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Der Jude · 1832-06-01 · Heft 6 (1.6.1832) · p. Seite 42

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 6 (1.6.1832)
Date
1832-06-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 kann, die den zähen Widerstand eingewurzelter Zrrthümer aus der Erfahrung kennen. Ein intereffantes Beispiel gewähren die Ansichten über die Sicherheit des Eides der Juden. Fragen wir nach der Quelle des durch das ganze Mittelalter hindurch gehenden Mißtrauens der Christen gegen den Eid der Juden, das alle die seltsamen Vorschriften erzeugt, die hie und da in Deutschland noch die Gesetzgebung verunstalten , so finden wir sie in der einfachen Grundansicht, daß Dem, der nicht den rechten Glauben habe, nicht den rechten Gott auf die rechte Weise anbete, auch der Eid nicht heilig sein könne. Hätte die eigene blinde Befangenheit einen einzigen vorurtheilsfreien Blick in ein fremdes Religions - System vergönnt, so hätte man sich überzeugen müssen, daß die Heiligkeit des Eides in keiner Religion tiefer wurzelt, daß die Furcht vor der Strafe des Gottes, der den Meineid rächt, und selbst den wahrhaften Eid, eigennütziger Interessen wegen geleistet, nicht liebt, in den Gemüthern der Bekenner keiner anderen Religion eine größere Macht hat, als Ln denen der ihrem Glauben ergebenen Juden. Aber zu einem solchen freien Blick konnte man sich nicht erheben. Weil man den ganzen Glauben der Juden nach der Erscheinung des Erlösers für ein bloßes Werk der Leidigen Halsstarrigkeit des bösen Geistes, weil man ihre Gottesverehrung für Gotteslästerung hielt, umgab man ihre Eidesleistung mit allerhand seltsamen spukhaften Formen, weniger wie eine Anrufung des höchsten Wesens, als wie eine Teufels-Beschwörung gestaltet. Eine Generation, die freieren Ansichten huldigt, findet eine solche Gesetzgebung vor; aber, nicht geneigt, sie dem Aberglauben der eigenen Vorfahren zuzuschreiben, schöpft sie daraus ein ungerechtes Mißtrauen gegen die moralische Bürgschaft des Eides Derer, die man durch solche beleidigende Vorsichtsmaßregeln zu fesseln nöthig erachtete. Und doch wird ein solches Mißtrauen nach dem Urtheile aller Unbefangenen durch die allgemeine Erfahrung aufs entschiedenste widerlegt. «Die „besondere Unzuverlässigkeit gerade des Judeneides," sagt Hugo, Lehrbuch des Naturrechts, 4te Ausgabe, S. 498, Note 3, „scheint auf einem Vorurtheile zu „beruhen. Mir sind ein Paar Fälle aus Akten begannt, wo ein Jude lieber einen nicht unbeträchtlichen .7Nachtheil leiden, als einen Eid schwören wollte." „Beispiele genug kommen vor," heißt es in den Anmerkungen zu dem Gesuch ber Braunschweiger Juden, S. 97, „daß der Israelit, seinem Ehrgefühle mehr „ alL seinem pekuniären Interesse folgend, Eide verwei- „gert oher zurückschiebt, die er mit dem reinsten Ge- „ wissen ableisten könnte; und nicht selten benutzt ein „niedrigdenkender Christ diese Erfahrung zu prozessua- „lkschen Spekulationen." So wirkt eine Gesetzgebung, die mit den Ideen ihrer Zeit nicht im Einklänge ist, auf die Ansichten und auf die Moralität Derer, die ihrer Herrschaft unterworfen sind! Soll ich hier auch noch Das anführen, daß man in neuerer Zeit sich nicht gescheut hat, unter den Gründen, warum ein Jude kein Richteramt verwalten könne, auch den anzugeben, daß zu besorgen wäre, der christliche Unterthan würde den Eid weniger heilig halten, den er vor dem andersglaubenden Richter leistet? *) So nimmt man den schwersten Vorwurf, den man seit Jahrhunderten ohne allen Grund, aber mit desto schonungsloserer Bitterkeit, den Juden gemacht hat, den Vorwurf, daß sie berm Eide einen Unterschied machen nach der Religion Dessen, dem er geleistet wird — allerdings ein schweres Verbrechen, wenn es begründet wäre — diesen Vorwurf nimmt man getrost wie eine leichte Last auf die eigenen Schultern, ohne zu bedenken, wie man die eigene Religion dabei heruntersetzt. Und nun sollen wir unsere religiösen Ansichten lautern, um uns der vollen bürgerlichen Gleichstellung würdig zu machen! Die Ansichten der Christen aber sind weit über alle Läuterung erhaben. Ein ähnliches Resultat gewährt die Beleuchtung des Vorwurfs der lieblosen Gesinnung der Juden gegen ihre christlichen Mitbürger, der in den Verhandlungen an mehreren Orten zum Vorschein kommt. O! möchte doch ein unpartheiischer Genius vom Himmel herabkommen, und darüber richten, auf welcher Seite die Lieblosigkeit zu allen Zeiten größer gewesen, und es noch jetzt ist! Denn auf die Stimme der Geschichte selbst achtet man ja nicht und verkennt ihre Aussprüche, wenn Vorurtheile und Uebermuth den Blick umnebeln! Wollte Gott, die Badischen und andere Deutsche Juden fänden in ihren sämmtlichen Berührungen mit ihren christlichen Mitbürgern keine größere Abneigung *) Man vergleiche das angeführte Gesuch, S. 98—99„

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