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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-23 · 4 (23.1.1925) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
4 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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5. Jahrgang Nummer 4 2, Beilage 23. Zanuar 1923 mm Der jüdische Gottesdienstreform. I. Zu dein Thema „Gottesdienstreform", das durch den Leitartikel in Nr. 44 angeregt wurde, möchte ich noch einiges sagen, und zwar weniger zu dem Artikel selbst Stellung nehmen, als auf die Art und Weise eingehen, wie Herr Oberkantor Dr. Pik denselben behandelt. Wenn man auch nicht ganz auf dem revolutionären Standpunkt des jungen Mannes aus Nr. 44 steht, so muß man doch als wahrheitsliebender, religiöser Mensch verstehen. daß man ganz allem in der freien Natur, der Schöpfung, Gott den Schöpfer eher oder doch zumindest ebenso finden und erleben kann wie in unserem heutigen Gottesdienst. Was das ausgerechnet mit Iomkippur und Judentum zu tun hat? Daß man dort ganz allein mit sich tatsächlich an seine Sünden und Verfehlungen denkt, einsieht, datz man unrecht getan hat. beschlicht. sich zu bessern und ein wertvolleres Glied der jüdischen Gemeinschaft zu werden. Natürlich bann man das in der Synagoge auch tun. aber man kann es nicht so ganz, wenn um einen herum plaudernde Menschen sitzen, die jeden Augenblick auf die Uhr sehen, um zu wissen, wieviel Stunden sie noch fasten ..müssen". Und damit komme ich zu einem anderen Punkte des Herrn Pik. er spricht vom Volke, von seiner tiefversponnenen Geistigkeit.'seinen Leiden, seinen messianischen Hoffnungen. Ich muh ehrlich gestehen, datz ich von diesem Volke noch nichts gespürt und gemerkt habe. Wo es sich um die breite Masse handelt, habe ich immer nur Indifferentismus und Scheinorthodoxie gesehen. Bei den Westjuden handelt es sich mehr um den ersteren, bei den Ostjuden tritt letztere mehr in Erscheinung. Es mag sein, datz Herr Oberkantor Pik als Dorbeter von eigener religiöser Begeisterung erfüllt die Illusion hat, datz die hinter ihm stehende Gemeinde von gleichem Geiste erfüllt ist wie er selbst. Vielleicht würde er aber diese Illusion schon nicht mehr haben, wenn er der Gemeinde von Angesicht zu Angesicht gegeniiberstünde. sEr würde dann auch Tageszeitungen und Bücher sehen, die nichts mit religiösem Inhalt zu tun haben.) Was nun die Zirkel betrifft, über die sich Herr Pik auslätzt. Nun. Herr Oberkantor, in diesen Zirkeln der jüdischen Jugend wird nicht nur Judentum gelernt (Gemeinden und Lehrer versagen ja leider so oft), sondern es wird auch versucht, Judentum zu leben. Unsere Gottesdienste im kleinen Rahmen, unsere Freitag-Wende haben zum Teil schon, was wir in den grotzen Gottesdiensten noch so sehr vermissen, religiöses Gemeinschaftsgefühl; darum dürfen nicht wir auf das Volk warten. Können aber auch nicht den gesamten Gottesdienst revolutionieren und dem Volke sagen: „Da habt ihr einen neuen Gottesdienst." Nein, wir müssen versuchen, immer weitere Kreise für uns zu gewinnen, dann wird sich die Gottesdienstreform als eine immer zwingendere Notwendigkeit ergeben. Ob wir die Gesamtheit erfassen werden, bleibt dahingestellt. Selbstverständlich mutz es unser Ziel sein, ganz Israel für unsere Idee zu gewinnen, und schliehlich die ganze Menschheit (Messianismus). Letzten Endes war es aber doch immer nur eine kleine religiöse Schicht, die das Judentum geformt hat. Die in Bünden und Vereinigungen zusammengeschlossene jüdische Jugend macht allerdings für unsere Zeit den Anspruch, diese Schicht mitzubilden, und ich hoffe, datz auch Herr Oberkantor Pik dies nicht für ideologische Verstiegenheit halten wird. Ilse Münzer, Königshütte. II. Herr Siegfried, der mit seinem Freunde Moses ein Zwiegespräch führt — oder heißen die beiden anders? Ich mutz mich auf mein Gedächtnis verlassen, da mir die Zeitungsnummer, die das Gespräch enthält, verloren gegangen ist — also Herr Siegfried hat an unserm Gottesdienst mancherlei auszusetzen. U. a. ist er ihm zu lang und zu — schön. Gottesdienst ist Seelendienst: Dienst an der eigenen Seele. Ich will im Dethause das heiligste Fühlen meiner Seele überströmen lassen in die Weltseele, auf datz aus ihr in mich hereinslute der Segen der Kraft, des Trostes und der Freude. Das aber kann nur geschehen, wenn weihevolle Andacht in mir