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KC-Blätter · 1929-11-01 · Heft 4 (November 1929) · p. Seite 76

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 4 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 76 (sequence 16)
Language
German
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76 Wer diese Sähe Du Moulin-Eckarts liest, mit denen er seine Geschichte der deutschen Anivcrsitäten einleitet, wird über deren erste erstaunt sein. Wir sind beim heutigen hohen Stand der Wissenschaften, bei dem Interesse, das Allgemeinheit und Regierung an Fortschritten der Gelehrsamkeit und Forschung nimmt, und nicht zuguterletzt bei der unter der Republik verbürgten Lehrsrechcit gewohnt, besonders wir Akademiker, die hohen schulen als Zentralsonne des Wissens und Strebens anzuschcn, daß wir uns gar nicht vorznstellen vermögen, dem habe einmal ganz anders sein können. llni> doch zeigen uns schon die ersten Blatter des Du Moulinschen Werks, daß noch zur Hochblüte des Mittelalters, zur Zeit der «Ltanser bis in die Epoche der Luxemburger Kaiser hinein das Studium aller Gelahrtheit, in Deutschland wenigstens, sehr im argen lag. And wäre nicht kaiserliche Eitelkeit, gestützt im Antergrund allerdings vielleicht auch von wirtschaftlichen Erwägungen, die Studenten möglichst im eigenen Lande ihren Pfennig verzehren zu lassen, dem schon lange wachen Wunsch der Lernenden entgegengekommen, wer weiß, ob und wann die ehrwürdige Carolina zu Prag überhaupt ins Leben getreten wäre. Karl IV., des böbmischen Reiches Bater und des deutschen Landes Erzskiesvaier. wollte seinen eigenen Landen geben, was er in hoher Blüte zu Bans und später auch in Italien vorgefunden halte, und so erstand die erste vu'Ik Schnle deutscher Zunge, an der allerdings das Lateinische dominierend blieb wie allenthalben im Mittelalter. Das Streben nach Großmacht läßt nun die benachbarten österreichischen Herzoge nicht ruhen. 1 «nicht i:r>6, wie es fälschlich in der Aeberschrist beißt» ersteht die Wiener Aniversität, bald folgt der Bsalzgraf zu Heidelberg dem östlichen Vorbild, und als lh<»0 zufolge der schon damals lebhafter! vö'.li'chen Kämpfe zwischen Deutschen und Tschechen die deutschen Studenten Brag verlassen und nach Sachsen answandern, erfüllen die Meißener herzöge ihren alten Blau, in Leipzig eine Aniverntät zu gründen. And nun folgen das ganze heilige römische Reich hinauf, hinab Gründungen, meist aus fürNlichem Edrgei;: teils aber, wie in Köln und Erfurt, iit es der gesunde Sinn der Bürgerschaft gewesen, der im eignen Weichbild an Bildung und Anterrichk »ich u» verschossen suchte, was die im Formalismus erstarrte Welt zu geben vermochte. Bestrebungen, wie wir sie in neuester Zeit »Frankfurt. Hamburg. Köln» ja anch wieder sehen. Obenan stand die Theologie und blieb Herrscherin auch nach der Kirchenspaltung selbst in den protestan. t:scheu Ländern bis in die Moderne; erst die Grün, düngen des I>. Jahrhunderts verraten lebendigeren Zug. jenr werde»» geräumige Hörsäle. Krankenhäuser geballt und die notwendige Zahl der Brofessoren de. »teilt. Es mutet uns sonderbar an. wenn wir bei. »vlelswelie von Heidelberg lesen, daß bei seiner Grün» dring nur drer »!» Brofessoren existierten, deren Zahl dann allerdings »1» an! W anttieg. heute verfügt die Ileiniie Fakultät über mehr Dozenten als ehedem eure gaine Hochschule. Dabei mußten die Fakultäten »in Lause der Jahrhunderte gar viele Wandlungen durchwachen, ebe sie das Bild erhielten, das wir beute sehet», und das ja auch wiederum in Wand. In,,gen begriffen ifi i Wirtschaftswissenschaft. Raturwittenschasten». Die Entwicklung im einzelnen zu schildern, hieße den Geiamtindalt des Buches wieder, gebe»» wollen; »vir