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Der junge Jude · 1930-02-01 · Heft 1 (Februar 1930) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 1 (Februar 1930)
Date
1930-02-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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vorstellen kann. Schlimmer doch als alle »Armut der Verhältnisse ist für die meisten die Einsicht, daß nicht genug Arbeitfimöglichkeiten und damit Existenzmögliohkeiten für die ganze Jugend gegeben sind. Jeder einzelne mußte sieh fragen: Kann ich es wagen in Litauen zu bleiben und meine Existenz auf die vorhandenen geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten aufzubauen? Die Jugend der wohlhabenden Klasse entscheidet diese Frage sehr häufig mit nein und sucht ihr Fortkommen im Ausland. Die idealistisch eingestellte Jugend geht nach Palästina, die anderen suchen ihren Weg in Südafrika, Südamerika und ein entscheidend kleiner Teil in Mitteleuropa. Für unsere Jugend hat wenigstens in den ersten Jahren der Kownoer Gemeinschaft das Emigrationsproblem kaum existiert. Es war klar: Wir hier, die wir uns zu einer Gemeinschaft zusammengefunden haben, müssen zusammen bleiben, zusammen arbeiten und etwas Gemeinsames schaffen. Die Not und das Elend, "die wir durchgemacht haben, verpflichtet uns nun, da es uns besser geht, mitzuhelfen, daß andere auch unseren Weg gehen können. Unsere erste große Pflicht ist es, dem Kinderhause zu helfen, daß es Neue aufnehmen kann. Wir müssen helfen, die Kleinsten zu pflegen und wir müssen Geld verdienen, um das Kinderhaus möglichst stark zu machen. Und nun kamen die glücklichen Abende und Nächte, in denen Pläne gemacht wurden, wie man helfen könnte. Da wurden Vorschläge gemacht, eine Zigarettenfabrik zu eröffnen, in der jeder Jugendliche drei bis vier Abendstunden arbeiten wollte, oder es sollte mit Tütenkleben Geld verdient werden, oder es sollte eine Wandertheatergruppe gebildet werden. Man versuchte auch manches, aber es ging nicht so recht, bis einer auf die Idee kam, tden Posten als Nachtwächter gemeinsam imdt vier anderen zu übernehmen. Dadurch konnte das Kinderhaus den Wächter entlassen und es konnten für das Gehalt des Mannes zwei neue Kinder aufgenommen werden. Dann wurden von den Mädchen Vorschläge gemacht. Sie wollten Nachts bei den Kleinen wachen, so daß eine Nachtschwester gespart werden konnte. Wieder konnten zwei neue Kinder aufgenommen werden. So wurden immer mehr Jugendliche im Hause beschäftigt, immer anehr wurde die Jugend der eigentliche Träger des Heims. In allen Abteilungen des weit verzweigten Kinderhauses begannen unsere Kinder zu arbeiten: Im Ambulatorium und in der Säuglingsfürsorgestelle, im Säuglingsheim und bei den Kleinkindern und in allen Abteilungen der Wirtschaft. Erst hatte diese Tätigkeit nur den Zweck, dem Kinderhause Geld zu sparen oder einzubringen, dann wurde es immer klarer: Unser Kinderhaus muß von uns allein getragen werden: Wir müssen (durch unsere Arbeit den Kleinen dienen, es sind unsere Kinder. An den Kleinen im Kinderhaus und an den ärmsten Familien in der Stadt tragen wir unsere Schuld ab. Uns geht es jetzt besser, so müssen wir für die sorgen, denen es noch schlecht geht. So wurden unsere Jugendlichen „Volksarbeiter", „Narodnikis". Schon zu Beginn der Arbeit stellte sich heraus, daß unsere unzulänglich vorgebildeten Jugendlichen den hohen Anforderungen, die sie selbst an sich stellten, (nicht gewachsen waren. Man begann zu lernen, besuchte Kurse, machte Examina und überall, wo unsere Jugend hinkam, wurde uns bestätigt, daß es aufmerksamere, interessiertere Zuhörer kaum geben könne. 16

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