Mannheim
Compact Memory

Unsere Tribüne · 1925-01-15 · 1 (15.01.1925) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Unsere Tribüne
Volume
2 (1925)
Issue
1 (15.01.1925)
Date
1925-01-15
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2822530-2822543-2822544--063-3524226
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage iu „Unsere Tribüne" Nr. 1 vom 15. Jänner 192S. Deklaration der Mandatare der Vereinigung für soziale Tätigkeit in der Kultusgemeinde. Die Mandatare der W. V. f. s. T. in der Kultusgemeinde fühlen sich verpflichtet, in der konstituierenden Sitzung des Vorstandes durch' mich folgende programmatische Erklärung abzugeben. Wir sind nicht in der Lage, den Vorstand der K. ü. als Vertretung des Wiener Oesamtjudentums gelten zu lassen, da er auf Grund eines reaktionären, jeder Demokratie widersprechenden Wahlrechtes gewählt wurde, eines Wahlrechtes, das von über 100.000 Erwachsenen und über 50.000 Steuerzahlern kaum 40,000 zur Wahl zuläßt. Eine Körperschaft, die durch Bindung des Wahlrechtes an dreijährige Steuerleistung es zu verhindern gewußt hat, daß die Masse der Juden, das sind die Kleingewerbetreibenden, Angestellten und Arbeiter sich aktiv oder passiv an der .Wahl beteiligen und das Recht über das Schicksal der Kultusgemeinde zu entscheiden, nur den Besitzenden vorbehält, hat nicht das Recht, sich als Vertretung des Wiener Gesamtjudentums zu bezeichnen. .Wenn wir im Gegensatze zu sozialistischen Gruppen anderer jüdischer Zentren uns an der, letzten :Wahl beteiligt haben, so geschah dies darum, weil wir uns kräftig genug fühlen, durch den Druck unserer Wähler und die Kraft unserer- Argumente die Verwaltung so zu demokratisieren, wie wir es für nötig halten. Und es wird unser erstes und oberstes Bestreben sein und wir werd en es m i t a 11 er Macht u n d a 11 e n Mitteln durchzusetzen wissen, #daß das allgemeine, gleiche, geheime, direkte Wahlrecht ohne Rücksicht auf die Steuerleistung ^.ifür ane jn Wien wohnhaften Juden das einzige in unserer Zeit berechtigte ohne Verzug eingeführt wird, wobei durch Vermehrung der Mandate dafür Sorge zu tragen sein wird, daß die klei- . riefen Gruppen nicht erdrückt werdeu. Für ebenso überholt wie das' Wahlrecht und einer dringenden Reform bedürftig erscheint uns! die durch nichts, gerechtfertigte Geheimhaltung der Sitzungen. Das Vertrauen der .Wähler, dessen die Leitung der Kultusgemeinde in weitem Ausmaße verlustig ging, kann nur durch vollkommene Publizität der Vorstandsitzungen und Verwaltung wiedergewonnen werden. .Wir sind daher für prinzipielle Oeffentlichkeit der Vorstandssitzungen und Schaffung eines amtlichen Publikationsorganes, das unter Kontrolle aller Parteien die Oeffentlichkeit über die' Kultusgemeinde zu informieren und in der der Vorstand pflichtgemäß Tätigkeits und Rechenschaftsberichte zu erstatten hat. Haben die Mehrheitsparteien das Vertrauen, größtenteils verwirkt durch die undemokratische Wahlordnung, so muß der desorganisierte Betrieb der Fürsorge und Wohlfahrtsinstitutionen geradezu Entsetzen hervorrufen. Wer es weiß, daß 160 Personen im zweifelhaften Genüsse von sage und schreibe 6000 Kronen monatlich stehen, 110 im Genüsse von K 10.000 monatlich u. s. f. und daß auf die Weise hunderte Millionen verschleudert werden der braucht kein .Wort weiter zu verlieren. Wir sind der Ueberzeugung, djaß nur die Schaffung eines nach modernen Prinzipien geleiteten Amtes für soziale Fürsorge es ermöglichen wird, soziale Fürsorge so zu treiben, daß sie, unter Erfassung der besonderen Erscheinungen der jüdischen Armut, allen Anforderungen sozialer Hilfsbereitschaft entsprechen kann. Unter Beiziehung von zu ernennenden Fü rsorgerä teu wird sich dieses Amt um Kinder und Jugendfürsorge, mit der Ausgestaltung des Spitales und Versorgungshauses, mit den Institutionen für Blinde, Stumme und Gebrechliche jeder Art zu befassen haben. Den jüdischen Wanderern, die durch Wien als einen Knotenpunkt ziehen und insbesondere den Chaluzim wird dieses Amt sein besonderes Augenmerk zuwenden und ihnen durch Errichtung von Durchzugstationen und Informationsbüros etc. zu Hilfe kommen. Arme jüdische Hochschüler werden weitestgehend zu unterstützen sein. Die Almosen geberei muß ein Ende haben. DerFlilfsbedürftige muß es fühlen, daß die Kultusgemeinde es für ihre Pflicht hält, helfend einzugreifen, wo es jüdisches Elend gibt, daß hier n i c h t vo n Sehn o rr e r n die Rede ist, sondern von Hilfsbedürftigen, nicht von Gnadenakten, sondern von Selbstverständlichkeiten. Ein Amt für soziale Verwaltung soll sidi dtTiBe* r u fsber atung der jüdischen Jugend widmen, def Arbeitsvermittlung jüdischer Stellenloser und insbesondere durch Errichtung von Lehrwerkstätten und Handwerkerschulen