Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 192)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476255-3476257--0540-3525746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Cohn (Rabbiner von Basel) beim Betreten der Tribüne stürmisch begrüsst: Geehrte Versammlung! Sie empfangen mich mit einem Beifallssturm, den ich bis dahin noch nicht verdient habe. Ich bin kein Freund des Zionismus gewesen und ich bin bis zur Stunde noch nicht für die Sache begeistert, von der ich sehe, dass sie Ihr Herz mit Enthusiasmus erfüllt. Ich danke Ihnen, dass Sie mich als Gast zu Ihrem Congress geladen haben. Sie haben mir unyergessliche Stunden bereitet. Wenn ich an die Reden von Dr. Herzl und Dr. Nordau denke, schwillt mir das Herz vor Begeisterung. Die Rede von Dr. Nordau könnte jeder Orthodoxe unterschreiben, Wort für Wort, Satz für Satz. Manche Rede ist gehalten worden, die ich nie vergessen werde, so lange ich lebe; ich bin froh, dass der Congress in Basel stattgefunden und ich demselben beiwohnen konnte. Ich bin über Manches aufgeklärt worden, über die Noth unserer Brüder im Osten, wovon ich keine Ahnung hatte. Ich habe den Zionismus kennen gelernt und ich habe gesehen, dass derselbe eine Bewegung ist, die wir allesammt unterschätzt haben. (Ungeheurer Beifall.) Ich muss nochmals diesen Beifall ablehnen, ich muss ausdrücklich sagen, ich bin ein religiöser Jude. Ich hofte, dass das National- Judenthum der Uebergang zum religiösen Judenthum sein wird. Ich komme zu dem, was ich dem hohen Präsidium vorzulegen beauftragt bin. Es wird Sie befremdet haben, dass die Bewegung in Deutschland Ms jetzt sozusagen wenig Fortschritte gemacht hat, dass speciell die orthodoxen Rabbiner, die doch Allem, was mit Zion zusammenhängt, eine grosse Verehrung entgegengebracht haben, dem Zionismus kühl gegenüberstanden. Wir orthodoxe Juden haben im Laufe dieser Jahrhunderte nicht durch den Zionismus aber sonst so viele bittere Erfahrungen gemacht, wir sind so oft schon vergewaltigt worden. Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer. Wir fürchten, wenn nun der Judenstaat entstehen sollte, dass dann die Leitung der Partei, von der wir wissen, dass sie unserer Gesinnung nicht huldigt, die Orthodoxen vergewaltigt. Ich persönlich glaube es nicht. Das ist die Erklärung, warum die Orthodoxen bis jetzt sich kühl verhalten haben. Insbesondere fürchten die orthodoxen Rabbiner, so sehr sie mit der Colonisation von Palästina sympathisieren, dass in den m gründenden Niederlassungen im heiligen Lande, die Juden gezwungen werden könnten, die Heiligkeit der Sabbathe zu verletzen. Sie fürchten, dass, bei der religiösen Richtung der Majorität, diejenigen bevorzugt werden könnten, die die Ansicht derselben theilen. Wenn wir über diesen Punkt durch eine ausdrückliche Erklärung beruhigt wrerden könnten, so würden die Bedenken aufhören und wir würden versuchen, im Kreise unserer Gesinnungsgenossen dahin zu wirken, dass sie sich dem Zionismus zuwenden. Ich bitte das Präsidium um seine Meinung, wie die Zionisten zu dieser religiösen Frage Stellung zu nehmen gedenken. (Beifall.) Präsident: Zunächst danke ich Sr. Ehrwürden, Herrn Dr. Cohn, für sein loyales Auftreten als unser bisheriger Gegner und für die Offenheit seiner Anfrage, die ich in ihren Einzelheiten gewiss nicht beantworten werde. Ich kann Sie versichern, der Zionismus beabsichtigt nichts, was die religiöse Ueberzeugung irgend einer Richtung innerhalb des Judenthums verletzen könnte. (Stürmischer Beifall.) Im Nachtrag zu einem Punkt der Tagesordnung muss ich eine kurze Bemerkung machen. Es sind üiir im Verlauf des letzten Jahres