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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-28 · 5 (28.1.1925) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
5 (28.1.1925)
Date
1925-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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2^ ' m Grgan -er Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bepigoprüs durch die Gefchilftostelle ^jL-rKch M. 2^0 Sdyedm««er v^0. Bei freier Zusendung1 Inland VLS Kür di« Mitglieder der Vereinigung ist der Be-ugeprei- Lu «in» MUgliedebeittage enchatten. :r :r s Lhefredadtenr: Dipl.-9ng. Srnno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Seitung" erscheint jeden Freitag SchriMeiiun« und SsfchÜttsslsiie: Sevrin, Mauerstratze22. fcrnruf: Amt (Perhur Ilr. 8725 P«1tfd)Mkhontot B«rtlfi1tW?(!r.l37069> «Vereinigung kür Sa« liberale JuDentum) nad)brucfc fflmtlidpar Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Oer ReOaknon gestattet i An-eigenpreise: 0.45 Go. ezeUe kaard. Anze ieUund DönhFf Baswitz, Verlagsad- Ehariottenstr. 96 (Fernsprecher: sowie sSmtl. Annorrcen-Expeditionen Nr. 5 Berlin, 28. Januar 1925 5. Jahrgang Auf zur Wahl! Wählt liberal! Jüdische Organisationsführer für die liberalen Listen. Der Eentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens . ist die führende Vereinigung des deutschen Judentums und hat Unermeßliches im Kampf gegen den Antisemitismus geleistet. Sein Vorsitzender, Zustizrat Or. Julius Bro-nih lagt: Wählt liberal! Der Wahlkampf l>at begonnen. Ob es möglich sein wird, ihn mit der Ruhe und Würde zu führen, die einen innerjüdischen „Kampf", wenn wir dieses Wort brauchen wollen, anszeichnen sollte, erscheint nach den Erfahrungen -er jüngsten Zeit mehr als zweifelhaft. Wir können es nicht ruhig hinnehmen, wenn die national-jüdische Anschauung als die einzige ehrliche und eines seiner Geschichte bewußten Juden würdige Auffassung bezeichnet wird. Das Bild, das schon der Anfang des Wahlkampfes zeigt, beleuchtet Hel! das Streben derer, die von der Einheitsfront aller Juden in Deutschland schwärmen. „Es kann der Beste nicht in Frie-en leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Es brauchte nicht so zu sein. Man spricht so oft von der Entgiftung d^s politischen Lebens. Es ist nicht notwendig, daß der Bekenner einer Welt- und Lebensauffassung in jedem, der sich zu einer anderen Auffassung bekennt, seinen Feind steht, auch wenn jeder alle Kräfte einseht, um seine Auffassung im Leben zur Verwirkiichung zu bringen. Wir Juden sind von unseren Bälern her gewohnt, dauernd mit uns und in uns, frei von dogmatischer Bindung, zu ringen, um zu den Ewigkeilsfragen Stellung zu nehmen. Einem solchen Ringen wird auch der neue Landesverband in erster Linie feine wirklich wertvolle Arbeit zu widmen haben. Ich weiß nur zu gut, -aß das Bild, welches mancher sich von dem Wirken des Landesverbandes macht, ein anderes ist. Ich bin anderer Meinung. Die BerwirkUchnng unseres jüdisch-religiösen Lebens ist eine so große und so herrliche Aufgabe, daß damit dem Verband, auch wenn er nur den Weg für große Arbeit bereitet, ausreichende Aufgaben erwachsen. Ich begrüße es dankbar, daß es dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erspart geblieben ist, in Berlin eine eigene Wahlliste aufzusiellen. Wer stark religiös interessiert ist, und zwar auf liberalem Standpunkte, hat den dringendsten Wunsch, daß in den Landesverband solche Männer und Frauen entsendet werden, die für einen energischen Liberalismus in unserem religiösen Leben eintreten. Wer konservativ eingestellt ist, hat den gleichen Wunsch in konservativer Richtung. Jede andere Situation hätte alle C. V.er in schwere Gewissensbedrängnis gebracht. Vom C.V.