Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 125)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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— 123 Auch die türkische Regierung wird durch unsere Bestrebungen nicht bedroht. Das jüdische Volk erkennt dankbar die Toleranz, welche die türkischen Sultane den Juden gegenüber stets geübt haben, an und wird nie vergessen, dass dieselben ihnen zur Zeit der spanischen Vertreibung gastlich ihr Reich geöffnet haben Wir haben auch den ernstlichen Willen, durch unsere Organisation eine völkerrechtliche Vereinigung auf dem Boden gemeinschaftlicher Interessen zu treffen, ohne die Souveränität des Sultans irgendwie zu verletzen. Unser Programm bildet ebenso gut ein Sichei heitsventil gegenüber dem Antisemitismus, wie gegenüber dem immer mehr wachsenden Judenelend, besonders im Osten Europas. Kann es eine menschenwürdigere, edlere Aufgabe geben, als dem hungernden, nach Brod lechzenden Volke der russisch-polnischen, galizischen und rumänischen Juden Arbeit und friedlichen Erwerb durch den Fleiss ihrer Hände zu verschaffen? Während das allgemeine Programm uns von der Beschäftigung mit den Zuständen der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Ländern und deren politischen, beziehungsweise socialen Stellung zu den Nationen, unter denen Sie wohnen, grundsätzlich ausschliesst, . wird es Sache der Einzelorganisationen sein, diese Zustände je nach den Verhältnissen in den einzelnen Ländern programmatisch zu*regeln. Die Gesichtspunkte, welche; hier , in Betracht kommen, sind beispielsweise die folgenden : In Galizien herrscht ein furchtbarer wirtschaftlicher und socialer Nothstand der jüdischen Bevölkerung. Soll diese unserer Sache nützen können, sei es durch materielle Unterstützung des Colonisationswerkes, sei es dtfrch Abgabe des geeigneten Menschenmaterials für dieselbe, so muss zunächst dieser Nothstand beseitigt oder wenigstens gemildert werden. Auch genügt es nicht dem Armen, der heute infolge einer judeiifeindlichen Gesetzgebung dem Verhungern nahe ist, lediglich die Hoffnung auf eine schönere Zukunft zu erwecken; die Gegenwart erheischt hier dringend ihr Recht. Aus dem nationalen Solidaritätsgefühl erwächst hier vor Allem den galizischen Gesinnungsgenossen die Pflicht, hilfreich für unsere Brüder einzutreten und auf die Beseitigung der Miss^tände hinzuarbeiten, welche jenes Elend herbeigeführt haben. Die Quelle dieser Nothlage zu erforschen und die letztere selbst zu bekämpfen, ist daher ein Hauptgegenstand der galizischen Organisation. Eine wesentlich andere Aufgabe wird sich für d;e Zionisten des europäischen Westens ergeben. Hier ist durch den Sehein bürgerlicher Gleichstellung das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit unter den Juden fast völlig geschwunden. Ja, der Jude empfindet die ihm durch die Geburt aufgezwungene Gemeinschaft mit den andern Juden nicht nur, wie Heinrich Heine sagt, als ein Unglück, sondern geradezu als eine Schande, die er, veranlasst durch feindselige Strömungen, möglichst zu verbergen sucht.