Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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T Nürnberg, Eine beliebte und angesehene Persönlichkeit, einer der Senioren unserer Gemeinde. Herr Halomon Weil, wurde am 13. Januar unter großer, Beteiligung von seiten der jüdischen, Bevölkerung und der Verwaltung der Gemeinde zu Grabe getragen. Der Verstorbene war Mitbegründer des israelitischen Witwen- und WaisenvereinS und hat der Verwaltung dieses Vereins Jahrzehnte als eines der eifrigsten und tätigsten Mitglieder anaehört. Den Witwen und Waisen galt sein Interesse und seine liebevolle Fürsorge fast bis ans Ende seines Lebens. Auch sonst hat dieser rechtlich gesinnte und praktisch veranlagte Mann gern mitgearbeitet, wo es galt zu helfen und zu fördern. Schon vor vielen Jahren hat Herr Salomon Weil, um. die Liebe zum Handwerk bei den Juden zu wecken, eine große Stiftung zur Ausbildung von jüdischen jungen Leuten im Handwerk gemacht. Salomon Weil konnte noch die goldene und diamantene Hochzeit mit seiner verstorbenen (Sattln feiern und war bei dieser Gelegenheit Gegensiand großer Ehrungen, vyn seiten der Gemeindeverwaltung und von seiten des Witwen- und Waisenvereins. Der Name dieses Mannes wird alle Zeit in Ehren in der Nürnberger Gemeinde gehalten werden. Stettin. Ein erfreuliches Bild harmonischen Zusammenwirkens der Gemeindebehörden untereinander und der Gemeindebehörden mit den Beamten der Gemeinde bot eine festliche Veranstaltung aus Anlaß der 25jährigen Amtswirksamkeit des Herrn Iusiizrat Dr. Lewin als Vorsitzender des Repräsentanten-KollegiumS und der Herren Justizrat Moritz, Sanitätsrat Dr. Adler und Gustav Treuensels als Mitglieder der Gemeindebehörden. Die Feier wurde durch den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Benno Feldberg, an festlich geschmückter Tafel mit einer Rede eröffnet, deren Kernpunkt eine eingehende Würdigung der Jubilars und ihrer Verdienste bildete. In ernsten und heiteren Neben wurden weiterhin nicht nur Angelegenheiten der Stettiner Gemeinde, sondern auch Fragen besprochen, die das Interesse der gesamten deutschen Iudenheit berühren. Der anregende Verlauf des Festes wird allen Teilnehmern sicher rech! lange in angenehmer Erinnerung bleiben. Witten. Am 30. Januar begeht Herr Georg Blank seinen 76. Geburtstag. Herr Blank ist seit 45 Jahren ehrenamtlich im4 Gemeindedienst tätig, und zwar zuerst als Repräsentant und seit 15 Jahren als Vorsitzender des Synogogenvorstandes. Aus -er Bewegung. BreÄau. (Liberaler Verein der Synagogengemeinde zu Breslau.) Am Dienstag, den 20. Januar, fand hier die erste große liberale Wählerversammlung statt. Der Kammermusiksaal war außerordentlich stark besetzt, etwa 900 Personen nahmen an. der Versammlung teil. Justizrat Dr. Cohn-Dessau, der bekannte Parlamentarier und Führer der Liberalen sprach in begeisterten Worten zur liberalen Wählerschaft unserer Stadt. Seinen Ausführungen lag das liberale Programm zugrunde, das für religiösen Aufbau und deutsches Judentum emlritt. Als erster Diskussionsredner sprach der Zionist Dr. Prager, der das liberale Programm scharf anariff und zu behaupten wagte, daß das liberale Judentum nidjt positiv eingestellt sei und eigene Programmpunkte nicht zu entwickeln habe. Er vertrat den eigenartigen Standpunkt, daß jeder Jude im tiefsten Innern zionistisch eingestellt sei, was von den Anwesenden fast ausnahmslos