ist. Vermag ocker andächtige Stimmung stundenlang anzuhalten? Ich kenne keinen Menschen, bei dem das möglich ist. Und darum mutz ich Herrn Siegfried recht geben: unsere Gottesdienste sind zu lang. Wenn ein Gottesdienst anderthalb Stunden dauert, so ist das reichlich lange, auch an Feiertagen. Wie die Frage des Dersöhnungstages gelöst werden kann, weiß ich im Augenblick nicht zu sagen. Ich glaube, datz die Weihe dieses heiligen Tages schon dahin ist. wenn eine Pause im Gottesdienst eintritt. Auch darin stimme ich Herrn Siegfried bei, datz ein „schöner" Gottesdienst nicht säpin ist. Ein schöner Gottesdienst besieht aus Vortragsnummern: Kantorsolo. Ehorgesang. einer Predigt, die ein Feuerwerk von Geistesblitzen ist. Orgelspiel. Gewiß, ich kann mich auch im Konzertsaal erbauen. Ich kann mich innig erfreuen, am Flutz der Melodien, am Zusammenklang der Töne, an der innigen Vermählung von Wort und Ton. Aber im Konzert genieße ich die Musik um ihrer selbst willen, eine gottesdienstliche Erbauung kann auch vor sich gehen ohne Hilfe der Tonkunst. Ich möchte die Musik, vor allem den Gesang im Gotteshause nicht entbehren, aber die Kunst der Töne darf da nicht herrschen, sie mutz bescheiden dienen. Ein kurzer Gottesdienst, schlicht und würdig in allen Teilen, auch in der Spredisaal, Predigt, wird die andächtig stimmen, die sich erbauen wollen. Die sich erbauen wollen. Denn das mutz ich Herrn Siegfried sagen: Man verlange nicht alles vom Gottesdienst, man muß auch den Willen zur Andacht mitbringen. Ich wohnte einmal dem Gottesdienst in einer orthodoxen Gemeinde bei. in d?m ein wüstes Durcheinander herrschte. Jeder begleitete halblaut den Bortrag des Dorbeters. so datz man diesen kaum hören konnte. Ehorgesang gab.es nicht. Aber auf den Gesichtern der Beter war der Ausdruck inniger Andacht, wie ich ihn sonst vorher und nachher nirgendwo gesehen habe. , Ich schreibe diese Zeilen im Krankenhause. Infolge eines Unfalls war ich monatelang ans Bett gefesselt und brachte dann eine lange Zeit den grötzten Teil des Tages im Lehnstuhl am Fenster zu. Nur ein kleines Stückchen Welt zeigte sich mir da: ein Rasen, Obstbäume darauf, im Hintergründe Häuser und der Turm einer Kirche, darüber ein Stück Himmel. Aber dies kleine Stückchen Welt gab mir viel innige Freude. Ich sah den Tag heraussteigen, sah die Venus am Morgenhimmel leuchten, den Mondschein auf dem Rasen und den Dächern liegen, sah den Mars hinter den Turm treten und wieder hinter ihm hervorkommen, sah, wenn Nebel herrschte, die Häuser wie graue Schatten und die Bäume schwarz. Mehr Natursreude habe ich im Thüringer Wald, im Harz und in -en Alpen nicht genossen als am Fenster meines Krankenzimmers. Die Natur gibt sich uns, wenn wir uns ihr geben. Und wie mit der Natur, so ist es mit der Kunst und der Religion. Ein Gottesdienst kann uns nur dann andächtig stimmen, wenn wir den Willen zur Andacht mitbringen. Wir müssen uns dem Gottesdienste geben, auf datz dieses Geben ein seliges Nehmen werde. L. Meyer- Lünen. Die Speisegesetze. Mit aufrichtigem Interesse verfolge ich die Aussprache, die seit einigen Wochen im Sprechsaal der „Jüdisch-liberalen Zeitung" über die Speisegesetze erfolgt. Ist sie doch ein Beweis dafür, datz man an den religiösen Fragen nicht gleichgültig vorübergeht. sondern sie durch ernste und eifrige Erörterung klären möchte. Don diesem Gesichtspunkt aus sind die Ausführungen der Frau Mathilde Wertheim (Aachen) freudig zu begrüßen. Sie gehört nicht zu den vielen, welche meinen, es lohne sich nicht, über diese Dinge noch ein Wort zu verlieren. Sie weiß, datz viele Jahrhunderte lang die Speisegesetze eine große Rolle im jüdischen Leben gespielt haben, datz sie zwar in der Bibel verhältnismäßig kurz behandelt werden, um so ausführlicher dagegen in der Mischnah. im Talmud und in den nachtalmudischen religionsgeseklichen Werken. Aus ihrem religiösen Empfinden heraus hat Frau Wertheim ihre Frage an uns liberale Rabbiner gerichtet. Wenn ich sie richtig verstanden habe, so ist es ihr darum zu tun. von uns zu erfahren, ob der große Komplex der Speisevorschriften preisgegeben werden kann, ohne das Gesamtgebäude des Judentums zu schädigen. Soweit es in den Spalten einer Zeitung möglich ist. hat Kollege Wilde (Magdeburg) die gestellten Fragen in echt liberalem Sinn beantwortet. Allein ich glaube, die ganze Angelegenheit ist