Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JUGEND IN DER SOZIALEN FÜRSORGE Von Zeit zu Zeit dringt durch den wohlgefügten Organismus der sozialen Arbeit und Sozialpolitik ein Schrei, der nicht nur die Fachleute unangenehm aufscheucht, sondern der sekundenlang die Allgemeinheit spüren läßt, daß trotz der fortschrittlichsten Wohlfahrtspflege auch heute noch die primitivsten Menschenrechte verletzt werden. Schlimmer noch: einzelne Einrichtungen der Wohlfahrtspflege selbst vergewaltigen die Menschenwürde. Das ist der Eindruck, der durch Lampeis „Revolte im Erziehungshaus"* hervorgerufen worden ist. Die Diskussion über die Fürsorgeerziehung, die eine Zeitlang geschwiegen hat, wird nun von neuem mit Leidenschaft geführt. Die Fachkreise ereifern sich darüber, daß hier ernste Arbeit durch eine schiefe Darstellung verunglimpft wird, daß bestes menschliches Wollen verkannt wird. Sie weisen darauf hin, daß Lampel entweder übertreibt oder sich bewußt eine der schlechtesten Anstalten für seine Darstellung ausgesucht hat. Die Allgemeinheit aber nimmt literarisch Partei für die unterdrückten Fürsorgezöglinge. Der Freiheitswunsch, der in jedem Menschen vorhanden ist, solange er gesund und unverbogen ist, der Freiheitswunsch nimmt gegen den guten Willen Partei. Und auch der objektivste Beobachter wird sagen müssen, daß die Atmosphäre bei Lampel richtig getroffen ist: daß bestimmt die Mehrzahl der Erzieher weniger sadistisch ist, als die im Erziehungshaus, daß aber in fast jeder Anstalt die völlige Lieblosigkeit und Trostlosigkeit des Zöglingsdaseins der Grundakkord der Beziehung zwischen den Zöglingen untereinander ist. Daß der gute Wille des Erziehers nur selten den Zugang zu dem wahren Leben des Zöglings findet, und daß auch der beste Erzieher durch die anormale Atmosphäre der Anstalt verführt, eine Scheinbeziehung für echten pädagogischen und menschlichen Kontakt nimmt. Es geschieht also manchmal, daß die Wahrheit wie ein Blitz in eine Menschengruppe einschlägt, sie eine Zeitlang aufrüttelt und sie zur gemeinsamen Handlung aktiviert. Aehnlich, nur in weniger dramatischer Form, mit starker menschlicher (gegenseitiger Bestätigung wirkte für alle Teilnehmer die soziale Woche des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände in Seesen. Man war ausgefahren, um sich über einige theoretische und praktische Fragen der jüdischen Wohlfahrtspflege zu unterhalten und um die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr außerhalb Berlins zu verbringen. Und man fand plötzlich drängende, gegenwartsnahe Jugendaufgaben. Aufgaben für junge Menschen, bei denen Jungsein keine Glorifizierung mehr ist, kein Anspruch, um unter dieser Parole egoistische Zwecke gegenüber den Alten zu rechtfertigen, sondern wo Jungsein bedeutet: nicht blasiert sein, noch angerührt werden können vom Unrecht, das in unserer nächsten Nähe geschieht. Die Wahrheit schlich leise durchs Zimmer. An Stelle des Referates mit seiner Systematik und seinem abstrakten Hinweggehen über die Wirklichkeit stand unversehens irgendeine einfache Tatsache, von der man vielleicht als Einzelner bis dahin wußte. Sprach man sie aber hier aus, so kam sie auf diese Weise zum ersten Male vor eine Oeffentlichkeit. In eine Oeffentlichkeit von jungen Menschen, die merkten, daß dies nicht so sein dürfe. Jemand sagte: wir unterhalten uns wie Kinder, deren Eltern nicht zu Hause sind. Respektlos, aber zweifellos die Wahrheit sagend. U*id man erzählte. In einem Waisenhaus wurde es noch vor wenigen Jahren 25