KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 7 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 493 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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493 tum und Judentum. Der Besitz war dem edlen Juden niemals Selbstzweck, sondern nur die notwendige Voraussetzung zur praktischen Betätigung der Nächstenliebe. Sinnlose Anhäufung von Kapital ist selbst für den König verpönt. Arbeit allein soll die Quelle der Wohlhabenheit sein. In sozialethischer Hinsicht finden wir im Judentum Vorbilder für die deutsche soziale Gesetzgebung. Wer durch Krankheit, Mißwachs oder schlechte Wirtschaft der Verarmung verfällt, fand Unterstützung und zinslose Darlehen. In ganz besonderer Weise ist für Witwen, Waisen und Fremde gesorgt. Es bleibt einer späteren Generation Vorbehalten die Frage zu untersuchen, welcher Einfluß dem geistigen und wirtschaftlichen Hochstande unserer organisierten Arbeiterschaft auf die siegreiche Durchführung des Weltkrieges zukommt. Vielleicht wird man dann auch das Urteil über die deutschen Juden ändern, die an der geistigen und wirtschaftlichen Hebung der deutschen Arbeiterklasse tätigen Anteil genommen haben, und sich daran erinnern, daß auch der siegreichen Erhebung von 1813, die Aushebung der Leibeigenschaft und die Verleihung der Bürgerrechte durch Siein und Hardenberg vorausgehen mußte. Unverständlich ist es mir, wie gewisse Kreise es den deutschen Juden zur Last zu legen versuchen, daß einzelne jüdische Ausländer, die aus Deutschland stammen, sich politisch und literarisch unsern Kriegsseinden angeschlossen haben. Gibt es nicht auch deutsche Christen genug in der Welt, die zu unseren Feinden halten? Völlig schiffbrüchig sind die Nassefanatiker. Deutsche, Ungarn und Bulgaren im Bunde mit slavischen Kroaten und.Polen und den chamitischen Türken stehen gegen langköpfige Engländer, gegen Romanen, Neger und Kaffern im Felde. Wenn wir uns daran erinnern, daß ein Prinz Battenberg die englische Flotte gegen Deutschland führte, ein französischer General Hirschauer die Fliegerangriffe auf unbewaffnete deutsche Städte organisierte und ein General Rennenkampf an der Spitze asiatischer Horden Ostpreußen verwüstete, andererseits tapfere Hugenottenofsiziere wie 1813 und 1870 so auch heute deutsche Truppen zum Siege gegen Frankreich führen, so kann es fiir den objektiv Denkenden nicht mehr zweifelhaft sein, daß gerade durch diesen Krieg die Rassetheoretiker ad absurdum geführt worden sind. Es ist kein übler Treppenwitz der Geschichte, daß derselbe Enver Bey, dessen unvergängliche Verdienste um die militärische Wiedergeburt der Türkei durch die siegreichen Kümpfe auf Gallipoli aller Welt zum Bewußtsein gekommen sind, im April 1913 von dem deutsch-antisemitischen Raffepropheten Henningsen in öffentlicher Versammlung in Soden als ein zum Islam übergetretener Jude aus Warschau bezeichnet wurde, der sein Vaterland in dem unglücklichen Kriege gegen Italien verraten habe. Dies Beispiel mag genügen, um den Wert der Rasseforscher dieser Art Gelehrter zu beurteilen, lieber dem Rassebewußtsein steht das Staatsbewußtsein, über den überheblichen Theorien eines Chamberlain die Wirklichkeit, die zeigt, daß Interessengemeinschaft, Kulturgemeinschaft uud Staatsgemeinschaft die wahren Impulse der Völkererhebung bilden. Jedenfalls sollte sich das deutsche Volk hüten den Vorschlägen des neuesten Raffeforschers Fritz beizupsiichten, der ein gesetzliches Einwanderungsverbot der Ostjuden nach Deutschland herbeizusühren wünscht und seinen antisemitisch-literarischen Exzeß mit der angeblichen Sorge um das Schicksal der Westjuden zu beschönigen sucht. Durch kluge Behandlung der Juden Polens, die in kürzester Zeit des deutschen vollkommen mächtig sein werden, können wir uns die Sympathien der Millionen polnischer Juden in England, Amerika und Afrika sichern. Vergessen wir doch nicht, daß kein Dorf, ja kaum eine jüdische Familie in Polen lebt, die nicht irgend ein Mitglied über See geschickt hat. Deshalb ergießt sich auch in diesen Tagen die ganze Wut der englischen Presse über die jüdischen Bewohner von Whitechapels weil diese Unglücklichen den Sieg Rußlands, des Rußlands der Pogrome, des Beilisprozesses und der sibirischen Ketten nicht wünschen. Das jüdische ElementPolens ist dazu bestimmt, zum Mittler zwischen Slaven und Deutschen zu werden. Wir Deutschen genießen nicht so viel Ueberfluß an Liebe in dieser Welt, wie dieser Krieg mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt hat, als daß wir uns verstatten könnten, freiwillig dargebrachte Sympathien wie die der amerikanischen aus Polen und Deutschland stammenden Juden hochmütig von uns zu weisen. Es ist ja allerdings bequemer, die polnischen Juden außer Landes zu führen, als die in ihnen schlummernden guten Kräfte durch menschliche Behandlung, durch Beispiel und Erziehung in die richtigen Bahnen zu lenken. Allerdings glaube ich, daß die deutschen Zionisten durch die'Ratschläge des Geheimrats Fritz auf das Gefährliche und Utopische ihrer Ziele recht unsanft hingewiesen worden sind. Die Ostjudenfrage kann heute nur noch durch Deutschland gelöst werden, und ich will der Hoffnung Raum geben, daß unsere Regierung den Weg finden wird, diese zwar äußerlich durch die Not der Jahrhunderte und durch lange Entbehrungen gebeugten Märtyrer ihres Glaubens, diese innerlich aber warmherzigen und entwicklungsfähigen Menschen, die dazu noch die deutsche Sprache verstehen, sich zu Freunden zu machen. Menschlichkeit und Vernunft verbieten jeden andern Vorschlag. Die zionistische Lösung des