucht, der Geldgier im Ganzen verächtlich zu machen, wenn Aeußerungen Vorkommen', wie die des Abg. Fecht: „der Wuchergeist ersticke in ihnen „alle besseren Gefühle"; die des Abg. v. Jtzstein: „Eine zu verkaufende Kuh wirkt mit Zauberkraft' auf „ sie, zu Dutzenden springen sie ihr nach"- „Der Handel und das Geld sind ihre Götzen" und ähnliche. — Wir halten es für unsere Pflicht, auch über diesen . Punkt, der freilich wiederum den Handel, nicht die Religion betrifft, und demnach der Emaneipationsfrage gerade so fern liegt, wie das meiste andere Vorgebrachte, ganz offen unsere Meinung zu sagen. Wir sind weit von dem Glauben entfernt, daß der größere Theil der Unseren die Höhe der Uneigennützigkeit und Selbstverleugnung erreicht habe, nach welcher der sittliche Mensch emporstreben soll, so daß wir den Vorwurf des Eigennutzes unbedingt zurückweisen könnten. Wir wissen, daß uns noch viel für unsere sittliche Veredlung zu thun übrig bleibt; wir betrachten unsere Religion und unser Streben nach einer würdigeren Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft als die beiden stärksten Stützen für jenes sittliche Emporstreben , und wir würden beiden einen geringen Werth beilegen, wenn sie mit diesem Emporstreben nicht verwandt wären. Die Frage, die wir in Erwiederung auf jene kränkenden Vorwürfe zu erörtern haben, ist daher nur von relativer Beschaffenheit; es ist nur dle Frage, ob wir das Bessere und Höhere, an welches wir uns heranbilden sollen, in dem Sittengesetze, welches tief in dem Gewissen eines jeden Menschen eingegraben ist, in dem Ideale menschlicher Vollkommenheit, wie sie uns das menschliche Bewußtsein und die Religion vor die Seele führen, in der Annäherung an dasselbe, wie wir sie bei den Edelsten in allen Ständen und Volksklassen wahrnehmen — oder ob wir es in dem konkreten Leben und Treiben der Masse Derer er-. kennen sollen, die sich so stolz als Richter über uns erheben, wie wir es müßten, wenn wir ihren Maaßstab als richtig anerkennten; es fragt sich, ob e i n Stand — denn die Frage dreht sich hier um den Stand, nicht um die Religion, — die Richtschnur für die Sittlichkeit eines anderen in sich enthält, ob das Bessere, welches durch die äußere Stellung im Leben bedingt ist, ein wahrhaft, wenn auch nur einiger-