Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 5 (28.1.1925)
- Date
- 1925-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Zwei neimatsudier. Erzählung von Meta Opet-Fuß, Breslau. (2. Fortsetzung.) „Sei vorsichtig, damit Du keines der Tierchen zertrittst, laß sie ihr kurzes Dasein ungestört genießen," bat Alfred. Erhst sah den Knaben verwundert an, dann lachte er. „Du bist gar zu empfindsam, kleiner Alfred. Soll ich wie ein Vogel über den Wald fliegen, um nur ja nicht einer häßlichen Kröte das Lebenslicht auszublasen?" Dann wurde der Jüngling * wieder ernst und fügte in mitleidigem Tone hinzu: „Du guter Junge, keinen Wurm könntest Du zertreten, und Dich haben sie heute so sehr gekränkt." „Du sprichst wahr," antwortete Alfred, während sein Antlitz erglühte. „Ich könnte ihnen nicht wehe tun, den schuldlosen Tieren, die gleich mir ohne ihren Willen zum Dasein erwacht sind. Ich aber, ein Mensch, werde schlimmer behandelt als der seelenlose Wurm, mit Kot werde ich beworfen von solchen, denen ich stets Freundlichkeit erwiesen, nur um meines Glaubens willen." Leidenschaftlich stieß er die letzten Worte hervor, und seine zarte Gestalt zitterte wie im Fieberfrost. Die Gedanken des Aelteren aber waren wieder nach dem Lande seiner Sehnsucht zurückgekehrt, und als er sah, wie erzürnt der Knabe über die ihm widerfahrene Schmach noch immer war, regte sich wieder in seinem Herzen die Hoffnung, daß Alfred seiner Lockung folgen würde. „Sie haben Dir sehr wehe getan, und es wird Dir noch oft so ergehen," sagte er. „Darum rate ich Dir noch einmal, daß Du mir dereinst folgst in das Land der Verheißung." „Nein, ich bleibe hier," antwortete Alfred wiederum. „Denn ich habe die feste Zuversicht, daß es dereinst besser werden wird." „Träumer," sagte Ernst geringschätzig. „Wie alt bist Du denn eigentlich? Wenn ich Dich reden höre, so könnte ich mir einbilden, daß Du schon so viele Jahre zählen müßtest, wie ich, Deiner Gestalt nach ist dies aber unmöglich, und Du bist doch auch erst in der Tertia." „In zwei Monaten werde ich 14 Jahre," gab Alfred zurück. „Ich war lange krank und blieb dadurch im Wachstum zurück. Auch in der Schule könnte ich schon um ein ganzes Jahr weiter sein, wenn ich nicht soviel versäumt hätte.“' Ernst sah ihn kopfschüttelnd an. „Deine 14 Jahre will ich Dir wohl glauben, doch Du bist zu ernst für Dein Alter, machst Dir zuviel Gedanken, Du müßtest den Kopf voll lustiger Streiche haben, daan» ’würden. Dich Deine christlichen Kameraden aüÄi nicht mehr hänseln, und später, — ich rate es Dir noch einmal —, solltest Du dieses undankbare Land mit mir verlassen." „Hänseln nennst Du das?", fragte Alfred und sah den anderen mit einem Blick voll tiefen Leides an. „Es traf mich in tiefster Seele, was sie mir heute angetan. Du magst recht haben, vielleicht hin ich zu ernst. Das mag wohl daher kommen, daß ich mich in der Zeit meiner Krankheit zu viel mit den Büchern beschäftigt habe. Und willst Du auch wissen, was ich am meisten gelesen habe, es war die Leidensgeschichte unseres Volkes. Warum werden wir Juden so geächtet? Das fragte ich' mich' oft, ohne es am eigenen Leibe erfahren zu haben. Heute aber ist es geschehen, und es war mir, als ob mir der Boden unter den Füßen wankte, der geliebte Boden meiner Heimat." „Mein Vater ist für dieses Vaterland gefallen," sagte Ernst mit dumpfer Stimme, „gleich Tausenden. Er war mir nach dem Tode meiner