-Standpunkt gibt es nur eine Parole: Gegen Nationaljudentum und gegen jüdische Volksgemeinde! Diese Parole eint uns mit den Anhängern aller religiösen Richtungen, die unter dieser Parole ihre Listen gebildet haben. Wir besitzen eine liberale Wahlliste, die nur Männer und Frauen verschlägt, die nicht bloß auf dem Boden dieser Parole stehen, sondern diese Parole auch im Leben bewährt haben. Meine persönliche Liebe gehört dem religiösen Liberalismus. In' aller Würdigung konservativer Anschauungen und in Achtung vor jedem ehrlichen. Konservativen lebe ich der Ileberzeugung: Nur ein wahrer Liberaiismus im Sinne unserer großen Propheten, das heißt kein am Aeuheren hängender, sondern ein in die Tiefen religiösen Erlebens dringender Liberalismus, der sich auch seiner Pflichten gegenüber unserer großen Vergangenheit bewußt ist, kann den Ewigkeits- Lehren unseres Glaubens gerecht werden. Welch großes Ardeitsseld eröffnet sich hier! „Es eifere jeder seiner unbestochenen von Vorurteilen freien Liebe nach!" In diesem Geiste muß und wird der liberalen Liste ein voller Erfolg deschieden sein. Die Vereinigung für das liberale Judentum ist die berufene Vertretung der Interessen aller religiösliberalen Juden, die die Zukunst des Judentums nur durch seine Weiterentwicklung verbürgt sehen. Ihr Vorsitzender, Rechtsanwalt Heinrich Stern sagt: Wählt liberal! Um was gehl die Wahl? 1. Wir wollen deutsche Juden bleiben. Dazu genügt nicht, daß wir korrekte Staatsbürger sind und '-nsere Pflichten erfüllen, sondern dazu müssen wir mit Kultur und Geschichte unseres deutschen Vaterlandes völlig verwachsen sein. In erster Linie also wollen wir deutsch sprechen, deutsch denken und nicht hebräisch. Wer seine Muttersprache erseht durch eine andere, zieht sich aus dem Kulturkreise seines Volkes heraus. Wer sich dem Kulturkreis seines Volkes entzieht, hat nicht mehr das Recht, als Lehrer und Richter desselben aufzutreten. Der Lehrer und Richter muß die Volksseele kennen. Die Volksseele können wir nicht erfassen, ohne mit der Sprache in die tiefsten Schächte des Volkslebens eingedrungen zu sein. Wir wollen aber auch in unserem Judentum deutsch bleiben, d. h. die Arbeitsmethoden, die wissenschaftlichen Errungenschaften des deutschen Geisteslebens für unser Judentum nutzbar machen. Nicht die alte talmudisch-scholastische Methode wissenschaftlicher Arbeit, sondern die historisch-kritische Forschungsmelhode, durch die die jüdische Wissenschaft in Deutschland ihre großen Erfolge erzielt hat, wollen wir beibehalten. 2. Wir wollen liberale Juden sein. Wir glauben nicht an die Anveränderlichkeit des Religionsgesetzes, da wir seinen übernatürlichen Ursprung leugnen. Menschenwerk ist entwicklungsfähig und entwicklungsbedürftig. Ohne Aenderung der Form kein Erhalten des reltgiösen Gefühls weder im einzelnen noch in den Massen. Wir erstreben die Ausgestaltung der Form nicht, um abzrümuen, sondern um aufzubauen. Dabei verbeißen wir uns nicht auf Einzelheiten, sondern wir wollen großzügig neu schassen. Wir wehren uns dagegen, daß das Judentum in einer Gestalt offizielles Judentum bleibt, in der es nur noch von einer verschwindenden Minderheit deutscher Juden gelebt wird. In den Einrichtungen der Gemeinde darf nichts zur offiziellen Geltung erhoben werden, was dem Gewissen der liberalen Mehrheit widerstrebt. Daß nichts geschieht, was dem Gewissen der orthodoxen Minderheit entgegensteht, dafür pflegen die Liberalen schon selbst zu sorgen. 