Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 52 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Freitag, 29. Juni 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 52 — 14. Jahrgang iiberattJrinut gftr beutftfres Subentmw uwb rcligidfc« Uufbau ___Herausgeber; Hanns Loewenstein__ Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich t Dienstags und Freitags Etat vor dem Die religiös - liberalen Juden in London Wilhelm Marcus: Das Zahtengebäude Das riesige Zahlengebäude des Haushalts 1934 der Berliner Jüdischen Gemeinde ist fundamentiert. In sieben Sitzungen des Etatsausschusses wurde der Haushalt durchberaten und verabschiedet, so daß er am vergangenen Mittwoch' der Repräsentantenversammlung vorgelegt wurde. Während im letzten Jahr, da niemand wissen konnte, wie die Dinge sich entwickeln, der Haushalt ohne Einzelberatung angenommen wurde, war der Gemeindevorstand in diesem Jahr in der Lage, auf Grund der Entwicklung einen vollständig festgelegten Haushaltungsplan vorzulegen. Wenn diese Vorlage so Spät geschah, so lag dies daran, daß im Gemeindevorstand jedes Für und Wider sorgfältig erwogen wurde, um nach den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen. Was aufzubringen ist Aufgebaut ist der Etat auf einen Betrag von rund 1 696 000 Mark, die aufgebracht werden sollen durch ' verschiedene Betriebseinnahmen in Höhe von 5673.000 Mark und durch Steuern in Höhe von 6 059 000 Mark. Die Frage, ob die in Ansatz gebrachten rund 6 Millionen Steuern aufgebracht werden können, ist selbst, nachdem ein halbes Steuerjahr schon vergangen, ist, schwer zu beantworten. Man war sich darüber klar, daß die Steuerkraft der früheren Hauptträger der-Steuerlasten stark gesunken und zum Teil ganz zum Erliegen gekommen ist, und daß die Arbeitsnot in den Kreisen des Mittelstandes und der Angestellten sich noch stärker vermehrt hat. Man hofft aber, durch die im vorigen Jahr vorgenommene Erhöhung des Steuersatzes von 13 auf 20 o/o den Ausfall einzubringen, so daß mit einem entsprechenden Eingang der Steuern gerechnet wird. Erhöhte und gesenkte Ausgaben Zergliedert man nun die erhöhten und gesenkten Ausgaben anteilig auf den Gesamtbetrag, so ergibt sich folgendes: Die Ausgaben für die.Wohlf ahrt sind von"16 auf 22,5o/o gestiegen, die für Schulen von 10,5 auf 12<Vd, die allgemeine Finanz- und Vermögensverwaltung hat sich mit 30»/o stabil gehalten. Dagegen sind die Ausgaben für die Anstalten von 20 auf 17o/o gesunken, für Kultus von 13 auf IO0/0, für das Beerdigüngswesen von 10 auf 8,5 0/0. Daraus ergibt sich, daß die Erhöhung der Ausgaben für Wohlfahrt und Schulen zwangsläufig war, dagegen bei allen anderen Ausgaben, wo irgend möglich,'. eine Einsparung vorgenommen wurde. Im einzelnen kann man zunächst die Feststellung machen, daß die Gemeinde bemüht ist, ihre Aufgaben als Religionsgemeinde in vollem Umfange aufrecht zu erhalten und zu erfüllen. Sie hat daher für den Kultus die Mittel zur Verfügung gestellt, die für die Veranstaltung von Gottesdiensten und Festgottesdiensten, für das Kaschruthwesen, insbesondere aber auch für die Erhaltungdersubventionierten Gemeinden'erforderlich sind. Wenn es möglich; war, hier Einsparungen zu machen, so dankt sie das in allererster Reihe dem Entgegenkommen der Beamten, die der Gemeinde gegenüber für