beschränke»» u»»s hier aus ein. »eine Daten. Groß »ii b»e Zahl ber Aniverlitätcn. die einst in Blüte itaudeu und deute kür uns Schall und Rauch s»"d: Dilliugeu. Altdors. Franlsurt (öder). Erfurt. um nur wenige zu nennen; andere wie Erlangen und Gießen hat vielleicht der Zufall vor gänzlichern Antergana bewahrt, dem sie manches Mal verfallen schienen, und wer die Ereignisse, die Du Moulin darstellt, genauer ansieht, staunt über den Mut und die Weltgcwandtbeit manches Rektors, der nur durch sein persönliches Dazwischentretcn seine Alma Mater vorm endgültigen Garaus retten konnte. Es ist durchaus nicht Du Moulins Absicht, uns eine lückenlose historia aller wohllöblichen Aniversitates zu geben. Vielmehr kommt es ihm darauf an, die Motive ihrer Gründung klarzulegen, die Arbeit ihrer Gründer und ersten Förderer, die anfängliche Entwicklung und Ricderkämpsung der Schwierigkeiten, die sich durch Krieg. Geldnot, Feindseligkeit von Fürsten und Anvcrstand der Bewohner geltend machten. Die folgenden Jahrhunderte werden in ganz großen Zügen gestreift und alsdann ein Ausblick ins 19. Jahrhundert getan, in dem alle Universitäten allmählich den Charakter angenommen haben, den wir heute an ihnen ken»»en, und wo obendrein die allgemeine vaterländisch« Geschichte viel enger mit der der Universität verbunden ist als in früheren Jahrhunderten. Einen genauen Grundriß erhalten wir also von allen Stätten, alsdann sind bedeutsame Gelehrte die weiteren Führer durch das spätere Mittelalter und die frühe Reuzeit, und die Rainen einiger Gelehrten der jüngsten Vergangenheit lassen uns au Bekanntes anknüpfen, so daß »vir also von mehreren Seiten her in die sachlich und sprachlich moiftcrbaft geschilderte Materie eingeführt werden. Wenn der Verfasser am Ende eines jeden Kapitels der belr Aniversität ein Lob ausspricht, so habe»» wir das nicht als eine C.aplatio bencvolentiae aufzu» iafielt; wer au kleinen Universitäten war. »veiß. »vie intensiv dort allenthalben gearbeitet wird, und daß die großen zu den geachtetsten Stätten der Wissenschaft in der Welt zählen, weiß jeder. Es ist ein ständiges Gemahnen au Schillers Spaziergaitg: Siek da entbrennen in feurige»»: Kainpf die eifernden Kräfte. Großes »virlet ihr Streit. Größeres »virket ihr Bund. Denn neben der Anerkennung fi»»det der Verfasser auch kräftige Worte des A,»willens. ja Zorns, wenn er seinen Tadel, meist recht mwerbolen, ausspricht. Das würdelose Verhalten der Brofessoren zur Zeit Rapoleoits. ihre apatriotische Gesinnung (z. B. in Leipzig, aber auch in Preußens, Gelage und Prunk in »chiveren Zeiten, »vie das 17. und 18. Jahrhundert mit sich brachten, stellt er rücksichtslos an den Pranger »»nd schützt feine Kollegen dort nicht, wo ihr Verhalten zur Kritik Anlaß gab. Am so schöner liest »ich die Schilderung der Schicksale der ..Göttinger Sieben", jener aufrechten Professoren, die dem wort» brüchigen König von Hannover feine Meineidigkeit vorkielten und alsdann »'»»spendiert wurden. L>bschon ans einer für unsere Begriffe von 1980 als reaktionär zu bezeichnenden Gesinnung keinen Hehl machend l»»an lese die Schilderung des ..tollen Jahrs" oder Bemerkungen wie ..die Träger des revolutionären Gedankens waren nicht Menschen mit originellen Gedanken; sie konnten nur schaffen im Geist der Rachadmnng genau so wie es die Herren von 1918 getan" oder die von der „geradezu verräterischen Aedergabe Straßdurgs an die Franzosen 191*"), so schlägt er doch mutig seine Klinge für die bedrückten Standesgenossen. wenn es ihr Andenken zu ehren und zu rechtfertigen gilt vor Meder» griffen der Reaktion und der Fürsten. Daß einige wenig judenfreundliche Wendungen mit unterlaufen.

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