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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-13 · 30 (13.4.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
30 (13.4.1934)
Date
1934-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 13. April 1934 00 Einzelnummer 20 Pt. ffltöw-ieiabar z« Berlin. gflr brotj^ts 5ubentum unb reltgiöfett Ülufbon 14. Jahrgang Bezugs p r eis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. . Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstag und Freitag Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint Dienstags-”' und Freitags. — Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-Charlolteiitmrg 4. Mommsenstraßc 10. — Fernruf: J 6 Blcibtrcu Sammelmimmcr 1515. — Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e. G. m. b. H.,.Berlin N 21. — Postscheckkonto: j,Jüdisch-liberale Zeitung", Berlin 227 bl. Noch ist es nicht möglich, über die politische Stellung der deutschen Juden im Rahmen einer zukünftigen deutschen Verfassung irgendetwas auszusagen. Was aus dem bekannten Verfassungsentwurf'des Regierungspräsidenten Nicolai Wirklichkeit werden wird, ist noch völlig ungewiß. Wenn es auch noch lange dauern kann, bis eine Festlegung der Rechtsstellung deutscher Juden im nationalsozialistischen Staat erfolgt, so ist' doch eine Klärung unserer geistigen Situation vor sich gegangen. Daß sie anders ist als vor der Umwälzung, ist selbstverständlich. Vordem spielte sich jüdisches Schicksal, das des Einzelnen wie das der Gesamtheit, im Mittelpunkt des allgemeinen Geschehens ab, eine Unterscheidung zwischen Beidem schien unmöglich. Was Deutschland erlebte, das erlebten die deutschen Juden als Eigenes in jeder Phase mit, in Politik, Wirtschaft und Kultur. An entscheidenden Punkten sind wir nun aus dem deutschen Schicksal herausgenommen und eigener Gesetzlichkeit überantwortet. Der Gedanke, daß nun deutsches Schicksal und jüdisches Schicksal zwei verschiedene, von einander unabhängige Dinge seien, ist somit nicht sonderlich erstaunlich. Das allergeringste Wissen um politische Zusammenhänge allerdings beweist schon, wie falsch und unmöglich solche Meinung ist. Es ist undenkbar, daß wir auf diesem Boden ieben — und; daß die Mehrheit von uns dazu, in der Folgezeit bestimmt sein wird, kann wohl niemand bezweifeln, dem bewußt ist, daß nicht Wünsche, sondern zwangsläufige Gegebenheiten unser Sein und Werden gestalten — und zugleich von allem losgelöst sein sollten, was Geschehnis dieses Bodens ist. Immer sind wir ihm verhaftet, und immer bleibt das Schicksal, das auf ihm sich abspielt, auch das unsere. Auch dann, wenn wir es noch so bitter empfinden müssen, wenn wir nicht entscheiden, sondern über uns entschieden wird, wenn wir nicht Subjekt, sondern Objekt des Geschehens sind. Vielleicht dann sogar gerade besonders stark: so paradox es klingen mag, soviel au innerer Wahrheit liegt darin, daß die Juden niemals enger mit dem Schicksal des deutschen Bodens, ja des deutschen Volkes Verknüpft wurden als eben in dem Augenblick, in dem sie glauben mußten, zutiefst erniedrigt zu sein. Es wird eine lange Zeit vergehen, bis sich das ganz erweisen wird. Aus dem Mittelpunkt des deutschen Schicksals sind wir freilich entfernt. Und wie wir dennoch ihm verhaftet sind, selbst dann, wenn wir es nicht wollten — wenngleich niemand so frivol sein könnte, die Lösung dieser entscheidenden. Bindung zu wünschen — so ist unsere Stellung, wie es schon häufig gesagt und erklärt wurde, die von Grenzdeuts c Ire n. Unser Schicksal aber verläuft arii Rande des deutschen Schicksals, so wie die Oberfläche einer Kugel zum Teil - nach den Gesetzen sich bewegt, die Ausstrahlungen des Mittelpunktes sind, zum änderen aber einer bedeutsamen Eigengesetzlichkeit gehorcht. „Juden am Rande“ — so hat einer aus der Mitte unserer jüdischen Gemeinschaft uns einmal genannt, die wir um die Verwirklichung einer deutsch-jüdischen Synthese ringen, und er meinte damit, daß wir Randerscheinungen lies Judentums, seien, die nicht bis zum Kern des Seins gelangen könnten. Aber nicht am Rande des jüdischen, sondern des deutschen Schicksals stehen, wir, und so schlagwortartig richtig dieses Wort „am Rande“ ist, so. wird es doch'erst fruchtbar durch diese Beziehung. Dal! es