früh verstorbenen Mutter der beste, ich kann wohl sagen, der einzige Freund gewesen. Ich war damals wenig mehr als 12 Jahre alt, also alt genug, um mir meines schweren Verlustes bewußt zu sein und den Dahingegangenen aufs tiefste zu betrauern. Zugleich aber regte sich in mir ein jungenhafter Stolz auf das Opfer, das ich dem Vaterlande gebracht hatte. So dachte ich zu jener Zeit. Als ich aber älter wurde und mir die Augen aufgingen, da sah ich, daß nichts anders geworden war. Aerger als jemals wurde auf die Juden geschimpft. Ihre Rechte suchte man zu verkürzen, man mißhandelte sie sogar, ich selbst war einmal zufällig Zeuge eines solchen empörenden Vorfalls. Damals erlosch meine Liebe zu dem deutschen Vaterland, für das auch mein Vater sein Blut vergossen hatte." Alfred hatte ihm mit bewegten Mienen zugehört. „Ein solches Opfer hätte ich freilich nicht bringen können," sagte er, „denn mein Vater war schon lange gestorben, bevor der Krieg ausbrach. Wenn aber auch mein Vater gleich dem Deinigen im Kriege gefallen wäre, ohne daß den Ueberlebenden ein Dank zuteil wird, so hätte ich dennoch nicht den Entschluß fassen können, auszuwandern wie Du. Einer meiner Religionslehrer tat einmal eine Aeußerung, die ich nie vergessen werde. ,Es ist uns Juden bestimmt/ sagte er, »ruhelos umherzuzHien. Auch in Palästina werden wir nicht ungestört wohnen können. Aengstigt Euch darum nicht, lnr Knaben, wir werden dennoch nicht untergehen.4 So ungefähr hatte er gesprochen, er war ein alter Mann, der nun schon ein paar Jahre tot ist." Ernst war ein wenig betroffen. „Der alte Mann könnte recht haben," sagte er. „Ich weiß wohl, daß in Palästina die Juden von den Arabern bedroht werden, doch gerade darum ist es nötig, daß junge, starke Männer sich dort ansiedeln. Viele Glaubensbrüder hoffen, dort ihre letzte Zufluchtsstätte gefunden zu haben, sie bedürfen des Schutzes. Für sie würde ich gern mein Leben hingeben, wenn es sein muß. Ddfch zunächst tut es not, daß ich Dich heimbringe, kleiner Alfred. Siehe, es wird schön dunkel." Alfred blickte auf. „Es wird schon sehr finster,1" bestätigte er. „Gewiß ist es schon spät, auch Du " hlstwöhT keine Ufir bei Dir?44 ' „Doch,44 erwiderte Ernst, „es ist kaum sieben Uhr, so finster dürfte es um diese Zeit eigentlich noch nicht sein, ich fürchte, daß wir ein Gewitter zu erwarten haben. Du hast Dir leider hier einen recht ungünstigen Ruheplatz ausgesucht, zwar sehr romantisch, aber nicht geeignet, um das heraufziehende Wetter zu beobachten. Die dichtbelaubten Bäume, noch mehr aber die hohe Bergwand, verhindern jeden Ausblick nach dem Himmel, warte einmal.44 Behende wie eine Katze kletterte Ernst an einem in der Nähe befindlichen Felsen empor, und bald war er wieder bei dem Freunde, um ihm Är verkünden, daß jeden Augenblick das Unwetter losbrechen könne, und man daher einen geschützten Platz aufsuchen müsse. Mit sicherem Blick hatte Emst bald darauf auch einen solchen Platz entdeckt, und zwar an dem Felsen, der ihm soeben als Wetterwarte gedient hatte, da sich in diesem eine Höhle befand, die zwar etwas unheimlich anmutete, aber zwei Personen zur Not einigen Schutz gegen die Unbilden des Wetters bieten konnte. Behende kroch Ernst in die Höhle hinein, während ihm Alfred zögernd folgte. „Du mußt Dich noch kleiner machen, als Dui bist,44 rief ihm Ernst ermunternd zu, und nachdem Alfred halb kriechend, halb von dem Freunde