KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 721 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Bücher- «nd B l äl t e r sch s u. Wege des Zionismus. Zwei Aüffätze von Margarete SuSm ann (veröffentlicht in derFrankfurterZeitung, erste Morgenausgabe vom 17. und IS. Sept. 1916). In der Frankfurter Zeitung beschäftigt sich Margarete Susmann in zwei zusammenhängenden Aufsätzen mit dem Problem des Zionismus. Wenn ich hier mit Bedacht vom Problem des Zionismus spreche, so tue ich das nicht, weil uns, die wir eine andere Auffaffung des Judentums vertreten, der Zionismus als Problem erscheint, sondern weil — und das geht mit krasser Deutlichkeit aus diesen Auffätzen hervor — die Zionisten selbst über das Wesen und den Inhalt ihrer Anschauung sich nicht klar und infolgedeffen auch nicht einig sind. Zwei Arten des Zionismus müffen von Beginn an scharf geschieden werden: „der spätere im westlichen Europa entsprungene, der, geboren aus dem Gefühl der Heimatlosigkeit, dem Verlangen nach staatlicher Gleichberechtigung, -er Einsicht in die schwere Notlage der Juden, im weitesten Sinne eine Reaktion auf den Antisemitismus bedeutet." Daneben der Zionismus, der sich kundgibt in dem „lebendigen nationalen Gefühl der Menge, der dunklen Sehnsucht nach einem Leben im jüdischen Geiste, dem Drang nach Heiligung des Zerbrochenen nach Erfüllung -es Verkündeten." Ich zitierte hier die Worte der Verfasserin unserer Aussätze, die sich hinwiederum eng an Achäd-Haam anlehnt. Aber ich möchte doch im Rahmen dieser kurzen Besprechung nicht verfehlen, darauf hinzuweisen, das; das lebendige nationale Gefühl, zum mindesten in West- Europa, keineswegs unbeeinflußt ist von sozialen und politischen Einsichten. Jnso weit ist die Darstellung auch 'ferner unrichtig: die ältere Art des Zionismus ist die, die sich Fundtut in dem Streben nach einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Und diese Richtung ist zugegebenermaßen die Reaktion auf den Antisemitismus. Erst dann aber, als dieses politische Streben sich immer mehr uls eine Utopie erwies, da entwickelte sich jenes Gefühl der Maste, das man dann als nationales Empfinden bezeichnete. Drei Namen charakterisieren die Wege des Zionis. mus: Herzl, sein Begründer und der Vertreter der politischen Richtung) AchadHaam und Martin Buber, die Vorkämpfer des geistigen Nationalismus. Aber auch.zwischen den beiden letzteren bestehen merkliche Gegensätze, obwohl sie nicht so tiefgehend sein dürften, wie Margarete Susmann sie darstellt. Der Mittelpunkt der Lehren Achad-Haams ist die Gründung des Staates in Palästina. Er denkt zwar über die Mittel, mit -enen dieses Ziel erreicht werden kann, kiihler als terzl) aber -er Weg zu einer selbständigen "jüdischen uttur, der hier begonnen werden soll, endigt auch tßr ihn nur auf palästinensischem Boden. Martin Buber liegt die Realisierung seiner Ideen nicht so sehr am § erzen wie Achad-Haam) doch heißt auch für ihn das ndziel Palästina. Seine mystischen 'Gedankengänge entfernen ihn eben häufig und gern von dem Boden -er Wirklichkeit) es unterliegt über keinem Zweifel — und aus seinem Munde hörte ich kürzlich erst selbst die Bestätigung —, daß auck er glaubt, die jüdische Nation könne sich erst dann wieder zur vollen Schaffenskraft erheben, wenn sie sich auf dem Boden Zions vereinigt Habe. Das sind die hauptsächlichen Wege des Zionismus, wie 'sie uns in diesen Auffätzen vorgeführt werden. Innerhalb -er Hauptrichtungen erscheinen nun noch eine große Zahl