so ist,, zwingt uns zu Folgerungen, die wichtigste Dinge unseres Seins berühren ijnd an uns selbst wie an unsere Umwelt sich richten. Und daß wir am Rande lies deutschen . doch mitten im jüdischen Schicksal stehen können, braucht keiner Motivierung: aber auch hier beweist alles das Wissen des die Natur erkennenden Mathematikers, das uns sagt, daß der Mittelpunkt eines Kreises sehr wohl auf der Oberfläche eines anderen liegen kann. Die Bindung, die sich, auf jeden erstreckt, der nicht als überzeugter Zionist in Palästina arbeitet, hält uns weiter unter einem harten geistigen Zwang. Wir müssen wissen, was das ist was um uns, mit und-an uns geschieht, müssen ganz tief in den deutschen Kulturkreis eingedrungeii sein, ihn mit eben seinen heutigen Abwandlungen völlig zu verstehen suchen. Darum ist es nichts als selbstverständliche Konsequenz, wenn wir in unserer kulturellen Lage mit gleicher Akzentuierung als deutsch-jüdisch uns fühlen und meinen, daß unser geistiges Bemühen niemals vergessen lassen darf, daß es nicht nur um ewige Dinge des Judentums, sondern um eine spezielle Sonder- 600 jüdische Kinder werden untergebracht - Neue Schulklassen in Berlin Eröffnung voraussichtlich am 23. April — Auch Wie die Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde mitteilt, ist die Genehmigung zur Erweiterung des Schulwesens der Gemcinde soeben erteilt worden. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ er. fährt dazu noch folgendes: Die Räume der neuen Schule werden folgendermaßen verteilt werden: Pr i n z. r e g e n t e n s t r a ß e , Fasancnstralie, K 1 o p s t o c k s t r a II e öS, Es ist geplant, je vier achte und vierte Klassen zu eröffnen. Für die Klassen sieben, sechs, fünf, drei und zwei sind so viele Schiller gemeldet, daß für j e d e n J a li r g a u g e i n e , K I a s s e eröffnet «erden kann. Die Zahl der Meldungen für die erste Klasse hat ziemlich' gereicht, so daß hier eine neue Klasse nicht eingerichtet zu werden braucht. Die Klasse» werden so verteilt werden, daß der Weg der Kinder zu ihren Schulen nicht allzu weit ist. . ' die bestehenden Volksschulen werden erweitert Die Leitung der Schule wird Herr Stiidicurat B e r n - h a r d t übernehmen, der schon' bisher provisoriseh die fti der Fasauenstraße uiitcrgcbrachtcn Klassen geleitet hat. Die neuen ein/.urirhtcndeii Klassen können nicht schon am 12. April eröffnet werden, weil die nötige Bestuhlung fehlt, iloeli wird die Eröffn u n g walirs c'h e i u 1 i e h a m 2 i. April mit einer Eröffnungsfeier in der Synagoge Kasanenstralle erfolgen. Int ganzen werden auf diese Weise 600. jüdische Kinder in der Volksschule urilcrgebrachl werden. Gleichzeitig werden die. auch schon bisher bestehenden'Volksschulen eine Erivciteterung erfahren, sodaß von den im ganzen ang'cmeldcten 10(10 Kindern nur wenige zurückgewicse» zu werden brauchen' Die Legislaturperiode der Frankfurter Repräsentanz Um zwei Jahre verlängert Frankfurt am Main. In der letzten Kepr.lsefflaii* tcu Sitzung der Frankfurter jüdischen Gemeinde stand* der. verfassungsandemde Antrag des Öenieindevorsfaitdes, wonach die Legislaturperiode der Körperschaft um zwei Jahre v e r 1 an gert werden sollte, zur Beratung. Nach laugen Debatten wurde der Antrag mit den Stimmen der- -.Liberalen und Konservativen angenommen. Gegen den Antrag stimmten die Vertreter der Volkspartei. Fortführung der Neuorganisation der Handelsvertreter Der K e i c h sverha n d d e u t s c h e r 11 a n d e 1 svertreter und Geschäftsreisender (KdllCi) hat in der „Deutschen Handelsvertreterzeitung“ bekannt gegeben, daß nach einer Erklärung des Keichswirtschaftsminislers die Überführung der Mitglieder des Centralverbandes deutscher Handelsvertretervereiue (CDM) in den RdllG weiterhin und ohne Aufschub durch/uführcu sei. Wie erinnerlich war zunächst Anweisung gegeben worden, die Unmrganisatinn aufzuschieben. Der RdHü weist ferner unter Bezugnahme aut eine im Januar abgegebene Erklärung des Stellvertreters des Führers, Rudolf Mell, darauf hin, daß die NSDAP die bisherigen Verbände — außer dem CUH noch der .Verband reifender Kaufleute Deutschlands und der Bund nationalsozialistischer Handelsvertreter — als erloschen betrachte und den neuen Kd HCl in Zukunft als einzig berechtigten Nachfolgeverband anerkennet Die Satzung des RdHG enthält, soweit * bekannt, den A ri e rp a ra g ra p b e n. - 11287 Juden wurden in Berlin unterstütz! Winterhilfswerk und Judentum Guben. Unter dieser (ibersclirift bringt die j.Giilieiier Zeitung“ einen Bericht »her das großzügige Wiulcrliilfswerk, das in den Ict/teii Monaten tlurvhjjefiihrl wurde. „Ohne Rücksicht auf die ' Gesinnung des Eiii/clncii," so schreibt das oben Kennlinie Blatt, „hat die NS.