die Heranbildung qualifizierter Arbeiter fördern. Der nächste Punkt unseres Programmes ist die Frage der . < Kultusgemeinde-Angestellten. Einzigartig in der^ Geschichte;der Wiener Juden und einzigartig unter den jüdischen'. Gemeinden Europas steht der erbitterte Kampf, den! sie gegen ihre Angestellten führt. Heute stehen sie so hilflos der Frage gegenüber wie je. Eins ist. sicher, sie werden sie nicht lösen, denn weder genießen sie das Vertrauen ihrer eigenen Beamten, noch sind sie imstande die Frage objektiv zu betrachten. Es gibt hier nur eine Partei,' welche berufen ist, eine gedeihliche Lösung zu erwirken, dJs sind wir. Durch Disziplinarverhandlungen werden sie nichts erreichen. Es muß im Gegenteil zur bisherigen Taktik •die Organisation der Angestellten gestärkt, die Autorität ihrer Führer gehoben werden. Der Vorstand der Kultusgemeinde kann nur mit einer starken Organisation verhandeln, die bei ihm und den Angestellten1 in Ansehen steht. Ist dies der Fall, dann wird durch Normalisierung des Betriebes, durch Dienstnormale nach dem Muster der Gemeinde Wien, durch Pen s i o n sn o r m a le usw. und durch das Ansehen, in dem unsere Partei bei den Angestellten steht, die, von unseren guten Absichten überzeugt, sind, ein solches Verhältnis zwischen Vorstand und Angestellten erreicht werden, die Arbeit so vonstatten gehen, wie? es im Interesse einer, jüdischen Gemeinde ist. Die schlechte finanzielle Lage der Gemeinde, das Versagen der finanziellen Gebahrung und insbesondere die Mängel der Steuervorschreibung und -eintreibung haben uns veranlaßt, Vorschläge auszuarbeiten, die wir demnächst vorlegen werden. Trotz der allgemeiner! Wirtschaftskrise wäre es ein leichtes, bei Belassung des Steuerminimums, bei Ermöglichung der Ratenzahlung bei wirtschaftlich Schwächeren das Maximum weit höher zu stellen, durch Reorganisierung und Modernisierung des Steueramtes noch so weite Kreise zu erfassen, daß die -ewigen Geldsorgen der Kultusgemeinde ein Ende hätten. Unser Standpunkt gegenüber religiösen Fragen läßt sich kurz: präzisieren. Unsere Partei betrachtet Religion als Privat-, jedoch nicht als Nebensache. Wir wissen, daß es mit zu den obersten Aufgaben einer Kultusgemeinde gehört, die religiösen Bedürfnisse aller Angehörigen im vollsten Ausmaße zu befriedigen. Einer Kultusgemeinde darf niemand m fromm sein. Wir würden „es aber als Heuchelei betrachten, wollten wir uns das Recht an-, .maßen"', über Dinge zu urteilen, die unserem Empfinden nicht voll entsprechen. W i r sprechen auch j e d e m anderen das Recht ab, Urteile über rituelle Angelegenheiten abzugeben, der nicht selbst religiös empfinde t. So sehr wir auf politischem, so sehr verurteilen wir jeden Zwang auf religiösem Gebiete. Wir halten dafür, daß die ausschließlich religiösen und rituellen Angelegenheiten einem Ausschusse geeigneter, religionskundiger Vorsteher überwiesen werden* der in diesen Angelegenheiten volle Autonomie hat. Wir können die erste Sitzung des neugewählten Vorstandes nicht vorübergehen lassen, ohne in unserer ersten Rede unseren arbeitenden Freu nden in Palästina unseren Gruß zu entbieten. Wir. stehen zu ihnen mit der ganzen Sympathie, die wir arbeitenden Juden zuwenden können und werden wo und wann immer die Arbeiterschaft Palästinas unsere Hilfe braucht, zur Stelle sein. Endlich verlangen wir, ,daß in dieser Zeit, -.in der der Antisemitismus so hohe Wellen, schlägt, wie kaum vorher, eine militante Kraft erworben hat, die das Judentum erwürgen will, daß sofort ein aus allen Parteien der Kultusgemeinde zusammen- ' gesetzter Ausschuß erwählt werde, der darüber zu wachen hat, daß die staatsgrundgesetzlieh gewährleisteten Rechte der Juden gewahrt werden und in dieser, Beziehung die Vertretung gegenüber Behörden und gesetzgebenden Körperschaften zu übernehmen hat. Wir sind bereit, an der Demokratisierung und Popularisierung der Kultusgemeinde mitzuarbeiten, damit sie neben Erfüllung ihrer religiösen Aufgabe, eine großzügige Fürsorge treiben könne. Wir sind aber ebenso entschlossen, wenn uns unsere Arbeit erschwert oder unmöglich gemacht wird, uns auf das heftigste zu wehren und kein Mittel unversucht zu lassen, um zu unserem Rechte zu kommen. Zu unserem., Rechte und unseren ersten Pflichten'zählen wir aber das Recht der Kontrolle. Wir m üssen verlangen, in allen Kommissionen, die unseren vorhin skizzierten Interessen kreis berühren, Vertreter entsenden zu können, um über alle; Vorgänge der {Kultusgemeinde informiert zu sein. Wir behalten uns in allen Stücken freie Hand vor und werden in allen Belangen konform dem Willen unserer Wähler vorgehen. Denn wir fühlen uns einzig unseren Wählern verantwortlich. V^HJßß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.