als übelste Demagogie empfunden wurde. Seine Ausführungen fanden bei dem zionistischen Sturmtrupp, der in der Versammlung geschickt verteilt war, lebhaften Beifall. Der nachfolgende Redner, der versuchte, sich mit den Zionisten in sachlicher Weise auseinanderzusehen, wurde durch das wüste Treiben der Zionisten am schaff .Skat. Sie wissen doch wie das so bei Jägern ist: Sie trinken sich einen über den Durst und dann haben wlr den Salat." Im gleichen Augenblick tritt ein Arbeiter auf mich zu, packt mich an den Arm und ruft mit Donnerstimme: „Wir haben den Saal gemietet und sollen uns jetzt vor denen da verkriechen? Wir werden sofort mit der Sitzung beginnen, mag kommen, was da kommen mag!" Ein unvergeßliches Bild. Das schwache Petroleumlicht im vergeblichen Kampf mit den Rauchschwaden. An einem Tische auf der rechten Seite des kleinen Raumes acht Leute in Jagdkleidung. Flinte zwischen den Beinen, Hunde rieben sich. Links im Saale zwanzig Arbeiter, darunter der Lehrer des Dorfes, ohne Sitzgelegenheit in geheimnisvollen Vorahnungen über die Entwicklung, die der Abend nehmen könnte. Als ich in diesen Kreis trete, beginnt das Skandalieren an dem Jägertisch. Jede ousgespielte Karte wird laut genannt und mit einem gewaltigen Faustschlag auf den Tisch gelegt. Im linken Teile des Raumes wird von einem Maurer die Sitzung e r ö s f n c t und mir das Wort erteilt. Die Jagdgesellschaft nimmt von dieser Versammlung keine Notiz, kann aber nicht verhindern, daß ich mit lauter Stimme ein einstündigeS Referat halte. Es klingt in ein begeistert aufgenvmmenes Hoch auf den liberalen Kandidaten und das deutsche Vaterland aus. Verdutzte Gesichter auf der rechten Seite, als hier aus zwanzig Arbeilerkehlen das Deutschlandlied erklingt. Im Flüsterton werden noch Fragen der Kleinarbeit besprochen. Dann wollte ich mich verabschieden. Da tritt ein junger Ziegelarbeiler an mich heran und erzählt mir, er habe soeben an dem Bauerntisch gehört, man wolle es dem Juden, der die Arbeiter auf- Hetze, heule Abend schon zeigen: „Sie dürfen unter keinen Umständen mit dem Rade nach Haus fahren, sondern müssen hier über Rocht bleiben. Der Wirt hat es abgelehnt, Ihnen ein Zimmer zu geben, weil er dann den Boykott der Bauern fürchtet. Der steckt überhaupt mtt den Bauern unter einer Decke, obwohl er in der Hauptsache von den Arbeiiergroschen lebt." „Dann kommen Sie eben zu mir," spricht einladend der Vorsitzende der -Ortsgruppe, ein biederer Maurersmann und schlägt mir mit seinen schwieligen Fäusten vertraulich auf die Schultern. Wie oft habe ich beim „Griffekloppen" auf dem Kasernenhof an diesen Schulterschlag gedacht! Also in des M a u r c r ö Haus. Schneetreiben, daß man es nicht wagen kann, den Kopf in senkrechte Haltung zu bringen. Hundert Fehltritte, an Düngerhaufen vorbei und über Dünger- Haufen hinweg. Endlich ein kleines Bauernhäuschen, in dem Mensch und Vieh in trauter Eintracht beieinander wohnen. Aus der Diele grüßen mich alle Fakultäten der Kleintierzucht. Drei Schritte weiter die Pforte des ehelichen Glückes unseres braven Maurermannes, eine kaum mannshohe zerfallene Tür, in die ich mich, ruhrbedürftig, begeben wollte. »Einen Augenblick, lieber Freund, so schnell schießen die Preußen nichts Uni der Hausherr Klopft laut an die Tür. ,Line. stek auf. geh zu Muttern ins Bett, wir haben Besuch!" Ehe ich die Situation klären konnte, öffnete sich die kleine Tür