Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268964-2268967--3297-3523763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(37) 13 Der Humanist Ludwig Hollunder. Von Jakob Marx (Bav.-H.), Karlsruhe. Im Katzenjammer der Nachkriegszeit haben sie einmal auch über die Frage gestritten, ob das Kriegführen eigentlich eine echte Wissenschaft oder nicht vielmehr nur eine technische und organisatorische Leistung sei,- ob alles Gerede von genialen Heerführern und der Strategie als wissenschaftlicher Disziplin nichts weiter sei wie eine große Täuschung. Das ist gewiß sinnlos. Mindestens die Organisation, Ausrüstung und Bewegung der Massen müssen wissenschaftlich erforscht und begriffen sein. Ob die Strategie in das Gebiet der eigentlichen Geisteswissenschast oder in das der mit schöpferischer Phantasie arbeitenden Kunst gehört, kann dahingestellt bleiben; sicher ist sie nicht bloße Technik. Ist die Führung unseres Krieges gegen Glaubenshaß, Rassenwahn und soziales Unrecht eine Wissenschaft? Oder bloße Ueberzeugungsfrage und kleinste politische Technik? Wenn wir unseren jüdischen Freunden von rechts und links glauben, dann sind wir, d. h. die deutschen Juden, die in der Arbeit des C. V. und des K. C. stehen, eine Art Sipo des deutschen Judentums, ganz nützlich und verwendbar, solange wir uns auf unsere „eigentliche" Aufgabe, die sogenannte Abwehr beschranken, und fleißig unser Dezernat, die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden in Deutschland, bearbeiten. Nun ist eines sicher wahr: Im politischen Kampf wird überzeugtes Auftreten, Routine, praktische Erfahrung eher und deutlicher sichtbar wie die wissenschaftliche Leistung. Und weiter ist wahr, daß die politische Tagesarbeit vorwiegend verwaltungsdienstlichen und journalistischen Charakter hat und die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung nur reproduziert. Wenn wir Listen antisemitischer Kurplätze veröffentlichen, den gelegentlichen oder häufigen judenfeindlichen Uebergriffen in der staatlichen Bürokratie, in der Presse, in wirtschaftlichen Verbänden entgegentreten, dem einzelnen Juden Schutz gewähren gegen das ihm zugefügte Unrecht, dann stehen wir mitten in der handfesten Alltagspraxis und sind von wissenschaftlicher Arbeit nicht viel weniger entfernt wie der K. C.er, der mit dem Säbel eine antisemitische Beleidigung abwehrt. So zwar ist die äußere Linie der Tagesarbeit. Aber diese Tagesarbeit ist nur ausführbar auf wissenschaftlicher Grundlage. Dafür sorgen zunächst unsere Feinde. Von Eisenmengers „Entdecktem Judentum" bis zu Blühers „8eee88io juäaica" ist in der Geschichte ein Pamphlet nach dem anderen gegen das Judentum geschrieben worden. Der Pamphletist trägt nur die Maske der Wissenschaft. Weil er gleich dem Kurpfuscher die hinreißende Wirkung des Schlagwortes und der Scheinwissenschast auf Ungebildete und die noch viel gefährlichere Masse der Halbgebildeten kennt, kleidet er tendenziöse und damit von vornherein unwissenschaftliche Behauptungen in das Gewand der angeblich geschichtlichen, religiösen, volkswirtschaftlichen, soziologischen Forschung. Der Kampf gegen das Pamphlet hat es nicht so leicht. Die Unwissenschaftlichkeit läßt sich nur durch die Wissenschaft besiegen. Die „Weisen von Zion" sind nicht einmal als Fälscherwerk eine Leistung; der Einfluß dieses Machwerks auf die Massen ist ein trostloser, für die Bewertung unserer sogenannten Kultur vernichtender Tatbestand. Aber die Widerlegung des Pamphlets durch Segel, die Erforschung seiner trüben Quellen und der Nachweis der Nichtwahrheit erfundener Behauptungen ist eine sowohl kriminalistische wie wissenschaftliche Leistung von hohem Rang. Daß jüdische Apologetik, die Rechtfertigung der jüdischen Glaubens- und Sittenlehre, ebenso wie die Entlarvung und Widerlegung der vielen verleumderischen Fälschungen des jüdischen Schrifttums nur von Gelehrten geleistet werden kann, versteht sich von selber. Die Afterweisheit moderner Rassentheorien von Gobineau über Chamberlain zu Günther wird von uns allen als unwissenschaftlich und unsachlich empfunden. Aber der Beweis, daß ihre scheinbar logischen Folgerungen aus luftleeren Hypothesen ruhen und allen entwicklungsgeschichtlichen Forschungen widersprechen, kann nicht mit parallelen voraussetzungsvollen Hypothesen, sondern nur mit allen Hilfsmitteln der anthropologischen und geschichtlichen Tatbestandsermittlung geführt werden. Die Auseinandersetzung mit der Theorie des Nationaljudentums steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Keiner der streitenden Meinungen fehlt der Wille zur objektiven Wahrheitsersorschung. Aber auch dieser Streit, für die politische und soziale Stellung des deutschen Judentums von entscheidender Tragweite, ist von beiden Parteien theoretisch untermauert. Kein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.