hineingezogen, endlich kauernd in der Höhle Platz genommen hatte, brach das Unwetter wenige Minuten später mit furchtbarer Gewalt los. Es schien plötz« lieh Nacht geworden zu sein. Der Gesang der Vögel war jäh verstummt. Wie ein leises Zittern ging es durch das unübersehbare Gewirr der Sträucher, während es in den Kronen der hohen, stolzen Bäume zu ächzen und zu stöhnen schien. Drückend lastete die dumpfe Schwüle auf den Pflanzen, den Tieren und den beiden einsamen Menschen. Alles sah sehnsüchtig und doch voll Bangigkeit dem ersten befreienden Windstoß entgegen. Da rauschte es stärker in den Wipfeln. Er war da, der Befreier. Der Wind wurde zum Sturme, und der übermütige Geselle, der alles Schwache nicht leiden mag, jagte dahin wie ein König und fegte hinweg, was ihm nicht Widerstand leisten konnte. Nur die ganz Starken, die Eichen, erkor er sich zum wilden Wirbeltanz, aber auch diese Starken erbebten in seinen Armen. Doch er machte nicht Halt bei den Geschöpfen des Waldes. Zürn Himmel erhob er sich und zerriß die Schleier der Wolken. Um so dichter aber ballten sich die zarten Gebilde zusammen, dunkel und drohend standen sie am Firmament und bildeten einen unheimlichen Kontrast zu dem schmalen, blauen Himmelsstreifen, der schüchtern hervorlugte. Da zuckte der erste Blitz hernieder, und für einen Augenblick schien der Bergwald in Flammen zu stehen, um bald darauf wieder in Dunkel zu versinken, doch eine geraume Zeit dauerte es noch, bis der erste Donnerschlag folgte. (Fortsetzung folgt.) lilgel ca. 150 Instrumente der verschiedenst. altrenommiert. Marken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilzahlung gestattet! Hans ReiocUCo,, Mofzstr.78 IWWWWWWWWWWWWWWW (a. Nollendorfplatzi Generalvertretung von SchiedmayerL.Söhne Sie muffen regelmSKig die Misch-liberale Zeitung lesen! Die Jüdisch-liberale Zeitung ist das bestunterrichtete, lebendigste jüdische Organ. Die bedeutendsten Schriftsteller machen die Jüdisch-liberale Zeitung zu einer religiös erhebenden Lektüre. 3ttfrC der die Erhaltung und die Weiterentwicklung der jüdischen Religion erstrebt muß Mitglied der Vereinigung für das liberale Judentum werden. Er dient damit der Verbreitung jüdischen Wissens und der pflege religiösen Lebens in Haus, Schule und Gemeinde und erhält regelmäßig die Jüdisch-liberale Zeitung für den Mitgliedsbeitrag unentgeltlich zugesandt. . (Hier abirennen und ausgefüllt im Briefumschlag emsenden.) ---- An die Vereinigung für das liberale Judentum, Berlin W S, Mauerstraße 22 3d) erkläre meinen Beitritt zur Vereinigung für das liberale Judentum und erbitte regelmäßige Zusendung der wöchentlich erscheinenden Jüdisch, liberalen Zeitung. Mitgliedsbeitrag von Ml. 2,50 vierteljährlich sende ich anbei folgt auf posischeck'Konto der Vereinigung für das liberale Judentum zu Berlin, NW 7, Nr. 137069 bitte ich durch Nachnahme einzuziehen. (Nichtgewünschtes bitle durchzustreichen.) Name:. Wohnung: An die Jüdisch-liberale Zeitung Berlin W S, Mauerstraße 22 Ich abonniere hierdurch die Jüdisch, liberale Zeitung vorläufig für ein Vierteljahr. Bei Nichtabbestellung verlängert sich das Abonnement jeweils um ein weiteres Vierteljahr. Abonnementsbeitrag von Ml. 2,50 vierteljährlich sende ich anbei folgt auf postscheck-Konto der Vereinigung für das liberale Judentum, Berlin NW r, Nr. 137069 bitte ich durch Nachnahme einzuziehen. 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