Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-23 · 4 (23.1.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
4 (23.1.1925)
Date
1925-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613792--1158-3526459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

J Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V4 jährlich M. 2,50, (kinzelrmmmer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Kür die Mitglieder -er Vereinigung ist der Bezugspreis :: s :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. n :: rr Chefredakteur: Dipl..Ing. Brun» Woyda. Die „liidtfcb - liberale-Zeitung“ erscheint jeden frcftag, Bcbriftlettung und Geschäftsstelle. Berlin, JVIauerftr. 22. femruf» Hmt Merkur pir. 8225 portfcbedtkonto: Berlin N« 7 JTr. 137069 (Vereinigung für da« liberale 'Judentum) Flachdruck fämt.fcher Original- B eitrige nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattctl A n z e i g e n p r e i f e: Oie 12 gespaltene Äonpareillezeile 0,45 Soldmark. die Reklamezeile 3,00 Goldmark, -ei :: n Wiederholungen Rabatt. :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Verlag», abteilung, Berlin SW 6«, Sharlottenstr. Sv (Kernsprecher: Dönhoff 5360-65), sowie sSmtl. Annoncen-Sspeditiontn. Fr. 4 Berlin, 23. Januar 4925 5. Jahrgang Kür die liberalen Listen! Wir haben eine Reihe führender per. fönlichkelten des deutschen Judentums, die zu den Wahlen am 1. Februar auf den liberalen Listen kandidieren, darüber befragt, warum sie für die liborale Sache eintreten. Herr Iustizrat Bernhard Breslauer, der alte Vorkämpfer für die Weiterentwicklung unserer Religion und Ehren. Vorsitzende der Vereinigung für das lib erale Judentum, ha tu ns in folgenden Zeilen geantwortet: Es geht zur Wahl für den Landesverband. Möge jeder preußische Jude seine Pflicht tun! Wählt die Liste der Liberalen, damit in der Landesversammlung die liberalen Anschauungen zum Ausdruck gelangen, damit den Liberalen hie Mehrheit im Verbände zufällt. Mir, die Liberalen, sorgen dafür, daß das Juden- '» tum als Religionsgemeinschaft erhalten, daß es nicht zur Volksgemeinschaft herabgedrückt wird. Statt jedem seine Meinung -zu lassen, wollen die Zionisten euch zwingen,Rationaliuden zu werden. Ihr abhr und wir Liberalen, wir wollen Deutsche Mischen Glaubens bleiben. Wehrt euch dagegen, daß eure Gemeinden in jüdische, Volksgemeinden, eure Schulen in nationaljüdische Schulen umgewandelt werden. . Der Zionismus will euch in Deutschland zu Landfremden machen: bereitet den Antisemiten nicht die Freude, daß jene ihr Ziel erreichen. Die Liberalen hängen treu an ihrer Religion, aber sie wollen sie nicht verknöchern lassen. Alles in der Welt unterliegt dem Wechsel, dev Fortentwicklung, auch die Religion. Die Liberalen wollen nicht Umstürzen, sondern erhalten. Zum Erhalten aber gehört das Abschütteln verdorrter Aeste und Blätter, sonst kann der Baum nicht Kräftig gedeihen. Wer aber nur sein Augenmerk darauf richtet, alles fesizuhalten, was einmal war, wer immer nur in die Vergangenheit schaut und seinen Blick vor der Zukunft verhüllt, der erhält nicht, sondern zerstört, mag er sich konservativ nennen oder verschämt sich als Mittelparteiler bezeichnen. Alle religiösen Geister für den alten Glauben wachzurufen und. der Religion den Boden für die Zukunft zu ebnen, ist ausschließlich Sache der Liberalen. Darum wählt die Liste der Liberalen! Einer der bewährtesten rabbinischen Führer, Herr Rabbiner Or. Cäsar Seligmann, ruft mit zündenden Worten die Wähler zur Erfüllung ihrer Pflicht, das heißt zur Wahl der liberalen Listen auf. Deutscher Jude! Deutsche Jüdin! Warum sollst du zum Landesverband der preußischen Juden die Liste des liberalen Judentums wählen? Weil das liberale Judentum von inniger Liebe zur großen jüdischen Vergangenheit erfüllt und fest im Willen zum Judentum wurzelnd, dennoch nicht nur eine Religion der Vergangenheit, sondern der lebendigen Gegenwart sein will. Weil das liberale Judentum allein die adäquate Form des Judentums der Gegenwart ist. Weil das liberale