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Der junge Jude · 1930-02-01 · Heft 1 (Februar 1930) · page 47

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 1 (Februar 1930)
Date
1930-02-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
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Stefan Zweig: JOSEF FOUCHE Insel-Verlag, Leipzig 1929. Einmal schon hat Stefan Zweig es im „Thersites" unternommen, das Bild des an Gesicht und .Seele häßlichen, widerwärtigen Menschen zu zeichnen, und damals — mehr als ein Jahrzehnt liegt das Erscheinen jenes Dramas zurück — galt es um Menschlichkeit zu werhen. Der Mensch ist gut war die Parole jener kurzen, allzu kurzen Tagereihe, die in »allem Menschenantlitz — Menschenwürde, die Grundlage jeglicher Gemeinschaft, zu erkennen strebte. Damals hat Zweig die Wirklichkeit (und Wirklichkeit heißt hier epische Tradition) verfälscht. Um einer Aufgabe willen. Man spricht heute nicht mehr davon, daß der Mensch gut sei, nicht aus Taktgefühl, sondern weil man sich länger nicht mit Komplimenten seihst beehren will. Allein, man schweigt. Ist man vielleicht skeptisch geworden? Die generelle Anerkennung all dessen, was Menschenantlitz trägt, ist dahin. Man untersucht die großen Individuen der Vergangenheit, baut wieder auf in bescheidener Erfassung all dessen, was Menschenkraft gewirkt. Biographien sind die begehrten Objekte des Büchermarkts geworden. Das Werk Stefan Zweigs nimmt darinnen einen besonderen Platz ein. In den bisher erschienenen 3 Bänden der Reihe der „Baumeister der Welt" waren Absicht und Ziel erkennbar: sie bildeten einen Beitrag zur Schaffung einer neuen Weltanschauung. Sie waren nicht schlechthin Biographien, nur Reproduktion der Vergangenheit mit den vollkommensten Mitteln künstlerischer, d. h. gestaltender Psychologie, sondern s,ie waren Lehre. Der „schöpferische Geistwille" dieser „Baumeister der Welt" ist ein Teil jener Kraft, die Du Mensch in Dir entfalten sollst. Und jetzt stößt Stefan Zweig wieder auf einen solchen Gezeichneten, wie es damals Thersites war. Josef Fouche nachmaliger Herzolg von Otranto, der Robespierre, Napoleon selbst überspielte, durch die Maschen jeder Gewalt und Legislative sich wand, Bonaparte die (Steigbügel hielt, von Napoleon die Abdankungsurkunde erpreßte, über Ludwig XVI. zwei Worte sprach ula morte" und später einen Bourbonen wieder die Macht in die Hände spielte, dieser gerissene Verräter, der tausend unterirdische Gänge sich wühlte und doch stets in aller Oeffentliehkeit im hellen Scheinwerferlicht der hohen Politik seine Gesinnung wechselte, dieser diplomatische Artist, der wie keiner die politische Balance zu meistern wußte, tat dies alles ohne Leidenschaft zu einem Ziel, ohne den Drang, eine Vorstellung, seine Vorstellung vom Staat in die Tat umzusetzen — —, allein nur, weil er seine Finger im Spiel haben mußte, weil es ihn förmlich juckte, sollte er zusehen und sie im Schosse halten. Dieser Mensch hat nach einem Leben aufreibender Arbeit nicht einem Menschen einen Dienst erwiesen, nicht ein einziges Mal um der Sache willen gehandelt. Dieses Dasein, erfüllt von einer bewunderungswürdigen Energie, ist das sinnloseste, das einen treffen kann. Nicht daß der Kirchenplünderer später sein weißes Haupt vor dem Kruzifix beugt, nicht daß der Königsmörder wieder „mit Ehrfurcht Ihre Majestät getreuester und ergebenster Untertan" wird, nicht daß der Wüterich gegen Aristokratenblut von AdelsschoJS seine Nachkommen gebären läßt nicht die Liebe zum verachteten Gold, nein, all dies ist nicht das Schlimme, sondern schlimm ist, daß es kein Warum gibt, um dessentwillen er so gehandelt. So hat Stefan Zweig in diesem Buch seinen „Baumeistern der Welt41 den Kontrastmenschen entgegengesetzt, der ohne den „schöpferischen Geistwillen11 sein Dasein im Handeln vertan. M. R. 45

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