Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 1 (1898) Basel, 29. bis 31. August 1897
- Issue
- 29. bis 31. August 1897
- Date
- 1898-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal issue
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13 - \ das Sprichwort, „so behauptet man, er sei toll.u Man dichtet den Juden alle Laster an, weil man sich selbst beweisen will, dass man Recht hat, sie zu verabscheuen. Aber das Vorbestehende ist ebenT dass man die Juden verabscheut. Ich muss das schmerzliche Wort aussprechen: die Völker, die die Juden emancipirten, haben sich einer Selbsttäuschung über ihre Gefühle hingegeben. Um ihre volle Wirkung zu üben, musste die Emancipation im Gefühl vollzogen sein, ehe sie im Gesetz ausgesprochen wurde. Das war aber nicht der Fall. Das Gegentheil War der Fall. Die Geschichte der Judenemancipation ist eins der merkwürdigsten Hauptstücke der Geschichte des europäischen Denkens. Die Judenemancipation ist nicht die Folge der Einsicht, dass man sich an einem Stamme schwer vergangen, dass man ihm Entsetzliches zugefügt habe und dass es Zeit sei, tausendjähriges Unrecht zu sühnen; sie ist einzig die Folge der geradlinig geometrischen Denkweise des französischen Rationalismus im 18. Jahrhundert. Dieser Rationalismus construirte sich mit der blossen Logik, ohne Rücksicht auf das lebendige Gefühl, Grundsätze von der Bestimmtheit eines mathematischen Axioms und bestand darauf, diese Gebilde der reinen Vernunft in der Welt der Wirklichkeiten zur Geltung zu bringen. „Eher sollen die Colonien umkommen als ein Grundsatz!" lautet der bekannte Ausruf, der die Anwendung der rationalistischen Methode auf die Politik zeigt Die Judenemancipation stellt eine andere gleichsam automatische Anwendung der rationalistischen Methode dar* Die Philosophie Rousseaus und der Encyklopädisten hatte zur Erklärung der Menschenrechte geführt. Aus der Erklärung der Menschenrechte leitete die starre Logik der Männer der grossen Umwälzung die Judenemancipation ab. Sie stellten eine regelrechte Gleichung auf: jeder Mensch hat von Natur bestimmte Rechte; die Juden sind Menschen * folglich haben die Juden yon Natur die Menschenrechte. Und so wurde in Frankreich die Gleichberechtigung der Juden verkündet, nicht aus brüderlichem Gefühle*für die Juden, sondern weil die Logik es erforderte. Das Volksgefühl sträubte sich sogar dagegen, aber die Philosophie der Umwälzung gebot, die Grundsätze über die Gefühle zu stellen. Man verzeihe mir den Ausdruck, der keine Undankbarkeit in sich schliesst: die Männer von 1792 emancipirten uns aus Principienreiterei. Das übrige Westeuropa ahmte das Beispiel Frankreichs nach, wieder nicht unter dem Drange des Gefühls, sondern weil die gesitteten YÖlker eine Art sittlicher Nöthigung empfanden^ sich die Errungenschaften der grossen Umwälzung anzueignen. Wie das Frankreich der Revolution der Welt das metrische System der Masse und Gewichte gab, so schuf es eine Art geistigen Urmeters, den die übrigen Länder widerstrebend oder bereitwillig als Normalmass ihres Gesittungsstandes annahmen. Ein Land> das den Anspruch erhob, auf der Höhe der Gesittung zu stehen^