Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 12 (7.9.1832)
- Date
- 1832-09-07
- Page
- Seite 95 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Die Geschichte der Juden kann aus einem doppelten Gesichtspunkt beschrieben werden. Wir können das Volk betrachten als das auserwählte Volk Gottes, das aus Seinem eigenen Munde seine Gesetze empfangen, und von Ihm unmittelbar auf allen seinen Wegen durch alle Wechselfalle des Glücks und des Unglücks geführt wird. Der leitende Gedanke einer solchen Darstellung ist der religiöse, und die Geschichte wird, nach dem gewöhnlichen Ausdruck, zur Kirchengeschichte. Dieser Standpunkt ist nirgends reiner gehalten, als in unseren geschichtlichen Urkunden selbst. Sie erzählen mit kindlicher Gläubigkeit das Gute wie das Schlechte, das Bedeutende wie das Unbedeutende. Und das ist es eben, was ihren unübertrefflichen 'Reiz ausmacht, was uns immer wieder zu ihnen zurückkehren macht, so oft wir sie auch schon durchgelesen haben mögen. — Die andere Art, den Gegenständ zu behandeln, betrachtet die Juden wie ein Volk unter vielen Völkern, sucht für menschliche Begebnisse menschliche Gründe auf, und zeigt an einem besonderen Beispiele, wie die ewig Unabänderlichen Gesetze der Geschichte der Menschheit sich stets unter veränderten Formen wiederholt. Es ist dieß die pragmatische Darstellung, wie wir sie gewohnt sind, in den Darstellungen der Geschichte der übrigen Völker zu finden. Die strengste Prüfung des Wahren und Unwahren muß dabei Statt finden, damit der Fuß des Wanderers auf dem Boden der Geschichte auf geebneten Pfaden vorschreiten könne. Beide Arten stehen einander schroff gegenüber, und wir halten es für den Endzweck und das Resultat aller historischen Forschung, daß sie einmal in Uebereinstimmung gebracht werden. Die Kritik muß dabin gelangen, nur das als wahr zu erkennen, was göttlichen Ursprungs ist, und auszusondern, was nachher durch falsche Bestrebungen, es besser und anschaulicher zu machen, oder durch Lüge und Trug hinzugesetzt worden ist. Daß dieser Zeitpunkt der Vereinigung noch nicht gekommen ist, weiß Jeder, der die vielfachen Vorarbeiten, die noch zu machen sind, genau kennt: er weiß, welche Schritte die Erd- und Völkerkunde, die Sprachwissenschaft und die Kenntniß des Alterthums überhaupt noch zu machen hat, um jenes Ziel zu erreichen. Auf dem Punkte, auf dem wir jetzt stehen, ist es nothwendig, beide Ansichten so streng als möglich gesondert zu halten, obgleich ein Jeder auf seinem subjectiven Standpunkte die Vereinigung zu versuchen hat. Daß übrigens Niemand für die religiöse Darstellung sich der Kritik, für die pragmatische sich des Glaubens völlig entäußern könne, fühlen wir Alle. Doch sollen wir uns jedesmal des Ueberganges bewußt zu werden suchen, und nicht eigensinnig bald den einen, bald den andern Standpunkt in uns vorwalten lassen. Unser Verfasser hat die zweite Darstellungswekse erwählt, und wir dürfen ihn deßhalb nicht tadeln. Für die biblische Geschichte wäre es ein vermessenes Unternehmen, noch einmal die einfache Naivetät hervorzaubern zu wollen, die wir in den heiligen Urkunden bewundern: für die, spätere Geschichte wäre es geradezu unmöglich oder nur der höchsten Anmaßung möglich, die eigene religiöse Ueberzeugung als die einzig richtige und nothwendige so an die Spitze zu stellen, daß wir dadurch über jede abweichende Meinung den Stab brechen und sie schonungslos abweisen. Die Unabhängigkeit des Geschichtsschreibers wie die Unbefangenheit des Lesers würden dadurch auf gleiche Weise leiden müssen. Man wird nicht uns entgegnen wollen , daß auf dem rein geschichtlichen Standpunkte die Wärme und Begeisterung den Historiker verlassen müssen, die nur auf Liebe und Religion begründet sind. Wir wollen uns nicht auf andere Beispiele berufen, nicht auf Thucydides und Tacitus, nicht aus so manche neuere Geschichtschreiber, um diesen Einwurf zu widerlegen. Die Sache selbst spricht laut genug. Ist denn der Mensch als Mensch nicht ein hinlänglich würdiger Gegenstand, um die Begeisterung des Edlen zu verdienen? Ist eine Nation, die Jahrtausende hindurch allen Stürmen der Zeit und des Unglücks Trotz bietet, die allein unter allen Völkern des Alterthums sich durch die Trümmer der Vorwelt gerettet hat, nicht unserer Bewunderung werth? Wir müßten überhaupt läugnen, daß menschliche Verhältnisse die Aufmerksamkeit des Forschers und die Liebe des Menschenfreundes verdienen, wenn wir der Geschichte der , Juden, aus dem rein menschlichen Standpunkt betrachtet, die Kraft zu erwärmen und Theilnahme zu erwecken, absprächen. Und vergessen wir nicht, daß der historischen Betrachtung die Religion selbst als eines der bedeutendsten Momente vorliegt, und daß sie V #