und vorbei huschle an mir die 19jährige Tine. Ich schließe die Augen . . . Eine einladende Geste des Herrn des Hauses: „Das Bett ist frei, lieber Freund! Schlafen Sie so gut, wie das ein Städter in einem einfachen Bauernbett kann." Draußen bellten die Hunde der Jagdhcrren, vergeblich auf Menschenbeute wartend. Was sind seidene Kissen eines hochfürstlichen Daunenbettes gegen buntkariertes Banernleinen in solcher Rächt! (Fortsetzung folgt.) I Weiterreden verhindert. Trotz -er fortwährenden Störungsoersuche gelang es schließlich -er Versammlungsleitung. die ln den bewährten Händen unseres Spitzenkandidaten Alfred Bielfchowsky lag, -ie Ruhe wieder herzustellen und Herrn Rabbiner Dr. VoaelstÄn das Wort zu erteilen. Er entwickelte das Programm -es rellgiös-liberalen Judentums und zeigte öle Momente auf, für die die liberalen Kandidaten eintreten werden. Nachdem Rechtsanwalt Jakobsohn, der Vorsitzende der hleflgen zionistischen Bereinigung, eine Erklärung abgegeben hatte, in welcher er erklärte, daß er die skandalösen Vorgänge nicht zu entschuldigen vermöchte, verließen die Zionisten die Versammlung. Justizrat Dr. Cohn-Dessau, hielt sein Schlußwort und mahnte nochmals, am 1. Februar die Sttmme nur den liberalen Kandidaten zu geben. Der Abend zeigte in voller Deutlichkeit, welche Kreise hinter der zionistischen Partei stehen und gab ein deutliches Bild, von Len Rohlingen, die die Versammlung zu sprengen versuchten. Gerade dieser Abend aber wird den Breslauern auch gezeigt haben, daß die Erhaltung des deutschen Judentums nicht durch die Demagogie der Zionisten, sondern nur durch Erfüllung des liberalen Wahlprogramms gesichert werden kann. DreSlau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger") Am 6. Januar trat unter Leitung von Hermann Sachs unsere Gruppe 1 zusammen. Das zweite Kapitel der sittlichen Pflichten des einzelnen: Bescheidenheit und Dankbarkeit gelaugte zur Besprechung. Am 13. Januar sprach Lotte Rosenthal zu uns öder ihre Eindrücke vom Magdeburger Delegiertentag, seiner Arbeit und seinen Ergebnissen. Mit besonderer Aufmerksamkeit folgten die Anweseirden den Ausführungen des Referates: Wie gewimren wir den jungen jüdischen Menschen für unsere Gemeinschaft? Die Aussprache ergab völlige Übereinstimmung mit den Wünschen mrü Anregungen der Referentin unter besonderer Betonung der Notwendigkeit der Betätigung weiblicher Kreise und der sozialen Arbeit. Unser Dorsihender, Herr Dr. Korn, schloß den Abend mit der Aufforderung an alle Mitglieder bei den Wahlen zum Landesverband energisch für den liberalen Wahlvorschlag zu arbeiten. Dortmund. Rach monalelanger, hauptsächlich durch die Herren Arthur Rosenberg und Lchrer Nußbaum mit großer Zielsicherhei! geleisteter Vorarbeit, die Herr Generalsekretär Dickmann, Berlin, durch einen beifällig aufgenommenen Bortrag vor längerer Zeit unterstützt hatte, war endlich der Boden bereitet, auf dem nach einem wetteren sehr instruktiven Vorträge des Herrn Dr. Mayer, Berlin, über „Die Bestrebungen der Vereinigung für das liberale Judentum und unsere Stellungnahme zu den Landeswahlen" am 16. Januar eine Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum entstehen konnte. In der gut besuchten Versammlung im großen Saale des Kölnischen Hofes waren auch Gegner anwesend, die gern die Bildung des Vereins hintertrieden hätten. An der Straffheit der Versammlungsleitung durch den bisherigen