-Volkswohlfahrt in dem eilten Jahre der nationalsozialistischen Regierung gewirkt. Nicht die (icsiimmizf, sondern der Grad der B c d ü r f t i g k c i 1 war grundlegend für die Unterstützung. So ^wurden iii diesem Winter zahlreiche Ausländer mul Juden vom Wintcrliilfswerk bedacht. In Berlin wurden 8 7 ‘J 1 J n d 0 II d e n t s c li e r'S laut s a n g eil ö r i g k e i t und 2 1 0 () a n s I ä n li i s e h e J li d e li vom Wiiilerliilfswerk unterstütz!., Die Gesamtsumme beläuft sich demnach auf 11287 Juden. Ausländer unterstützte das Wiiilerliilfswerk 277b. Im ganzen betreute da,s Winterhilfswerk Gau GTr.ll-Berli» 11 Ob i Juden und Ausländer. qrunpc, eben das deutsche Judentum, geht. Es ist fast beschämend, dies sagen zti müssen. Und doch ist es notwendig, da noch immer blinder Fanatismus unser Bemühen als würdelos, unsere Haltung als Abklatsch der Assimilation bezeichnet. Es ist kaum vorstellbar, daß die wirklich dies meinen, die solche Worte in Vorträgen und Aufsätzen finden: denn sie übersehen ganz, daß wir tim, was getan werden muß, daß wir nicht mir für deutsch-jüdisch denkende Menschen wirken, sondern für jeden, der als Jude auf deutschem Boden lebt. Daß wir aus unserer Lage am Rande des deutschen Schicksals die allein möglichen Folgerungen für unsere geistige Existenz ziehen, Kt eine Voraussetzung für die Gestaltung unserer Zukunft. Wir wissen, daß wir am Rande des deutschen Geschehens leben. Es gibt Dinge darin, die uns nicht mehr erreichen. Dahinein sollen wir lins nicht drängen. Aber es gibt anderes, was auch uns berührt, was unser Leben, unser Schicksal ist. Die Wirtschaft zum Beispiel ist eine Angelegenheit, die indem Leben jeilcs auf diesem Boden lebenden Menschen eine wichtige Rolle spielt. Und aus vielen Aliherimgeii lies Herrn Rcicliswirlsehaftsmiiusters ging unmißverständlich dessen An- . sicht hervor, daß die durch unzählige Verbindungen gegebene Verknüpfung des gesamten wirtschaftlichen Lebens' nicht gestatte, auch nur an einer Stelle etwas iim/iiformeii, ohne daß das Ganze wesentliche Erschütterungen erleidet, ln Dingen der Wirtschaft ist — von - anderweitig beeinflußten Einzelheiten abgesehen — unser Schicksal nocli immer das Schicksal Deutschlands. Weil das so ist, zerfallen auch Vorwürfe, iliiT wir vielfach voll nationalsozialistischer Seite z» hören be- — kommein daß die deutschen Juden gegen den Aufbau der deutschen Wirtschaft arbeiteteir, dal! sie ihr zu schallen versuchten. Müssen wir dagegen uns wehren? Der klare I linweix sollte genüge», daß dies nichts anderes hieße als eine liesontlere Form lies Selbstmordes /u wühlen. Oder glaubt jemand, daß wir uns vorstellen, ‘beim Zusammenbruch einer Kugel könne ihre Oberfj^iche-inlakt bleiben? Weil wir aber Wahrheit mul Gerechtigkeit inder Abgrenzung alter Beziehungen erhoffen, scheint es uns bedauerlich, daß weite Kreise in Deutschland ihre-Ansicht über Meinungen der deutscheil Juden noch immer ausschließlich der ualioiial-jiidisclicn Presse entnehmen mul die dcntsch- ' jüdische Presse mir heraii/iehcn, um gegen sie zu polemisieren. Wir können es mir tief bedauern, wieder und wieder zu lesen: „Die Juden selbst sagen . . .“ und dann Dinge zu finden, mit denen wir uns niemals identifizieren werden. Wir maßen uns nicht au, Andersdenkende ztt überzeugen. Aber es wird wohl verständlich sein, wenn wir wünschten, die deutsch-' j ii d i se li e P Fes se zitiert zu Ischen, wenn die Ansicht deutscher Juden wiedergegeben werden soll. Denn wir wisseng daß mir dann die richtige Betrachtungsweise fnr unser Schicksal gefunden wird, wenn unsere Erkenntnis, daß wir Deutsche am Rande des deutschen Schicksals sind, üruhdlagc alles Woliens in den Angelegenheiten deutscher Juden--geworden ist. - Hirns Samter.

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