Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 51 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin Dienstag, 26. Juni 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 51 — 14. Jahrgang flu6ifc^ribera(e30tftt(ui Stflr bcutjcijes Subcntum uitb rcltfltöfc« iHufbau HerausgeberHanns Loewenstein ■ Die »Jüdisch-liberale Zeitung*« erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags Lebensmut ist Pflicht Entscheidende Frage Von Rabbiner Dr. Lazarus -Wiesbaden Wir Juden von heut sind stärker als unsere Väter im Mittelalter vom Schicksal betroffen. Es fehlt uns noch der Mut und die Kraft,-den seelischen Druck, zu ertragen, denn wir besitzen .nicht mehr jene innere Welt des jüdischen Lebenszusammenhangs. Das Denken des liberalen Menschen im letzten Jahrzehnt war erfüllt vom Entwicklungsdogma. Ein Gedanke war in uns. vor allem lebendig: daß wir es herrlich weit gebracht haben, und daß die kultivierte Menschheit sich ständig weiter und aufwärts entwickelt. Mit Rückschlägen innerhalb dieses Schemas rechneten wir nicht. Wir waren davon überzeugt, daß auch hinsichtlich der Jüdenfrage die immer weiter um sich greifende „Aufklärung“ eine Befriedung mit sich bringen müsse. Es ist daher nur allzu begreiflich, daß bei Einbruch der jüdischen Krisis viele innerhalb unserer Gemeinschaft bestürzt waren und am Sinn des Weltgeschehens glaubten verzweifeln zu müssen. Sie hatten ganz vergessen oder sie wollten nicht mehr wissen, daß die Frage des Judentums auch in den Ländern der Aufklärung vor Ueberraschungen nie sicher war. Sie sahen sich in ihren Hoffnungen getäuscht und mußten sich sagen lassen, daß die Schuld eine gegenseitige war, daß auch der Jude ein gerüttelt Maß von Verantwortungslosigkeit dem Judentum gegenüber auf sich geladen hatte. Wir hatten das Heiligtum des Judentums veröden lassen, hatten Stück für Stück davon preisgegeben, damit man uns nur ja nicht rückständig nenne und uns an unsere Vergangenheit erinnere. „Fort mit der düsteren Vergangenheit, fort mit den Wurzeln! Blühen soll der Baum, Früchte soll er tragen, aber Wurzeln darf er nicht haben“. So haben wir alle in unserer Instinktlosigkeit gesprochen. Aber gerade das Gegenteil wäre richtig gewesen. Etwas weniger Blüten und Früchte, etwas weniger Betriebsamkeit — aber dafür die Wurzeln stark und kräftig erhalten! Wir hätten für Fortschritt und Kultur arbeiten können, ohne im geringsten das aufzugeben, was die Grundlage unserer schöpferischen Kulturarbeit ist: die eigene Geschichte, die eigene geistig-religiöse Tradition. Hier lägen die Wurzeln unserer Kraft. Die Umwelt hat es uns oft genug gesagt, selbst unsere Gegner haben es mit einem Rest von Ehrfurcht anerkannt. In allen Aufsätzen, die in den letzten Jahren von ernster nicht-jüdischer Seite zur Judenfrage geschrieben wurden, klang immer wieder der Gedanke durch, daß man dem wahren und lebendigen Judentum, das sich um eine Deutung seines geistigen Seins bemüht, die schuldige Ehrfurcht nicht . versage. Aber wir selbst wollten das nicht sehen. Wir haben die Quellen unserer Kraft mit eigener Hand verschüttet. Manche von uns taten das in der klaren, treulosen Absicht, die Bürde des jüdischen Zusammenhangs los zu werden. Andere — wir dürfen sagen, es war die Mehrheit — taten es aus Irrtum und Schwäche. Ihnen bedeutete die Minderung und Verwässerung des Judentums immerhin ein seelisches Opfer. Aber das Opfer wurde vergebens gebracht, sein Ziel ist ferner denn je. Neben der materiellen Net droht uns heute eine seelische Not, die in der dreitausendjährigen jüdischen Geschichte ohne Beispiel dasteht. \ Aber nun geschieht das Merkwürdige.. Manche finden, aufgerüttelt durch das Zeitgeschehen, den