die heutigen’schwierigen Verhältnisse volles Verständnis gezeigt haben.' Der Ausbau der Schulen Wesentlich schwieriger haben sich die Dinge beim Schulwesen entwickelt. Hierfür sind insgesamt.für das Jahr 1934 1 377 730 Mark in Ansatz gebracht. Den Freunden / Von Heinrich Stern Vom 6. bis 8. Juli findet in London die Zusammenkunft religiös-liberaler Juden aus allen Teilen der Welt statt. Dort, wo vor acht Jahren zum ersten Mal das Band geschlungen ist, werden sich alte und neue Freunde wieder treffen, ihre Erfahrungen aaslauschen, und sidh an die Erörterung grundlegender religiöser Fragen, weit abliegend von dem Kleinkram des Alltags aufrichten und erheben. Sie werden sich auch aufrichten und erheben an dem lebendigen Beispiel der Männer und Frauen, welche ein ganzes Leben lang in aufopfernder jüdischer Arbeit ihr gläubiges Herz und ihr reiches jüdisches Wissen in religiöse Tat um gesetzt haben. Claude Montefiorc, der geborene Führer unserer Bewegung, gleich groß als Gelehrter und liebenswert als Mensch, und die lebendige Verkörperung unserer religiösliberalen ideale, Li ly Montagu, werden denen, die es wissen und denen, die es noch nicht wissen, wiederum beweisen, 'daß man auf dem Boden des heutigen Lebens doch ein ~tiefer, innerlicher Mensch und ganzer Jude sein kann, ja, daß die Vereinigung von Glauben, Wissen 'und Leben erst' den ganzen luden ausmueht. Auf uns deutsche Juden aber wird in dieser Zeit das Eindringen in die tiefsten Schächte unseres religiösen ■ Gutes.noch die besondere.Kraft ausüben, uns stark zu machen für die Sorgen und Kämpfe des Alltags, die wir •sicherlich auch dort nicht vergessen können, die zu überwinden aber solche Stunden gemeinsamer religiöser Erhebung am besten geeignet sind. Hier werden junge und alte Menschen Zusammenarbeiten, um die ewige Jugendkraft unseres Judentums zu erweisen, die hoffentlich ihre befreiende und erlösende Kraft auch an uns ausüben wird. Alle Fragen jüdischer und außerjüdischer Politik, die wirtschaftlichen Sorgen des Alltags werden für einige Zeit hinter uns liegen, wir werden stärker als sonst fühlen, was es heißt, Mitglieder und Diener einer ewigen Gemeinschaft zu sein, ln dieser Hoffnung grüßen wir unsere englischen Freunde und Gastgeber und danien-ihnen, daß sie auch in schwersten Tagen die heilige Flamme religiöser Gemeinschaft~wachgehalten haben. Zur Londoner Tagung veröffentlichen wir in dieser Nummer Beiträge von C. 0. Mbnfefiore-London und Ludwig Vogelstein-New York Durch das Ausbauen der vorhandenen Schulen, die jetzt insgesamt 4000 Kinder fassen, werden noch weiter ertiebliche Mittel notwendig sein, die aus den großen Sammlungen für diesen Zweck gedeckt werden sollen. Es ist der Gemeinde gelungen, die Genehmigung zur Errichtung'der 9. Klasse in ihren Schulen zu erhalten, wodurch es möglich sein wird, den von vielen Seiten gewünschten Werkunterricht in jeder Beziehung auszubauen.. Daß der Religionsunterricht noch besonders“ erweitert wird, braucht wohl nicht hervorgehoben zu werden. Aber auch für wissenschaftliche Zwecke ist vorgesorgt worden, indem Zuschüsse für Bibliotheken, Museum etc. vorgesehen sind, und auch Subventionen für wissenschaftliche Zwecke gewährt werden sollen. Ueber 2>/2 Millionen Wohlfahriswesen Wesentliche Veränderungen hat unter dem Druck der Zeit