Variationen, auf die einzugehen sich hier erübrigt, deren Vorhandensein aber schön^berveist, Die Berfafferin verkennt nichtdie tiefen Schwierig, ketten, die der Berwirklichungder national-jüdischen Sie ist zwar voll ttefer Ergriffenheit für die Seele dieser Männer, die in sich das Idealbild ihres Volkes empfangen haben, doch verliert sie über das, was der Zionismus geleistet, kein Wort. Die Kritik seines Wollens mutz sie der Gefchichte Überlasten. Wird so aber der Zionismus seines Wertes als einer Bewegung die auch in der Gegenwart Lebensfrüchte zettigt, enthoben, so ist damit seine Kritik schon gefällt. Das eben ist uns das Unnatürliche am Zionismus: das künstliche Einpflanzen und das willkürliche Vernichten von Empfindungen und Regungen, um dann die Menschen einzuspinnen in einen Traum von künftiger Erneuerung und dereinstiger Größe. So schafft der Zionismus nur Träume und keine Taten. Wir aber leben das Judentum auch heute schon und träumen nicht von einer Zukunft, die uns als Juden erst das wahre Glück bringen soll. Nicht brauchen wir erst die Geschichte, um die Kritik unseres Judentums abzuwarten, denn die Kritik wirklicher Arbeit ist die Gegenwart. Und weil wir heute in der Gegenwart arbeiten, brauchen wir uns auch um die Zukunft nicht zu sorgen. Wir wissen nichts von einer verschütteten Kultur)-unser Judentum ist lebendig und daher auch unsere Liebe zu ihm voll heiliger Glut. Unser Weg im Judentum ist klar vor. gezeichnet. Vielfach verschlungen, sich kreuzend und dann wieder auseinandergehend aber sind die Wege des Zionismus. vr. Kurt Alexander. Zur Raffen- und Ostjudenftage. Bon vr. E. Zivier. Verlag von Joseph Jalowicz, Posen. 1916. (59 S.) Die. allzuvielen Schriften, welche die Oeffentlichkeit mit ihrer Auffaffung über die Ostjuden und deren Zukunft beschäftigen zu müffen glauben, sind in ihrer großen Mehrzahl nichts anderes als die Projektion der außer- und innerjüdischen Bewegungen auf dem Boden der ostjüdischen Frage. Nur ein geringer Bruchteil der Literatur zur Ostjudenfrage vermittelt durch sachliches, objektiv gesehenes Material das rechte Verständnis der Lage unserer östlichen Stammesbrüder und der künftigen Aufgaben, deren Erfüllung die einheitliche, jedem Parteiegorsmus entsagende Zusammenarbeit der deut. schen Juden verlangt. Diese wenigen Schriften schalen sich denn auch allmählich aus der Flut der durcheinander tönenden Stimmen heraus, so den wissenschaftlichen Grundbau zusammensügend, auf den die Zukunft bauen kann. In diese Gruppe nehme ich auch die Schrift des vr. Zivier, die als Erwiderung auf die Friy'sche Broschüre gedacht ist. Der in Russisch-Polen geborene und ausgewachsene, jetzt in der Ostmark aus dem Gebiete der osteuropäischen Geschichte schriftstellerisch tättge-Gelehrte erörtert mit gründlicher Kenntnis der Berhältniffe und in vornehmer, sachlicher Darstellung die Raffen- und die Ostjudenfrage. Entsprechend dem für alle Lebensfragen entscheidend gewordenen Einfluß der modernen Rassenlehre, der auch in der Ostjudenftage zur Patenrolle verhaften worden ist, beschäftigt sich vr. Z. zunächst mit dem Rassenproblem. Was er hierzu sagt, wird gerade in unserem Kreise Wort für Wort Zustimmung finden. In gesundem Wirklichkeitsempsinden hält Z. (offenbar in Anlehnung an Hertz und fern —im Kriege in L Auflage erschienenes — Werk über „Raffe und Kultur", in gewissem Gegensatz zu Zollfchau's „Raffenproblem") sich von jeder Uebertreibung nach der einen oder der anderen Seite fern. Ohne die verschiedene'Begabung