KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 (50) bei ums ungeteiltes Entzücken hervorzurufen. Denn wir haben unter dieser schönen Fassade verflucht viel Schmutz gesehen. Und das können wir nicht vergessen! Und das sollen wir nicht vergessen! Jene Kreise, die der Ansicht sind, das könne man mit einem Federstrich auslöschen und man brauche sich nur möglichst- „deutsch" zu gebärden, um jene unangenehmen Erinnerungen einschlafen zu lassen, mögen sehen, wie sie das mit sich vereinbaren können. Es gibt sicher etwas, was Würde ist, dort ist sienicht zu finden. Ehe nicht auch aus der gegnerischen Seite ein Gefühl dafür erwacht ist, welche Verpflichtungen Menschentum auferlegt, und ehe ihnen nicht der Unterschied aufgegangen ist zwischen „deutsch" und „teutsch" ist ein gedeihliches Zusammenwirken nicht denkbar. Daß wir Deutsche sind, scheint uns nicht mehr so selbstverständlich zu sein. 3\ie Worte allein machen es nicht. Auch der Lärm macht es nicht. Wir haben auch manches erfahren,- das uns klar werden ließ, daß wir uns von den anderen unterscheiden. Unser Deutschtum dünkt uns keine so ganz leichte Aufgabe! Die Bekämpfung des Antisemitismus allein macht es sicher nicht aus. Arnold Zweig schreibt in einer- Vorrede zu seinem neuen Buch Caliban oder Politik und Leidenschaft: „Was aber deutscher- Antisemitismus und der Antisemitismus überhaupt bedeute und sei — die Frage mag Menschen mit schwankendem Selbstgefühl oder gereizten Staatsbürgern sehr empfindlich sein — an sich ist sie nicht zentral." Diese Worte treffen einen Teil des deutsch-jüdischen Spießbürgertums bis ins Herz. — Es ist nicht die Aufgabe des K. C., diesem Spießbürgertum ein ungestörtes Nachmittagsschläfchen und business ^as usual zu gewährleisten. Und dies ist nicht unser Deutschtum. Auch Antizionismus ist noch kein Deutschtum. Wir halten den noch für keinen sechzehnlötigen Deutschen, der täglich zum Frühstück einige Zionisten verzehrt. Soviel Weite des Empfindens glauben wir uns bewahrt zu haben, daß wir einer der edelsten Erscheinungen, die je eine Jugendbewegung hervorgebracht hat, dem zionistischen Chaluz Verständnis entgegenbringen. Ganz offenbar wird die Gefahr überschätzt, die die zionistische Agitation für die staatsbürgerliche Stellung der Juden in Deutschland mit sich bringt. Wer sich bewußt ist, was ihm deutsches Land und was ihm deutsche Kultur bedeutet und wer fest auf seinen beiden Füßen steht, wird keine nicht vorhandenen Gefahren wittern. Dazu bedarf es der ganzen Kleinmütigkeit eines nicht zur Ruhe Gekommenen und nicht Verwurzelten. Es kann unmöglich zugesehen werden, daß weite Kreise des deutschen Judentums sich ihre Auffassung von Deutschtum und ihre Anschauung darüber, was ein Deutscher zu tun und zu lassen hat, von Herrn Hitler und Konsorten zur gefl. Benützung überreichen lassen. Die Zeiten sind unwiderruflich vorbei, in denen man mit Scheuklappen vor den Augen herumlief bezüglich derjenigen Dinge, die jenseits der Grenzen passierten. Die Grenzen lockern sich, sie werden eines Tages aufgehoben sein, die internationalen Beziehungen verdichten sich. Hüben und drüben reicht sich die Hand, wer guten Willens ist. Es genügt nicht, allein ein guter Deutscher zu sein. Die Vorgänge innerhalb eines Landes sind nicht mehr die Vorgänge dieses Landes allein, sie haben das Interesse der Welt. Auch innenpolitische Aktionen sind nicht mehr Angelegenheit des einen Landes. Gleichgesinnte aus anderen Ländern werden zur Unterstützung innerpolitischer Aktionen herangezogen. Nicht zuletzt lassen die Völkischen den grotesken Ruf erschallen: Völkische aller Länder vereinigt Euch! „Die technische Hochschule München", die sich als Nachrichtenblatt der Studentenschaft ausgibt und von den Geldern der Studentenschaft bezahlt wird, erdreistet sich, ihre Nummer 16 vom 1. Juli 1927 einer ausschließlich antisemitischen Propaganda zur Verfügung zu stellen. Da kommt zunächst der offenbare Vollblutgermane Elemer Horvath-Stansith von Gradecz zu Wort, der die „Kulturerrungenschaft" Ungarns, den nnmeru8 clausus als „das gerechteste Minderheitengesetz" (Titel des Aufsatzes) verherrlicht. Der zweite und letzte Aufsatz der Nummer feiert die antisemitischen Krawalle an der Universität Wien. — Die starken Anfeindungen, die den Reiseberichten von Bruno Weil und Cohn-Dessau entgegengebracht wurden, zeigen die große Nervosität, die augenblicklich im zionistischen Lager auf Grund der Wirtschaftskrisen in Palästina herrscht. Man mag über diese Krisen denken wie man will, man mag sie bedauern, man mag sie, wie Blumenfeld in einem jüngst zu München gehaltenen Vortrage als Krise von Tel Aviv und nicht von Palästina bezeichnen, nicht diese Krisen selbst, wohl aber die Unruhe, die sie im zionistischen Lager ausgelöst haben, beleuchtet klar die wirkliche Sachlage, daß das Schicksal der palästinensischen Kolonisation nicht die Frage des Judentums ist. Diese Unsicherheit, die hier und dort herrscht, zeitigt dann jene Auswüchse, wie sie Albert Ehrenstein (Berlin) in einem Aufsatz „Nationaljudentum" in der „Internationalen Zeitschrift für Jndividualpsychologie" (5. Jahrgang Nr. 3) zwar in maßloser Form, aber zum Teil treffend geißelt.