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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-13 · 30 (13.4.1934) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
30 (13.4.1934)
Date
1934-04-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Von jüdischem Wort und jüdischem Brauch Zum Wochenabschnitt Hin W ort von besonderer Schlagkraft enthält die Schriftvorlesung dieses Sabbatsr In ihr wird berichtet, daß bei der Einweihung des Heiligtums in der Wüste die beiden Söhne Aharons, Nadab und Abihu, ein nicht gebotenes Opfer an Räucherwerk darbrachten und dafür auf der Stelle vom Feuer verzehrt wurden. Der Sinn dieses Geschehnisses ist nicht ganz, deutlich. .Es gibt mancherlei Deutung und Erklärung. Vielleicht hält man sich am besten an die, die sagt, daß ihr ehrgeiziges Sichvordrängen, ihr betonter Wille, eine Rolle spielen' zu wollen, das Tadelnswerte, Unpriesterliche, Nichtzuduldende war. Es bleibe dahingestellt, ob das als der letzte Sinn dieses Geschehens gedacht war. Als aber das Unglück geschehen war, da trat Mose an den so jäh in tiefste Trauer gestürzten Aharon heran und sprach zu ihm: „Das ist’s, was Gott geredet hat: an meinem Nahen erheilige ' . . ich mich, vor dem ganzen Volke erherrliche ich mich. Alläron schwieg.“ Dies ist das Wort von besonderer Schlagkraft. Es hat zwei nicht miteinander zusammenhängende Teile. Der erste ist die im Namen Gottes erg’ehende Verkündigung. Sie ist von' bleibender Bedeutung. Sie drückt mit'anderer, knappster Wendung das aus, was später der unter dem Namen Jesajas gehende Prophet des babylonischen Exils in seiner berühmten groß angelegten Rede vom leidenden Knecht Gottes kündete. Daß alles Erwähltsein in Leid getaucht ist, daß Gott mit denen, die ihm nahe sind, schärfer ins Gericht geht, oder wenn man es so ausdrücken will, daß je strenger, je härter, je gewaltiger man von Gott angefaßt ist, man ihm desto näher ist. Der wirklich und in tiefster Seele Fromme weiß, daß er das Geheimnis von Gottes Ratschluß und Walten nie ergründen kann; mit jenem Wort wird ihm gesagt, daß Leiden, in nicht erahntes- Unglück gestürzt werden, nicht Zeichen des Verworfenseins ist, der Gottesferne, sondern .-einer besonderen Gottesnähe; in alledem trägt das Wort eine stete unwandelbare Bedeutung in sich, ist es wieder einmal gegenwärtig und Von einer noch’ größeren Betontheit ist der Schlußteil: Aharon .schwieg. Warum schwieger? War es ein Schweigen des Protestes? Ein Schweigen der Resignation? Ein Schweigen dumpfer Empfindungslosigkeit? All das würde schlecht zu dem Bilde passen, das die Bibel von’ihm zeichnet, das wir von Moses Bruder, dem Redegewaltigen, dem Priester, dem Hohepriester uns malen. Sein Schweigen war nicht der Verzicht auf-eigenes Handeln und" Denken, denn wenige Verse nachher wird erzählt, wie er in Auswirkung der Folgen jenes Unglücks mit Mose in Widerspruch geriet'und recht behielt. Sein Schweigen war eine würdige Demut, nicht die Demut, die sich selbst auslöscht und sich als schlecht empfindet, sondern die Demut, die sich höherem Ratschluß unter- . wirft, weil sie das andere, eben göttliche Wissen anerkennt und verehrt. Sein Schweigen und'Sichfemhalten von wildem Aufbegehren war der Ausdruck dessen, daß er um den Sinn des Geschehens wußte, oder besser, daß er, wenn er auch nicht den Sinn kannte, doch tief überzeugt war, daß alles Geschehen ,einen Sinn hat. Sein Schweigen war die Erkenntnis, daß es töricht und. unfruchtbar ist, dem Vergangenen nachzusinnen, auf das Vergangene hinzustieren und in ihm letzte und einzige Erfüllung zu schauen, daß es vielmehr darauf ankommt, dem