KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2268830-2268964-2268967--3304-3523770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
20 (44) K. C. und C. U. Von B. Jacob (Viadrinae-Br.) Als am 23. Oktober 1886 zu Breslau die erste jüdische Studentenverbindung, die Viadrina, zusammentrat, waren sich die Gründer trotz ihrer Jugend bereits klar bewußt, daß ihre Sache die Sache der ganzen deutschen Iudenheit werden müsse. Sie wollten nichts anderes als deren Vortrupp sein. Der Ende der siebziger Jahre ausgekommene Antisemitismus hatte einen Höhepunkt erreicht. Die deutsche Iudenheit aber, die sich durch eine kurze liberale Aera über sich selbst und ihre Lage hatte täuschen lassen, war über diesen ihr unbegreiflichen Ausbruch bestürzt und ratlos. Die vorherrschende Stimmung und Taktik war: sich totstellen! Nur nicht durch Gegenwehr noch mehr reizen! Zudem besaßen die Juden keine geeignete Kampforganisation. Da war es wie billig die Jugend, die für solche Organisation am leichtesten zu erfassende akademische Jugend, die einen hellen Ruf ergehen ließ. Sie war nicht gewillt, sich zu ducken und zu verstecken, sich als Paria behandeln zu lassen oder gar sich selber als Paria zu fühlen. Sie wollte den Feind zunächst an den Universitäten bekämpfen, ihn nach der.damals allein möglichen studentischen Weise für jede Beleidigung vor die Klinge fordern und durch Einsetzen der eigenen Person ihre Ebenbürtigkeit beweisen: Nemo me irnpune lacessit, „Niemand reizt mich ungestraft!", wie ihr zorniger und kampfbereiter Wahlspruch lautete. Sie wollte aber auch durch umfassende und ernste Selbsterziehung und Charakterbildung sich fähig und würdig machen, diesen Kampf mit Nachdruck und Erfolg zu führen. So wurde die Breslauer Viadrina die Keimzelle für den sich allmählich über die meisten Universitäten verbreitenden K. C., der heute gegen 3000 jüdische Studenten und Studierte in gleichem Geiste vereinigt. Aber auch in der jüdischen Bürgerschaft, an die sich die Viadrina gleichzeitig gewandt hatte, verhallte der Ruf nicht ungehört. Der am 1. Mai 1893 gegründete C. V., der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der nachgerade fast die ganze deutsche Iudenheit umfaßt, ist der bürgerliche K. C. Sie hat sich In ihm vereinigt, um ihr unveräußerliches Recht am deutschen Vaterland mit allen gesetzlichen und moralischen Mitteln in steter Wachsamkeit zu verfechten. Es ist somit das gleiche Pathos, das beide beseelt, die gleiche im höchsten Maße sittliche Idee, für die sie kämpfen. Derzn welcher Kampf kann sittlicher sein als der für das Recht? Nur daß die Tätigkeit und Wirkungskraft des C. V. gemäß seiner Zusammensetzung, seiner Universalität und seiner Kampfmittel unvergleichlich umfassender, mannigfaltiger und stärker sein mußte. Er ist auch nicht lediglich als eine mechanische Kopie des K. C. in größerem Maßstabe entstanden, sondern aus innerer Verwandtschaft, aus derselben seelischen Verfassung: aus der entrüsteten Frage jener der Denkschrift der Viadrina parallelen, Anfang 1893 erschienenen, Flugschrift: „Schutzjuden oder Staatsbürger?" Die Universität ist.eine hohe Vorschule für das Leben und Wirken in der Nation und für die Nation. So ist auch der K. C. berufen, für den C. V. Führer zu erziehen. Führer sagen wir, nicht die, d. h. die einzigen Führer. Nicht genug können die Akademiker vor dem Dünkel gewarnt werden, als wären sie kraft der paar Jahre, die sie Studierens halber auf der Universität zugebracht haben, und kraft des davongetragenen Titels sowie der dafür beanspruchten sozialen Stellung von selber und allein zur Führerschaft berufen und berechtigt. Ein Blick in das Leben zeigt zur Genüge, daß jederzeit und allerorten tüchtigen Männer aller Stände ohne „akademische Bildung" Führerschaft zukommt und zugestanden wird, wofür aus neuerer Zeit wohl das leuchtendste Beispiel der erste Reichspräsident der deutschen Republik, der „ehemalige Sattlergeselle" Fritz Ebert ist. Und können wir leugnen, daß unzählige Akademiker nicht mehr sind als studierte Handwerker und Geschäftsleute untergeordneten Ranges? Nur das darf eingeräumt werden, daß das mehrjährige Atmen in der freien und reinen Luft echter Wissenschaft, die trotz allem ihre Stätte an deutschen Universitäten hat, geistige Unabhängigkeit und eine Weite des Horizontes geben kann, die sonst erst mit größerer Kraftanstrengung aber dafür freilich auch nachhaltig erworben werden. Die Akademiker mögen doch auch nicht vergessen, daß sie materiell von der Arbeit des werk- und gewerbstätigen Volkes leben, von der Schätzung, die es ihren Leistungen zuteil werden läßt: Das Stämmepaar Isaschar und Sebulon segnet der sterbende Führer Israels mit den