Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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BEGEGNUNG. Von J. Ch. Brenner. Brenner veröffentlichte diese Notiz kurz vor seinem grausamen Tode Ende April 1921 im „Kuntreß" in der Rubrik „Aus einem Notizbuch"* In der Dämmerung eines Tages irrte ich auf staubigen Pfaden zwischen Orangengärten an der Peripherie der Stadt umher. Alle gehörten den Landesbewohnern, ihnen, »den Arabern. loh mußte an einem Hausbesitzer vorüber, einer Art kleinen Effendi, der im Tor seines Hofes in Gesellschaft zweier älterer Nachbarn und eines etwa 20jährigen mit dem Kopftuch geschmücktem Jünglings saß. Ich entbot ihnen dein Friedensgruß. Sie antworteten nicht loh ging vorüber, wandte den Kopf zurück und merkte, daß das NichtantWorten beabsichtigt, böse war. Der junge Araber richtete sich im Sitzen gerade und blickte mit einer Art Siegermiene vor sich hin. „Haben wir uns doch zurückgehalten, einem Juden den. Friedensgruß zu erwidern.'' „So muß man verfahren." In bitterer Stimmung grübelte ich: Wenn auch die Vermutung richtig ist, daß die Landesbewohner unsere Stammesbrüder sind und daß in den Fellachen von Erez Israel sogar Blut von den Ueberresten Israels im Lande fließt — ich brauche sie nicht. Ich habe keinen anderen Weg, ich muß an ihnen vorüber, ob sie einverstanden sind oder nicht. Aber besser ist es, einem Großrussen bei Tambow und zweifellos besser einem Litauer in der Umgebung von Kowno zu begegnen, als diesen Polen des Orients hier. „Du sollst sie nicht grüßen und ihnen nichts Gutes wünschen all deine Tage." Nach etlichen Schritten, auf dem nächsten Pfad, stürzte hinter mir aus einer Bojare ein Araber in einer zerlumpten europäischen Joppe, eine alte Gartenhaeke über der Schulter. „Chawadscha" (mein Herr), holte er mich ein. Da sah ich, daß es nicht ein erwachsener Araber war, wie mir aus irgend einem Grunde im ersten Augenblick erschienen war, sondern ein Knabe, ein jugendlicher Arbeiter von 13—14 Jahren. Er fragte mich etwas mit einer klaren, etwas kreischenden Stimme und in klarer, betonter Aussprache. Zu meinem Leidwesen konnte ich ihm nicht antworten; denn ich hatte nicht arabisch sprechen gelernt. Ich fragte ihn meinerseits mit einem Worte „mi Selleme?" (d. h. bist du aus dem nahen Dorf Selleme?). Er erwiderte: Nein, „min hon", von hier, von der Bojare und fuhr fort zu sprechen und zu erzählen. Da fragte ich ihn mit einem Fingerzeig: Effendi? (d. h. gehört diese Bojare, aus der du kommst und in der du arbeitest, jenem Effendi, der dort im Torhof sitzt?). Er bestätigte dies und fuhr fort, mir lange geordnet zu erzählen, daß er nicht Vater noch Mutter habe, daß sie während des Krieges gestorben seien, daß er Waise sei. All dies verstand ich aus seinen Worten und mehr noch aus seinen Handbewegungen und seinem Mienenspiel. Auch er verstand 'dann meine Frage: Kadesch? (d. h. wieviel verdienst du täglich?). Er erwiderte selbstbewußt: „8 Piaster." „Nicht gut", sagte ich, und er stand einen Moment erstaunt und konnte nicht verstehen, was dieses „nicht gut" bedeute. Zu wenig oder zu viel? Da erklärte er mir lang und breit und mit besonderer Unterstreichung, idaß es Arbeiter gäbe, die 15 Piaster, sogar 20 täg- 10