der Etat für das W o h 1 f a h r t w e s e n erfahren. Hier sind neue wichtige Aufgaben hinzugekommen, die unter dem Kapitel „Wirtschaftshilfe“ zusammengefaßt sind. Im Gegensatz zu früher hat man das rein charikative Wohlfahrtswesen vollständig von der produktiven Hilfe abgetrennt, um die durch die Gemeinde und durch die Sammlungen zur Verfügung gestellten Mittel nach dem Gesichtspunkt des Aufbaues neuer Existenzen und der Existenzerhaltung zu verwenden. Der Gesamtbetrag für das Wohlfahrtswesen ist auf 2 613 000 Mark festgesetzt, in welchem natürlich auch die Mittel für Heime,- Arbeits- und Berufsfürsorge, Kleiderkammer und Jugendpflege einbegriffen sind. Allein für die produktive Hilfe sind 1 019 000 Mark in Ansatz gebracht. Die Erfüllung dieser Aufgaben wird davon abhängen,. ob die O p f e rb er e i t s ch af t der Berliner Juden sich bei den vom Zentralausschuß und der Gemeinde veranstalteten Sammlungen bewähren wird. Hierbei . soll nicht unerwähnt bleiben, daß manauch diesen Winter versuchen wird, mit der N. S. Wohlfahrt zusammen zu arbeiten, wobei mit Dank festgestellt werden muß, daß die letzte Winterhilfe sich ohne •jede Reibung abgewickelt hat, und daß die Betreuung unserer jüdischen Hilfsbedürftigen in mustergültiger Weise vorgenommen wurde. Sorgenkinder Eine große Sorge bereitet nach wie vor die Unterbringung der alten und gebrechlichen hilfsbedürftigen' Menschen in den Altersheimen. Wenn sich hier der Gemeindevorstand' zur Zusammenlegung in den Heimen hat entschließen müssen, so geschah dies nur aus der Notwendigkeit heraus, eine möglichst große . Anzahl von Glaubensgenossen unterzubringen. Die externe Unterbringung hat sich auch als sehr segensreich erwiesen. Zu den weiteren Sorgenkindern gehört auch das Kränke.nhaus, das nicht immer voll belegt werden konnte und infolgedessen einen entsprechenden Zuschuß erforderte.' Das Vorhandensein des. Krankenhauses hat sich aber besonders für den Nachwuchs an jüdischen Aerzten glücklich erwiesen. Auch ist die Gemeinde dazu übergegangen, im letzten Jahr die gesamte Gesundheitsfürsorgein einer Hand zu vereinigen.’ - Alle anderen Anstalten, Waisenhäuser, Hospitale können im vollen Umfang aufrecht erhalten bleiben. Die. gesamten Ausgaben für diese Anstalten nehmen im Etat eine Summe von rund 1 913 000 Mark ein. Eine Ehrenpflicht Zwei Maßnahmen des Gemeindevorstandes sollen noch eine besondere Erwähnung finden: erstens das wöchentliche Erscheinen des Gemeindeblattcs, zweitens immer mehr ausgestaltete Gemeindeabende. Beide Einrichtungen sollen dazu beitragenj eine nähere Verbindung zwischen den Gemeindemitgliedern und der Verwaltung herzustellen und über die .Ziele und Aufgaben, die zu erfüllen sind, laufend zu unterrichten. Für den Preußischen Landesverband und. die Reichsvertretung sind Beträge, von 385 000 Mark eingesetzt. Dadurch ist der Preußische Landesverband in der Lage, für die kleinen und kleinsten Gemeinden zu sorgen, die ohne seine Hilfe vollständig zu Grunde gehen .müßten. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat es immer als eine Ehrenpflicht betrachtet, nicht nur im Rahmen der eigenen Gemeinde ihre Aufgaben zu erfüllen, sondern auch darüber hinaus für diejenigen zu sorgen, die ihrer Hilfe bedürfen. Zu den bisherigen Aufgaben ist eine Reihe neuer hinzugekommen