3. Wir wollen Juden bleiben. Wir erwarten von dem Landesverband einen gewaltigen Antrieb des Interesses an innerjüdischen Fragen. Wir müssen eine Verfassung schaffen, die das Leben der Gemeinde nicht nur wenigen Einzelnen ausliefert, sondern die es ermöglicht, die Masse der Juden zur tätigen Mitarbeit heranzuziehen, sei es auf sozialem Gebiet/- sei es auf dem Gebiet der Verwaltung, sei es auf dem Gebiet innerjüdischen Lebens. Vor allem aber erwarten wir, daß die Aussprache in voller Oeffentlichkeit eine Festigung jüdischer Aeberzeugungen herbeiführen wird und daß der grenzenlose Indifferentismus einer bewußten Erkenntnis, einem bewußten Streben, einem bewußten Willen weichen wird. Der Jüdische Frauenbund, in dem jüdische Frauen tatkräftig für das Judentum und gegen die soziale Not im Judentum Kämpfen, ist von jeher für das Stimmrecht der jüdischen Frauen und gegen deren Entrechtung durch die konservative Partei eingetreten. Besonders war hierfür die Stimmrechts- Kommission dieser Vertretungen jüdischer Frauen tätig, deren Vorsitz Frau Helene Meyer-Stargard, unsere Kandidatin, führt. Auch die Vereinigung für das liberale Judentum war von jeher der Ansicht, daß die Mitarbeit der jüdischen Frau am Gemeindeleben eine besonders wertvolle Bereicherung des Judentums darstellt. Darum haben die Liberalen auch auf allen Listen Frauen an sicherer Stelle aufgestellt. Frau Helene Meyer-Stargarsagt: Wählt liberal! Meine Zugehörigkeit zum liberalen Judentum kann id>, dem Beispiel Hillels folgend, mit dem kurzen Satze: liberal sein heißt tolerant sein, begründen. Toleranz verpflichtet mich, anders eingestellte jüdische Weltanschauung versöhnlich zu respektieren. Die treibenden Gedanken des liberalen Judentums liegen für mich in der jüdischen Kultur begründet, die aufgebaut ist auf unserer Ethik und unserer Sittenlehre, sie führen zur Erneuerung der religiösen Kräfte, zu einer Heiligung des Lebens — zulebendl gern Judentum. Die jüdisch-liberale Frau wurzelt in der deutschen Heimat und sieht in einer Verschmelzung von jüdischer und deutscher Kultur die einzige Möglichkeit zur Ueberwindung des Indifferentismus. Den Gedanken der jüdischen Volksgemeinde weise ich als religiös-liberale Frau auf das entschiedenste zurück. Rar in der Erhaltung unserer Gemeinden als relne Religionsgemeinden können sie die Träger der geistigen Ideen bleiben, die wir berufen sind, unter alle Völker der Erde zu tragen. Der Wunsch und Wille zu gleichberechtigter Mitarbeit, die wir Frauen zum ersten Male innerhalb unserer Gemeinschaft an den aufbauenden Arbeiten für das deutsche Judentum leisten dürfen, entspringt dem innersten Bedürfnis, mitzuhelfen an einer Wiederbelebung aller schöpferischen Kräfte der deutschen Juden. Sollen unsere Gemeinden Kulturstätten im höchsten Sinne des Wortes werden, so kann die volle Mitarbeit der Frau nicht entbehrt werden, denn eine Stufe der Kultur kann innerhalb einer Gemeinschaft erst erreicht werden, wenn diese Kultur Besitztum der Frau geworden ist. Solche Erkenntnis hat den jüdischen Frauen auch die innere Einigung gegeben, die sie über alle Parkeiströmungen hinweg, zur Vertiefung und