Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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untersuchen, wieviel eigene Kraft in der arabischen Bewegung war und wieviel fremde Kraft. Aber ich weiß, daß wir in der ganzen Leidensgeschichte unseres Volkes nie die Ajigreifenden waren; immer waren wir die Leidenden. In der Erez Israel-Kolonisation waren wir nie die Provozierenden, wir haben niemanden benachteiligt, niemanden unterdrückt niemandem Schlechtes getan. Haben wir doch den Mut, schwierige Ereignisse in der jüdischen Geschichte mit unseren eigenen Augen zu sehen und nicht mit fremden! Falsch war es die Frage zuzuschneiden auf Schlagworte wie Imperialismus, Schuldfrage, Kriegspsychose usw. Ich verstehe sehr wohl, daß die Menschen hier in den Erinnerungen ihrer Erlebnisse von 1914 leben. Was aber hat das jüdische Volk verbrochen, daß man es mit den Maßstäben von Deutschland—Frankreicn messen sollte? Wir haben im Krieg sehr viel gelernt. Wir haben auch gelernt, daß es nationale Bewegungen gibt, die keine Freiheitsbewegung sind. Wir hatten nicht das Gefühl, daß die politische Orientierung, die hier herrscht, wahr ist inbezug auf die wirklichen Ursachen der Ereignisse. Ich bin überzeugt davon, daß wir bei der Lösung des Araber- Problems einig sein werden. Werden wir aber in der Lösung des Judenproblems einig sein? Für uns ist der Zionismus nicht die Sache von 300.000 Juden, die sich an dem Glänze der Universität erfreuen. Die verwirklichende Kraft hat ihre Quellen in der Not des jüdischen Volkes und in der Hoffnung, im Lande für die jüdischen Massen eine Heimat zu schaffen. Die Bewegung in Deutschland wurde nicht dazu erzogen, an die Gerechtigkeit ihrer Sache zu glauben, zu glauben an die moralische Bedeutung und das Verständnis ihrer Avantgarde im Lande. Sie wurde der Möglichkeit eines wirklichen Solidaritätsgefühls und des Gefühls des Stolzes auf die verwirklichenden Kräfte im Lande beraubt. Dadurch hat sie sich selbst verarmt und sich der Quellen der Erneuerung, der Sicherheit und des Glaubens beraubt. Ich glaube, daß unsere Chawerim sehr ernst darüber nachdenken sollten, wohin diese Störung des seelischen Kontaktes zwischen unseren Chawerim im Lande und denen im Westen führen muß. Müßte ich aber wählen — so wie ich nicht wählen (muß — was mir das Wichtigste wäre, so würde ich sagen: das Unheroische, das ganz Stille, Schlichte, Geräuschlose, der Beginn der rechten Wirtschaft... Die heroische Lebensauffassung erwächst auf einer Lüge; sie läßt das Privatleben, das Wirtschaftsleben weiter wursteln und appelliert ans Ganze, an die Revolution. Die unheroische sagt: mit Eurem Privatleben, mit Eurer Wirtschaft werdet Ihr die neue Gestalt, werdet Ihr die Revolution machen. Wer warten will und sein Leben in Begeisterung und in großem Aufruf verbringen will, der möge es tun. Wer aber — in tiefer Verachtung der Massen, wie sie sind, geworden sind — auf diese Massen nicht warten, sondern ihnen aufs beste helfen will, der helfe mit seinesgleichen der eigenen inneren und Beziehungsnot, der helfe sich selbst: er beginne mit seinesgleichen das rechte Leben. Gustav Landauer an Ludwig Bernd! (August 1911). 7