Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 57)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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Nun, die Juden Oesterreichs bedürfen keines Dankes, um sich zu opfern und dies gereicht ihnen nur zur Ehre. Allein sie drängen ihre Dienste auf, sie buhlen um die Gunst ihrer Peiniger, sie werfen sich an ihre ärgsten Feinde weg — und da, ja, da beginnt ihre Schmach. Dass die Juden West-Oesterreichs nach alledem im Augenblicke mit den Deutschnationalen äugeln — das ist ein Schauspiel, dessen wir uns schämen müssen! Allein es soll politische Berechnung sein; nun gut, dann entbehrt die Sache nicht der Komik. Ein Schaf, das mit den Wölfen heulen will — ein Schaf im Wolfspelz — so präsentiert sich Oesterreichs mosaischer Germane und dieser drollige Mummenschanz ist seiner Weisheit letzter Schluss! Doch genug damit. Ich frage: Kann man eifriger bestrebt sein, sich seiner angeborenen Persönlichkeit zu Gunsten fremder Völker zu entäussern, als die Juden meines Vaterlandes? Aber die Geisseihiebe des Antisemitismusmus haben in uns den Stolz geweckt und das Selbstgefühl und die Sehnsucht nach dem Glücke eines Heims. Unser Blut empörte sich und wir entdeckten, dass es das JL -- *» Blut unserer Täter sei, unser Herz schrie auf und wir erkannten, dass es die Sprache unserer Ahnen .spreche. Es gibt aber auch, abgesehen von den Deutschnationalen, noch Kreise in unserer Judenschaft, die sich dieser Erkenntnis verschliessen wollen, sie leugnen unsere Sonderart, sie ersehnen und erhoffen noch immer die Beseitigung aller Schranken und ihr Lieblings-Argument ist Ungarn, das transleithanische Paradies. Nun, ich habe die Verhältnisse in Ungarn bisher kaum berührt und ich glaube, dass es wenig frommen würde, sie unter Beibringung vieler und bezeichnender Daten in die richtige Beleuchtung zu setzen. Denn wenn ich yon der grossen Armuth der jüdischen Massen Ungarns sprechen wollte — die ja unbestreitbar ist — wenn ich. von den wieder und immer wieder auftauchenden Blutbeschuldigungen sprechen wollte — man würde im Gegensatze hiezu von den kirchenpolitischen Gesetzen, von der Reception des jüdischen Glaubens, von den liberalen Aeusserungen verschiedentlicher Kirchenfürsten, von der Carriere jüdischer Bichter, von den Yerbrüderungsbanquetten der Presse, man würde von dem Wohlstande einzelner und dem Behagen vieler und der patriotischen Begeisterung aller Juden schwärmen. Und dann wäre es hinwieder wohl meine Sache, darzuthun, dass gleichwohl etwas faul ist, im Lande Ungarn und von der Sumpfluft zu erzählen, die durch die scheinbar so gesunden Pussten zieht, Ob ich dies zu thun vermöchte, ob ich von den Opfern sprechen könnte, die eines Tages der Pesthauch, oder die am Ende gar ein wilder Sturm hinwegrafft?