Vergeistigung aller großen Fragen drängt, die sie die große Linie, den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen finden läßt. Wir müssen positive Werte schaffen auf allen Gebieten der Religion, des Erziehungswesens und der Wohlfahrtspflege. Wir müssen bewußt jüdischer werden in Tradition und Geist, im Gefühl und Wollen! In ernstem Streben nach sittticher Einheit werden wir dann in Wahrheit ,chie Auserwählten", das heißt die im Guten Beispielgebenden sein. Die herrlichen Worte unseres großen Führers Abraham Geiger „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft schaffen", sie weisen den Weg dazu. Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens vereinigt in seinen Reihen eine große Anzahl werktätiger Juden. Der jüdische Werkmeister hatte von jeher das größte Interesse daran, daß die religiösen Schätze des Judentums erhalten und gepflegt werden. Den Vorsitz in der Berliner Ortsgruppe dieser jüdischen Handwerkervereinigung führt Louis Wolff. Er sagt: Wählt liberal! Wer seit Iahrzehnlen mit der breiten jüdischen Mittelschicht verwachsen ist, kann in diesen Tagen unzählige Male die Frage hören: „Welcher Partei geben wir am 1. Februar unsere Stimme?" Schon diese Frage allein beweist den Indifferentismus der jüdischen Mittelschicht, der etwa nicht durch die Gleichgültigkeit dieser Kreise am jüdischen Gemeinschaftsleben hervorgerufen ist. Die Fehlerquellen liegen nielmehr in einem gewissen Fatalismus, der von der jüdischen Gesellschaft künstlich gezüchtet wurde. Man müßte schon eine geschichtliche Abhandlung von der Zeit der Iudenemanzipation an schreiben, um zu beweisen, welche Sünden unsere jüdische Geistes- und Geldaristokratie am produktiven Stand, an den schwer um ihre Existenz ringenden Massen begangen hat. Dies soll aber nicht der Zweck dieser Zeilen sein. Ein frischer Wind weht durch die jüdische Mittelschicht;,aus sich selbst heraus strebt sie einer, wenn auch unabsichtlich, so doch künstlich niedergehaltenen religiösen Erneuerung zu, und darin liegt eine tiefe Tragik. Waren es doch im alten Judentum zum großen Teil schlichte Handwerker, zu deren Füßen Tausende von Talmudjüngern saßen, um ihren Wissensdurst an den Aussprüchen dieser Geifteshelden zu stillen. Erst die moderne Gesellschaftsschichtung, die dem Judentum nicht zum Segen wurde, brachte uns eine Abkapselung der breiten Schicht und im engsten Zusammenhang damit eine wirtschaftliche und politische Abhängigkeit, die für die Dauer unertraglich wurde. Das neue Geschlecht macht seine alten Rechte geltend. Unser Stolz war immer der demokratische und soziale Geist, von dem unsere jüdische Gesetzgebung beherrscht wurde; die niemals Herren und Diener, sondern nur Menschen, die im Ebenbilde Go-ttes geschaffen, kannte. So soll und so muß es wieder werden. Wenn wir am 1. Februar im preußischen Staat zur Wahl einer verfassungsmäßigen Vertretung der in Preußen lebenden Juden treten, dann muß die Auffassung der Gleichheit in diesem Gremium unbedingt zum Ausdruck kommen. Nicht nur religiöse, sondern auch soziale, wirtschaftliche, ja sogar jüdisch- und allgemein-politische Fragen stehen zur Entscheidung. Will der jüdische gewerbliche Mittelstand nicht wieder Objekt dieser Gesetzgebung sein, dann muß er durch die Wucht und die Masse seiner Stimmen die Zusammensetzung des, Lgndesoerbandes in einem uns günstigen Sinne entscheidend beeinflussen.

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