Anschluß an die alten Werte des Judentums wieder. Das neu erwachte Leben in unseren jüdischen Lehrhäusern, in unseren Gotteshäusern legt ein beredtes Zeugnis für den Hunger nach jüdischen Eigenwerten, der wieder wach geworden ist, ab. Viele aber stehen - heute noch abseits. Sie glauben es mit einer charaktervollen Haltung nicht vereinbaren zu können, daß sie die einmal als richtig erkannte Linie heute unter dem Zwang der Verhältnisse verlassen und einen neuen Weg einschlagen sollen. Sie glauben es ihrem Charakter schuldig zu sein, trotz der gewandelten neuen jüdischen Situation die alte Fahne der Unent-, wegtheit hoch halten zu müssen. Sie glauben, die einzig Konsequenten, aber auch die allein Mutigen in unserer Zeit zu sein. Sie wissen nur nicht, daß es auch eine. Konsequenz aus dem Gesetz des Beharrungsvermögens gibt und haben "offenbar ganz vergessen, •daß im Judentum immer der als der Tapferste und Mutigste angesehen wurde, dcrdieKraftderUmkehr sich zu wahren wußte und allen Hemmnissen zum Trotz die Konsequenzen einer Rückkehr zuin Eigenen zu tragen gewillt war. „Wo die Bußfertigen stehen, können selbst die vollendeten Gerechten nicht bestehen“ (Talmud). Das .ist die entscheidende Frage für das Judentum unserer Zeit, wieviele Leb’ensmutige es bei uns noch geben wird, die gewillt sind, von licucm zu lernen und ihr Judentum zu leben. Es gibt Augenblicke in der .jüdischen Geschichte, da ein solcher Lebensmut historische Pflicht und Notwendigkeit ist."- Auf. unsblickt jetzt die Welt, auf uns wird mich in späteren Zeiten die Geschichte schauen. Werden wir den Mut zu einem -wahrhaft jüdischen Leben finden? Werden wir eine würdige und aufrechte Haltung bewahren? Es ist nicht an der Zeit, daß" wir uns selbst bedauern und gegenseitig mutlos machen. Nicht darauf kommt es an, wieviel man vom.-Judentum abgeirrt ist, sondern Tedi g- 1 ich darauf ist Gewicht zu legen, wie weit der Mut zu neuem Beginnen nicht nur hei den_ Jugendlichen, sondern auch bei den auf der Mittags- > höhe des Lebens Stehenden zum Durchbruch kommt.-' Wir haben früher immer viel von der optimistischen Lebensauffassung der jüdischen Religion gehört. Nun muß es sich erweisen, ob das-nicht nux eine literarische Floskel war, und ob noch soviel ungebrochene Kraft in uns lebt, daß wir trotz der Wende, die das Leben für uns genommen hat, den bisher gegangenen Weg verlassen können, um unter ganz anders gearteten Bedingungen ein neues Judentum uns aufzubauen! Es ist an der Zeit, daß wir das, was uns auferlegt ist, als ein Teil des geheimnisvollen Planes '• des ewigen Gottes begreifen, der uns den erhabenen Leidensweg unserer Väter fortzusetzen befiehlt. Der Weg kommt aus einem großen Ursprung und führt zu einem, großen Ziel. Der Jude, der dies weiß, besitzt die Kraft und-den Mut, auf sein Schicksal stolz zu sein und sein Sciiicksal zu lieben. Ein jüdischer Schriftsteller unserer Tage sagt - einmal: „Nicht das Ereignis bildet unser Schicksal, sondern die Art; wie wir darauf antworten“. Diese Antwort haben wir selbst zu wählen. Wir wollen den Weg, der dazu führt, das wahre, lebendige Judentum wiederzufinden und zur Wirklichkeit des Lebens - zu machen, für uns erwählen. „ Das ist der Lebensmut, den wir gewinnen müssen,, gemäß dem Worte des Talmuds, das uns der reinste Ausdruck der Schicksalslicbc bedeutet: „Die bedrückt werden und nicht andere bedrücken, die Schmähungen erdulden und sie'nicht erwidern, die aus Liebe handeln und fröhlich sind in Heimsuchungen,r von ihnen gilt das Wort der -Schrift: Die Gott liebt, sind wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Kraft“. Es wird gemeldet: Das frühere Vorstandsmitglied der "Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft, Selmar. Fehr, ist in Berlin im 61. Lebensjahr infolge eines Herzschiags plötzlich verstorben. Direktor Fehr hat viele Jahre hindurch die Börsenabteilung der DD-Bank geleitet und ist vor einigen Jahren in das Berliner Bankhaus Georg Fromberg & Co. als Mitinhaber eingetreten. Die „Fränkische Tageszeitung“ veröffentlicht eine Meldung, der zufolge es nur auf die Vermittlung des Papste-s ■ zurückzuführen sei, daß eine Anzahl antijüdischer Bestimmungen des Entwurfs zur neuen österreichischen Verfassung im definitiven Text unterdrückt wurden. Der Papst habe in einem Brief an Bundeskanzler Dollfuß darauf hingewiesen, daß die Doktrin „quadragesinio anno“, die der neuen österreichischen Verfassung zugrundeliegt, die Unterdrückung einer religiösen Minderheit nicht zulasse. Wie die Ita aus Wien erfährt, expl odi e rt e in der Verhalle des Warenhauses Brüder Schiffmann e i n B ö 11 e r, der unter den ausgelegten Waren erheblichen Schaden anrichtete. Zwei Tage vorher war gegen eine hebräische Buchhandlung in der Nähe des Verwaltungsgebäudes der Israelitischen Kultusgemeinde gleichfalls, ein Sprengstoffanschlag verübt worden. Der Stadtrat in Vlotho in Westfalen hat beschlossen, die in Erinnerung an 'einen wohltätigen jüdischen Mitbürger der Stadt benannte „M en d e 1-G r und m a n n-S t r a ß e“ in „D e u t s c h e S t r a ß e“ umzubenennen. Der jüdische Weltmeister im Fliegengewicht, Jackie B ro w h , hat, wie aus London gemeldet wird, zum drittenmal gegenüber dem französischen Meister Valentin Angelmann seinen Weltmeistertitel mit Erfolg verteidigt. In einem Pariser Vorort kam es, dem „Berliner Tageblatt“ zufolge, zu Zusammenstößen zwischen Anhängern der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus und Jungpatrioten. Drei Personen wurden verletzt. Die Polizei konnte die Ruhe wiederherstellen und nahm zwei Verhaftungen vor. Im Verlauf einer Generaldebatte im Verfassungsausschuß des tschechoslowakischen Parlaments erklärte, wie aus Prag berichtet wird, Minister Derer, er vertrete^ den Standpunkt, daß der Staat allen Personen und Gruppen, die wegen ihrer nationalen, religiösen oder rassischen Zugehörigkeit Angriffen ausgesetzt sind, den im Gesetz vorgesehenen Schutz angedeihen lassen muß. Er werde Vorsorge treffen, daß.die' entsprechenden Oesetee beachtet werden. .— Eine bischöfliche Mahnung Warschau. Anläßlich eines Besuchs in der zu seiner Diözese gehörenden Stadt Wiclza hielt der Bischat von Sandomierz eine Ansprache, in der er die Notwendigkeit einträchtigen Zusammenstehens von Polen und Juden betonte. Die in eiger Zeit judenfeindlicher Propaganda m Polen an die Bevölkerung gerichtete bischöfliche Mahnung zu Frieden und Eintracht übte starke Wirkung aus. An dem festlichen Empfang, den die Einwohnerschaft von Wielza dem Bischof bereitete, nahm auch eine Abordnung der jüdischen Bevölkerung teil, die dem Bischof unter der Führung des Örtsrabbiners eine Thorarolle entgegentrug. Der Bischof dankte der Abordnung für diese ihm zuteil gewordene Ehrung. Er erklärte, ei schätze die jüdische Religion, die als erste den wahren Gottesglaüben verkündet habe, sehr hoch ein. Die Christen müßten anJhrcr -Religion festhalten und ebenso die Juden an der ihrigen." Gleichzeitig aber müßten "Beide Volksstämme, Polen und Juden, einträchtig "zusammenstehen, denn „wir alle sind Kinder eines Gottes“. Ebenso wie an dem feierlichen Trauerzug, der in Warschau anläßlich der Oberführung der Leiche des ermordeten polnischen Innenministers P i e r a c k i stattfand, nahmen Ab- Ordnungen jüdischer Verbände auch" an der Beisetzung des Ministers in seiner Heimatstadt Nowy-Sac teil. Bei den Bei-