Augenblick Genüge zu tun, damit man in neuer Zukunft zu ' leben vermag. Sein Schweigen war im Grunde ein Ausdruck der Kraft, seiner Ungebrochenheit. Sein Schweigen war eine stärkere Rede, als die, die Hiob gehalten hatte, der mit Gott richtete. Sie war ein bewußtes Verzichten auf Ausbreitung seiner Gedanken, ein Sichzurückziehen in Dr. Jur. sucht Lebensgefährtin seine Grenzen., Sein Schweigen war kein Einverständnis, daß ihm recht geschehen sei, sondern ein Wissen darum, daß er der Schwächere war. Sein Sdtweigen war ein Beharren in Amt und Aufgabe, in Sendung und Pflicht. Solch ein Schweigen ist priesterlich, ist vorbildlich; mit diesem Schweigen ist Aharon ein Meister unserer Gegenwart. Übrigens ... Ein Jude! — Oft geben die belanglos scheinenden Erleb- Ein Jude? nisse tles Tafics letzte und tiefste Erkenntnis, Dies ist eines: in einem Verlagshaus, das einen durch lange und mühevolle Arbeit begründeten guten Namen trägt, trifft man auf einen Mann 'mit schlohweißem Haar, der allein durch seine Erscheinung einen zwingt, den Hut zu ziehen. Kultur, hier nicht angelernt, sondern aus dem Innern der Persönlichkeit geboren, leuchtet aus' jeder Spur seines Wesens,.so stark, daß man nur an die alten Adelsgesehiechtcr denken kann, an Rainer Maria Rilke etwa, um einen Maßstab zu finden, der zuträfe. Und dieser Eindruck verdeutlicht sich mit jedem Wort-, das fällt; da ist nichts konventionell, alles durchdacht und erfüllt von Gefühl und Verständnis. Den Namen hat 'man bei der Vorstellung nicht recht verstanden, aber er ist eigentlich auch ganz unwichtig, da man weiß: Hier steht ein großer Mensch vor dir! ' _ Dann, im Wagen der Balm, stört lautes Reden zweier Mitfahrender die Ruhe, Es sind offenbar Juden, die sich da unterhalten. Plötzlich fällt von irgendeinem Platz das Wort- „Jude“. Alan empfindet cs mehr als peinlich. Es geschieht in diesem Augenblick, daß einer zu dem hochgewachsenen alten Herrn sich wendet und, eigentlich ohne Gehässigkeit, mehr im Vonvurf, meiiit: „Da sieht man doch, daß die Juden kein Benehmen haben...“ Hart trifft dieses Wort, dem man gern erwidern würde, aber die Situation ist einer Erklärung nicht günstig. Eine lächelnde Antwort des Angeredeten enthebt einen dieser Notwendigkeit. „Sagen Sie nicht die Juden“, meint er leise, aber eindringlich genug, „ich selbst bin nämlicii auch einer.“ Dann fiel kein Wort mehr darüber. HANSSCHNEIDEI „Wissen Sie nicht, wer das war?“ erwiderte später auf eine erstaunte Frage der Lektor des Verlags, „das war Herr.. aus einer alten deutschjüdischen Familie, der Biograph aller großen Maler unserer Zeit, eine der vornehmsten Persönlichkeiten, die ich jemals kennen lernte.“ Der Theologe und Philosoph Johannes Müller, der noch im vergangenen Jahr schöne und tief empfundene' Worte für uns deutsche Juden ausgesprochen hatte, hat uns jetzt in einer neuen Veröffentlichung die Verantwortung für die Haltung „des von uns beeinflußten Weltjudentums“ aiiferlegt. Unseren Beweisen gegen seine Meinung, daß es ein- Weltjudentum gäbe, braucht keiner Glauben zu schenken, der nicht glauben will. Aber ob er uns sagen könnte, was denn das Weltjudentum ist? Ob er weiß, wer von denen im .Wagen der Bahn „der deutsche Jude“ ist? Gebet und Speise Iwan Iwanowitsch, ein russischer Bauer, trat kurz vor Pessach zum Judentum über. Zum Seder ist er in eine Familie geladen. Mit der Hagadah in der Hand beobachtet er, wie nach fast jedem Gebet Speise und Trank serviert wird. Er findet diese Zeremonie sehr sinnreich und den Ritus bekömmlich,, und voll Eifer erkundigt er sich nach den Gebetbüchern der andern jüdischen Feste. Man zeigt ihm das dicke Gebetbuch für-Jom-Kippur.' Da prallt er erschreckt zurück: „Aber, um Gotteswillen, das ist ja nicht möglich, das hält doch kein Magen aus . ..