zu schwierig, als datz sie in Zeitungsaufsätzen auch nur einigermaßen befriedigend gefördert werden tzönnte. Welch erstaunliche Unklarheit in unfern jüdischen Kreisen über die Speisegesetze herrscht, ersieht man beispielsweise aus dem Eingesandt des Herrn Lichtenstädter (Nürnberg), der allen Ernstes glaubt die Vorschriften seien aus Ekel und Widerwillen gegen bestimmte Tiere heroorgegangen, eine Auffassung, die im talmudischen Schrifttum entschieden abgelehnt wird. Wir bedürfen eines Buches, das einmal eingehend und für jeden Laien verständlich den Gegenstand erörtert. Das Buch des verstorbenen Rabbiners.Dr. A. Wiener (Oppeln), das mit großem Fleiß und reicher Sachkenntnis geschrieben ist, ist in Laienkreisen fast unbekannt. Nicht wohl deshalb, weil die gesamte Auflage von orthodoxer Seite aufgekauft worden wäre (wie Frau Wertheim erzählt), sondern offenbar deshalb, weil das Buch für den Nichtfachmann einfach nicht lesbar ist. Es ist ein Buch für Fachgelehrte; es wimmelt geradezu von hebräischen Zitaten aus dem weitverzweigten jüdischen Schrifttum, denen keine Uebersehung beigefügt ist. Bezeichnend ist es auch, datz das Buch neben dem deutschen Titelblatt noch eins in lateinischer Sprache aufweist. Ein derartiges Buch konnte natürlich nicht in weitere Kreise dringen, um für die Ansichten seines Verfassers Propaganda zu machen. Seit mehreren Jahren gehe ich mit dem Gedanken um, ein kurzes Buch über die Speisegesetze zu schreiben, das weiteren Kreisen verständlich ist. Vielseitige Berufsarbeit hat mich bisher daran gehindert, doch hoffe ich. über kurz oder lang die Mutze dafür zu finden. Ein solches Buch halte ich in unserer Zeit für ein dringendes Bedürfnis. Und nun noch ein kurzes Wort zu den Ausführungen des Kollegen Fuchs (Chemnitz) in Nr. 2 dieses Blattes. Mit Recht verlanot Fuchs vom Liberalismus, datz er positive Forderungen stellt. Mit Recht verlangt er, baß die Religion das Leben meistern soll, indem sie es veredelt. Ob aber die Speisegesetze dazu angetan sind, unser Denken und Empfinden zu adeln, das eben ist Baumkuchen Torten * Feingebäck mit garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus Konditorei Paul Kühler . I■ l I ,' ■ Gegründet 1827 Berlin NW6, Albrediisirafee 19 Telephon: Norden 2180 die große Streitfrage. Fuchs meint, man müsse, um die Speisegesetze als aufhebenswert hinzustellen, zuvor den Beweis erbringen, datz sie unserm heutigen Denken und Fühlen widersprechen. Es kann aber Kollegen Fuchs doch kaum unbekannt sein, datz die Speiscvorschriften dem Denken und Fühlen vieler ernst zu nehmender Juden unserer Tage tatsächlich widersprechen, und datz diese unsere Glaubensgenossen ^re Befolgung aus solch inneren Gründen — nicht aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit — ablehnen. Wenn Fuchs es nun aber gar für „religiös dringend wichtig" hält und „für eine Forderung der Selbst treue des Liberalismus gegenüber seinen eigenen Prinzipien, datz er die Beobachtung der Speisegesetze seinen Anhängern zur Pflicht macht (vorbehaltlich einer Revision in Einzelheiten)", so mutz, gerade aus Gründen der Treue der Liberalismus gegenüber seinen eigenen Grundsätzen, gegen diese Ausfassung mit aller Entschiedenheit Einspruch erhoben werden. Das liberale Judentum unterscheidet sich von dem.orthodoxen doch eben dadurch, datz es seinen Anhängern die Befolgung nur derjenigen Zeremonien aufcrlegt, von denen es fest überzeugt ist, datz sie imstande sind, jedem Juden religiöse Erhebung und Weihe zu bringen. Daß die Speisegesetze diese Kraft nickt bei jedem Juden besitzen, steht für den Liberalismus außer Zweifel. Deshalb überlätzt er die Befolgung dieser Vorschriften dem religiösen Empfinden des einzelnen Juden. Alle Achtung vor der ehrlichen Ueberzeugung des Kollegen Fuchs; aber den Boden des religiös-liberalen Judentums hat er mit seiner Forderung verlassen. Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld. ianos u.|lflgel ca. 150 Instramente der verschiedenst. altrenommiert. Marken stets vorrätig, auch Kunstspielpianos Bequeme Teilzahlung gestaltet! Hans RehbocUCo., Mo!zstr,78 HHHBBHBBHBHBHHHl (*■ Köllenilorfpiatc) Generalvertretung von Schiedmayer&Söhne nticnwnepnidic Kmstii „Privat?; cKenetie«i&iM« edlen rmorfenhMeit fatalem Hergestetlfe 54 CIGARETTE. ERMS 19 GRAUL W # W m w # #

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