Judentum allein dem deutschen Juh.en den geradlinigen sicheren Weg der Zukunft verbürgt. Weil fast alles, was seit Mendelssohn dem deutschen Judentum die geistige Führerschaft unter den Juden der . Erde verliehen, eine Errungenschaft des liberalen Judentums ist. Als im Zeitalter der Emanzipation Zerrüttung in Israel herrschte, als die Men versagten, als die Orthodoxie dem Abfall der geradenwegs aus ihren Häusern hervorgegangenen Kinder hilflos zuschaute, als die Gebildeten in Scharen das Judentum verliehen — wer war es, der damals aufsland, eine neue Mutter in Israel, und die abtrünnigen Kinder mit liebevollem Verstehen wieder an sich zog? Wer hat sich der Seuche der Taufe entgegengestellt? Wer hat als neue Seelenmacht ein hohes jüdisches Selbstgefühl geschaffen, aus dem letzten Endes die heutigen extremen Richtungen ihre «Kräfte ziehen? Mer hat durch die Wissenschaft entum ein neues Fundament geschaffen? Wer hat des verwahrlosten Gottesdienstes, der zum Gespött der Völker geworden war, sich angenommen, ihn veredelt und die Entfremdeten wieder der Religion der Väter zugeführt? Wer hat die Schulen geschaffen, den Religionsunterricht organisiert und all die großen neuzeitlichen Organisationen des Judentums in erster Linie aufgedaut? Das liberale Judentum! Trotzdem man es in jedem Jahrzehnt aufs neue totgesagt hat. Das liberale Judentum, meist in schwerem Kampf mit den Alten, die jeden Fortschritt, jede lebendige Erneuerung mit Bcmnsprüchen und Verketzerung, mit Denunziationen und Einschüchterung aufzuhalten versuchten. Wie die politische Dolchstoß-Legende, so unwahr und empörend ist das Reden derer, die für alle Sünden des vergangenen Jahrhunderts, für die würdelose Preisgabe religiösen Erbgutes das liberale Judentum belasten. So heiß wie im Herzen irgendeines deutschen Juden lodert in unserem Herzen der Witte zum Judentum. Aber unser Herz hängt, wie an der Religion der Väter, so an der deutschen Erde, unsere Seele ist der deutschen Kultur aufs tiefste verbunden. Das liberale Judentum vergißt nicht des Elends der Judengasse und der Knechtsgestalt des in seiner Isolierung verkümmerten. Judentums. Darum will es nicht die .Hand reichen zur Aufrichtung eines neuen gesellschaftlichen und kulturellen Ghettos, das am Ende des Weges des neuen Rationalismus liegt. Und das liberale Judentum will sich nicht wieder unter das kaudinische Joch einer unduldsamen Orthodoxie begeben. Wie das liberale Judentum für jeden Juden Gewissensfreiheit und religiöse Handlungsfreiheit fordert, so gewährt es jedem Raum zur eigenen Entfaltung und steht jeden Juden, gleichviel ob Mann oder Frau, ob liberal oder anders eingestellt, als gleichwertig an. Darum ist das liberale Judentum die einzige wahre Schutzwehr der religiösen Einheitsgememde. Um das Schicksal des deutschen Judentums gehl es: Wer ein lebendiges Judentum der Gegenwart, wer ein Judentum der Duldsamkeit und der prophetischen Weite erhalten wißen will, wer, ohne sich als Jude zu verlieren, mit der Seele des deutschen Volkes verbunden bleiben will, so rvie es Moses Mendelssohn und Gabriel Rießer, Leopold Junz und Abraham Geiger, Moritz Lazarus und Hermann Lohen waren, der sammle sich um das Panier dieser Großen in Israel und gebe seine Stimme der Liste des liberalen Judentums. Herr Gemeindera-bmer Or. Hermann Vogelstein, der in Breslau von der Kanzel, von der einst Abraham Geiger predigte, im Sinne des jüdischreligiösen Liberalismus wirkt, sieht gleichfalls auf der Landesliste der Vereinigung für daS liberale Judentum. Er schreibt uns: Seit der Emanzipation der Juden, d. h. seit dem Edikt vom 11. März 1812, hat das preußische Judentum keine einheitliche Organisation. Der Staat, der vorher wegen der solidarischen Haftbarkeit der Juden ein Interesse daran hatte, brauchte sie nicht mehr. Das war insofern günstig, weil anders als in anderen Religionsgemeinschaften nunmehr die einzelnen Gemeinden in ihrer religiösen Stellung und Entwicklung frei waren. Die Kehrseite dieser Auflösung in Einzelgemeinden ohne Zusammenhang