Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 172 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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die immer wieder in die Handlung eingreift, mit Bühnenbildern und Kostümen, die primitiv und grell sind und dabei jedem ursprünglich-menschlichen Gefühl des Zuschauers seine Deutung offen lassen und ermöglichen, und mit Darstellern, die Theatermenschen und weit darüber hinaus Menschen, Menschen, Menschen sind. Jeder Ton, jede Farbe, jede Bewegung, jede Gebärde, jeder Stimmklang ist so unerhört und hinreißend echt, daß man dabei sitzt mit heißen Wangen und heißem Herzen. Und diese hunderttausen Einzelheiten häufen und einen sich in menschlich schenkender Fülle. Heb Mendele, der Dichter, zieht mit einem Bücherkarren durch das ganze Stück. Sein Pferd ist sein treuester, verstehendster Freund. Gleich im Prolog i dankt er ihm, daß es ihn in seiner Klugheit nach Tunejadowka geführt habe; nun werde er eine Geschichte berichten können zur Ehre und zum Reichtum der jüdischen Literatur. Und bei der „jüdischen Literatur1' wedelt das Pferd mit dem Schweif, wirft den Kopf hoch und hopst mit den Vorderbeinen. Oder: Auf ihrer Wanderung treffen Benjamin und Senderl an einem Kreuzwege Schnitter und fragen nach dem Weg zum Land der „Roten Juden". Sie werden furchtbar angeschnauzt und sind zuerst ganz verdutzt. Dann sagt Benjamin: „A Goi." Ein Andersartiger, ein Fremder. Einer, der es nicht versteht, daß ein anderer eine menschlichen Sehnsucht im Leibe hat und den Menschen fragt. Oder: Benjamin erzählt im Gasthof eine Geschichte. Wie Montefiore dem Zaren die Juden abkaufte. Für so und soviel Millionen. „Hunderttausend!" wirft ein Zuhörer toternst ein. Und ein anderer braust auf: „Die ganze Erzählung ist nicht wahr." Die anderen wollen mit einstimmen. „Doch! Ich kenne siej^ sagt Reb Mendele, der selbstverständlich auch dabei ist. Und natürlich ist sie nun wahr. Oder: Sie träumen von ihrer Ankunft am Ziel. Benjamin, der Anstifter des Ganzen, der selbstbewußte und doch sich selbst belächelnde, erlebt es zuerst und stolziert wie ein Pfau herum. Er weckt Senderl. Dieser, bescheiden, dummgütig, aber dabei in sich selbst ruhend, reibt zuerst verwundert die Augen. Dann springt er ganz leise auf die Bank, auf der er geschlafen hat, und sagt nur still: »OL« Dann springt er ebenso, mit dem gleichen Ausruf, auf eine etwas hinten gelegene Terrasse und zum dritten Mal, wieder vorn, auf die Bank, auf der Benjamin geschlafen hat. Hier setzt er sich schließlich stillversunken hin, während Benjamin, der die Wirkung seiner Mitteilung ausgekostet hat, weiterstolziert. Oder: Sie wandern weiter nach dem Traum und kommen auf einen Hügel. Sie halten Ausschau. Plötzlich ruft Senderl: „Da ist ja wieder Tunejadowka. Wie ist das möglich?!" Und Benjamin erwidert nur: „Die Welt ist ja rund." Ist sie das? Hier gewonnene Erkenntnis: die jüdischen Melodien sind alle in Moll, nicht weil sie traurig sind, sondern weil alles — auch die Melodie — garnicht so wichtig ist, um in Dur gesetzt zu werden, weil es nur darauf ankommt, ob man schließlich wieder auf seine beiden Beine zu stehen kommt. Und: Nach Schluß dieser Abschiedsaufführung müssen sich die Darsteller immer wieder zeigen. Schließlich auch der andauernd gerufene Granowsky. Er ist vor Scham völlig verlegen. Zweimal. Aus. Herrlich diese Darsteller, diese Menschen. Und vor allen: Michoels: Benjamin und Suskin — oder war es Steinmann? Das Programm nennt beide Namen —: Senderl. Es gibt in unserer Zeit noch einen, der, wie Granowsky, genau so aus dem Einfachsten, Banalsten, Primitivsten Alles an Menschlichem herausholt: Chaplin. Diese Sprache versteht Jeder. Ob sie nun moskowistisch oder jüdisch oder akademisch oder sonstwie heißt. Und wer sie nicht versteht, ist ein — Goi. Wolf Frank. 172