“ €inc £affe ging in %vnmm<22 Vor I I Tagen hatten wir Besuch, mein Vetter Ur. B. — er ist gar nicht'mein Vetter, aber wir haben den Urgroßvater, Jacob Moses Burg gemeinsam -- hatte sich zum Kaffee angekündigt. Obwohl er'in Potsdam wohnt, ist er mein nächster Anrainer, wir kommen nicht all/uhäufig zusammen,.er hat ein Stück Land, oder sinngemäßer ausgedrückt, das Stück Land hat ihn, und er ist jetzt mit dem Boden vciWuriettct als mit dem Blute. ' . Aber da dlstäiuli der Zc Künstler, es wurde musiziert, eines i wollte hilfsbereit der Hausfrau beim Ahr entglitt die Tasse und zersplitterte. i Mädchen- Kaffeetafel jungen ungeschickten l'i Es war schade, das Unglück war geschehen: sie wollte sieh ein«« der großen Splitter uiitnelimeu mul meinte: ..Bei Tietz oder Wertheim tyerde ich schon etwas'Ähnliches finden, Die Jugend von heute lut häufig keine Tradition mehr, ist gewohnt, mit nettem, modernem Geschirr umztigclicn, zerbriclil’s einmal, so kauft mau's neu. Bekommt mair nicht das alte, um so besser, so ist Gelegenheit geboten, ein-noch moderneres einzutauscheii: Die altehrwiirdigen Tassen aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur, schwer, etwas -unhandlich und geräumig, passen für diese schnelle sportgewohnte Jugend' nicht, die mit dem Gouchzimmer den Sinn für Gewordenes über Bord geworfen hat. -— Eine-von den alten Tassen weniger! Mir aber geht ein Stich durchs Herz. Vier Generationen haben aus ihr getrunken, jlie erste fuhr nocti mit der Postkutsche nach Hamburg oder Leipzig, die folgende staunte als Wunder die Eisenbahn au, die vom Potsdamer Bahnhof abfuhr, die nächste durchlebte die Erfindung des Telephons und sah in den Läden der Leipziger Straße zum ersten- Male, das Auerlicht aufflammen, und die jetzige Generation ist an Flugzeug, Auto und Radio so gewöhnt, daß sie sieh überhaupt über nichts mehr wundert, was kommen wird, sondern daß sic mir noch ~ erstaunt über das, was war. Seit zwölf Tagen renne ich durch alle Antuiuitatengeschäfte Berlins, durchsuche „Urväter Hausrat“, doch zu den elf Tassen die zwölfte-habe, ich noch nicht gefunden. Lichtwer, ein*Zeitgenosse jenes Lessing, der „Nathan“ der Weise“ geschrieben hat,- würde schließen: „Des Narren Zorn entbrennt noch mehr, Wenn er nicht hat, ihn anzublasen. Und bloß darüber raset er, Daß er nicht Ursach’ hat, zu rasen." Vielleicht hat er so Unrecht nicht! ■ Dr. T.-Simon. BKurfOrstandamm a«a „MERKUR“ rief marken | Geschäftliches | ~ - Auber Verantwortung der Schrlltleltuhg . Nicht nur aus ideellen Gründen kauft man bei Optiker Fromm & Co. am Alcxanderplatz (gegenüber Tietz), sondern weil man besonders sorgfältig.-gut und billig bedient-wird. <theateif Haßatettf Hine ELOW konferiert das auserlesene April-Programm is ist wied« ganz hutfg! Eintritt M. 1,-, kleine Preise StadtkOdisVUT fUnt. Avis. d. fCascAr.-Kbmm.d-J. G. Bcrl.J KurfOrsteadamm 22 [Sähe Bahnhof ZooJ Ausrichtung r. FestlkhkciLJ 1 Bism. 2245 Hcrmann’s Keffauranf Inh.J.Hermann - W8, Jägerstr.18 Täglich Hausirauen-nachmlttage Kanne Kaffee und Kuchen M. 1,- Eintritt 20 Pf. A RESTAURANT RUBINSTEIN WIENER KÜCHE T AN 'z*ST IMMUNG Wo können wir oos gut amüsiere* J „Caff6 Trianon“ inh. Bornstein Bayerischer Platz 1, Tel. B 6 0835 Mitgl. d. jüd. Gemeinde Täglich nachmittags und abends TANZ * Eintritt frei Anerkannt beste Wiener Küche bei ganz billigen Preisen. Wochentags nachm. 1 Tasse Kaifee 33 PI. 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