war die Schwierigkeit der Errichtung und Erhaltung gemeinsamer Institutionen, die Gefahr der zunehmenden Verwahrlosung der leistungsschwachen kleinen Gemeinden. Der deutsch-israelitische Gemeindebund, die provinzial' oder Landesverbände, sväter der Verband der Deutschen Juden suchten die gemeinsamen Aufgaben zu lösen und haben viel Gutes gewirkt. Endlich ist es gelungen, in dem Landesverband preußischer Synagogengemeinden eine umfassende autoritative Organisation zu schaffen, die, ohne die religiöse Freiheit der Einzelgemeinden zu gefährden, die der Gesamtheit zufallenden Aufgaben zu löfen und die Vertretung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu übernehmen in der Lage ist. In welcher Weise der Landesverband wirken wird, das wird wesentlich von der ersten Landesversammlung und ihrer Zusammensetzung abhüngen. Eine grüße Masse oraanisatorischer und verwaltungstechnischer Aufgaben yarrt ihrer. Die Verfassung ist vorhanden, aber es gilt, sie in Wirksamkeit zu übersehen. Es wird auf den Geist ankommen, mit dem die Paragraphen erfüllt werden. Verwaltungstechniker und organisatorische Talente werden viel zu leisten haben. Aber vor allem ist das Entscheidende, daß als der leitende Gedanke fesigehalten wird, daß die Versammlung und der Verband jüdisch-religiöse Aufgaben hltt. Die Versammlung sott kein Sprechsaal für politische Erörterungen sein, am allerwenigsten sollen Reden zum Fenster hinaus gehalten werden. Durch die Bildung wt zwei Kommissionen für Kultus- und UnjerrlchtsfrcWN. ist die religiöse Freiheit gewahrt. Mt ÄberyAN wÄMt für die F r e i y e i t d e r r e l i g i ö f e n E n t Wick lung, unter voller Achtung der Anschauung der Konservativen, für den Ausbau des Verbandes als religiöse, nicht nationale Gemeinschaft eintreten. Auf dieser Grundlage werden wir di^ religiösen Interessen der kleinen Gemeinden, ganz besonders den Religioüsunterricht, die gemeinsamen Institutionen für Wissenschaft und für soziale Fürsorge auszubauen, zu schafsien oder zu fördern suchen, für angemessene wirtschaftliche, soziale und rechtliche Stellung unserer Rabbiner, Lehrer, Kantoren und Beamten wirken und die Vertretung der preußischen Judenheit nach außen, insbesondere gegenüber den Behörden, in jüdischem und in vaterländischem Geiste führen. Denn für uns gibt es,keinen Gegensatz und kein Auseinanderklaffen jüdischer und deutscher Gesinnung. Diese enge Verbindung hat das deutsche Judentum groß gemacht, unser Verband soll aus oieser Grundlage arbeiten. Herr Kammergerichtsrat Leo Wolff, der Spitzenkandidat der liberalen Liste in Berlin und verdiente Vorsitzende der Berliner Gemeinde zeigt, warum der liberalen Sache am 4. Februar der Sieg! zuteil werden muß: Die auf Artikel 137 der Reichsverfassung beruhende Zusammenschließung der jüdischen Gemeinen Preußens zu einem Landesverbände, wird zum ersten Male eine Organisation der preußischen Juden mtt amtlichem Charakter bringen und damit dem unerträglichen Zustande ein Ende machen, daß weder im inneriüdiscyen Leben, noch nach außen ein gemeinsamer Wille festzustellen oder ein gemeinsames Vorgehen zu ermöglichen ist. Die Bedeutung der am 1. Februar dieses Jahres vorzunehmenden Wahlen kann demnach nicht überschätzt werden. Wer die Palme erringen, das heißt wer seiner Richtung maßgebenden Einfluß sichern will, muß seine eigenen Reihen stärken und darf den Kampf nicht scheuen. Der Liberalismus hat im Lande so zahlreiche Anhänger, daß man meinen sollte, er.werde mühelos die Mehrzahl oer Mandate an sich bringen. Erfahrungsgemäß bleibt aber ein großer Teil der Wähler zu Hause, und oeshalb heißt es: die Hände nicht in den Schoß legen, sondern eifrig für den Sieg der guten Sache arbeiten! Der iüdisch-liberalen Partei ist von zwei Seiten Geanerschaft erwachsen. Ihren natürlichen Gegner erblickt sie in der Orthodoxie, denn der Liberalismus ttitt für den Fortschritt auch aus religiösem Gebiete ein und bekämvft demzufolge das starre, nritiklose Festhalten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.