Obmann, Herrn Lehrer Nußbaum, prallten aber alle Störungsversuche ab. Nach getätigter Vorstanüswahl übergab er mit Dank für die Unterstützung, die ihm von verschiedenen Seiten zuteil geworden war und mit einem warmen Appell an die Anwesenden, dem soeben gegründeten Verein beizutreten, die Leitung Herrn Richard Flörsheim. Dieser dankte alten, insbesondere Herrn Rußbaum für das erreichte Ziel, dann zeichnete er mit treffenden Worten den Geist, in dem er den Verein zu rette« gedenk« und eröffnet« dl« Aussprache über den MUdttschen zum Eintritt in einen anderen Verein aufforderte. In seinem Schlußwort ging dann Herr Dr. Mayer auf alle gegnerischen Ausführungen ln ungemein schlagfertiger und geschickter Weise ein und tat sie in klugen, wohl gefetzten Worten ab, wofür ihm Anerkennung und herzlicher Dann von vielen Seiten ausgesprochen wurden. Der neue Verein zählt bereits 110 Mitglieder. Möge er zum Segen unserer Gemeinde blühen, wachsen und gedeihen. Gelsenkirche«. Me Ortsgruppe Gelsenkirchen der Vereinigung für das liberale Judentum besteht erst seit vier Wochen, hat aber in der kurzen Zeit ihres Bestehens eine rege Tätigkeit entfaltet und zeigt eine erfreuliche Entwicklung. Die Mitgllederzahl ist auf mehr als 100 angewachseu, und die bisher gehaltenen drei Vorträge erfreuten sich eines starken Besuches. Nachdem Herr Generalsekretär Dickmann, Berlin, am 20. Dezember den Reigen der Vorträge eröffnet hatte und dabei die Ortsgruppe gründete, sprach eine Woche spater Frau Dr. Schönewald, Bochum, in geistvoller und fesselnder Weise über dckr Landesverband, und am 18. Januar hielt Herr Dr. Mayer, Berlin, einen Vortrag über: „Die Ziele unserer Bewegung und unsere Stellungnahme zu den Wahlen." In scharfen Strichen zeichnete er ein Bild des jüdischen Liberalismus, das diesen vor den Augen der gespannt lauschenden Zuhörer, die in großer Zahl erschienen waren, gewissermaßen plastisch heroortreten ließ. Dann zeigte er in kraftvollen Worten, wie aus den Forderungen dieses liberalen Judentums die Notwendigkeit erwächst, auf der Wacht zu sein gegenüber den vereinten Bemühungen der Orthodoxen und Zionisten, die Erneuerung des religiösen Judentums zu ersticken. Den Ausführungen des Redners folgte begeisterter Beifall, und sie haben unserer Ortsgruppe wieder neue Milglieder zugeführt. MM Versammlungskalender. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E.D.) Sonntag, den 25. Januar, vormittags 11 Ilhr: Wählerversammlung im Lehrervereins-' haus, Großer Saal. Alexanderplah. Näheres siehe Inserat. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischeu Gemeinde zu Berlin E. V.) Montag, den 26. Januar, abends 8 Uhr: Wählerversammlung im Cafe Gärtner, Holsteiner Ufer 27-28. Näheres siche Inserat. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger".) Geschäftsstelle Breslau 7, Höfchenstr. 61, 2 Tr. l. Vereinslokal: Vereinszimmer des Konzerthauses, Garteustraße, Eingang Portal 1» part. links. Die General-Versammlung findet infolge der Vorbereitung zur Landesverbaudswahl nicht am Menslag, den 27. Januar, sondern erst Dienstag. den 3. Februar statt. Alle Mitglieder werden wiederholt dringend ersucht» sich sofort zur Wahlhilfe beim Vorsitzenden Herrn Dr. Ludwig Korn, Breslau 18. Kaiser-Wilhelm-Str. 171, Telephon Ring 2988 zu melden. Außerordentliche Gelegenheit! 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W. leipziger Sir. 9*11.