KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 7 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 491 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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491 brämung bereiten den Boden für den Abfall vor. Und doch sollte jeder Jude wissen, daß alles, was er an große Eigenschaften in sich trägt, an Stärke der Seele, des Geistes und des Herzens, er einzig und allein dem veredelnden Einfluß verdankt, den das unentwegte Festhalten an der Liebe zum Elternhaus hervorbringen muß. Das wissen auch die Täuflinge ganz gut. Denn das Sichbekennen zum Christentum geschieht regelmäßig unter Ausschluß der Oeffentlichkeit, und die Veröffentlichung der Namen der aus dem Judentum Ausgetretenen durch die Berliner jüdische Gemeinde wurde von den sich an den Pranger gestellt fühlenden Convertiten — allerdings vergeblich — gerichtlich zu hintertreiben versucht. Unsere Vorfahren haben durch Jahrtausende allen Schrecken der Verfolgung und Aechtung etrotzt, in Massen den Märtyrertod für ihren eiligen Glauben erduldet, wie oft Haus und Herd und den mühselig erworbenen Lebensunterhalt aufgegeben, um wandernd eine neue Stätte zu suchen, wo man sie ungestört mit ihrer Thora leben ließ. Alle Schwächlinge, alle Halben haben uns längst verlassen, um aus dunklem Seitenwege von der graden Straße des Rechtes, der Ueberzeugung und der Liebe abzuirren. Wir aber, die wir dem ach so harten Schicksal trotzend als Heiligstes die Treue zu den Unsrigen uns bewahrt haben, dürfen ohne Ueberhebung den höheren Seelenadel für uns in Anspruch nehmen. Als den schlimmsten, weil logisch kaum zu fassenden unserer Gegner,habe ich immerS ch op enhauer empfunden. Das optimistische Prinzip, das als mächtigste Stütze im Kampf ums Dasein der Jude in seiner Religion empfängt, paßt schlecht zu der fatalistisch-pessimistischen Weltverneinung des Frankfurter Philosophen. Er fühlt sich gestört, fast widerlegt in all seinen das Leben verneinenden Erwägungen durch das ihm unverständliche und unerklärliche Fortbestehen des Judentums. In der Unmöglichkeit, die Lücke in seinem Denken zu überbrücken, die das jüdische Problem ihm bot, verflieg er sich bis zum blinden Haß gegen alles, was jüdisch in dieser Welt ist. Aber wie der Affekt im allgemeinen ein schlechter Berater für folgerichtiges Denken bildet, so sehen wir auch bei Schopenhauer die üblen Folgen seiner blinden Voreingenommenheit gegen das Judentum. Er versteigt sich zu dem Satze: „Den vernünftigen Juden, welcher alte Fabeln, Flausen und Vorurteile aufgebend durch die Taufe aus einer Genossenschaft heraustritt, die ihm weder Ehre noch Vorteil bringt, muß ich durchaus loben, selbst wenn es ihm mit dem christlichen Glauben kein großer Ernst sein sollte." Hören wir dagegen, wie derselbe Schopenhauer in seiner Abhandlung über die Religion, über Glaubenswechsel sichgeäußerthat:„Die gewonnene Ueberzeugung, welche erwachsene Convertiten vorgeben, ist in der Regel nur die Maske irgend eines persönlichen Interesses. Eben weil man fühlt, daß dies nicht anders sein könne, wird überall ein Mensch, der im reifen Alter seine Religion wechselt, von den meisten verachtet." Zur Begründung seiner Geringschätzung der jüdischen Religion weiß Schopenhauer unter blasphemischenSchmähungen unseres Gottes seine oberflächliche Kenntnis vom Judentum nicht besser zu dokumentieren, als durch den Vorwurf, daß die jüdische Religion als einzige unter den Glaubenslehren zivilisierter Völker durchaus keine Unsterblichkeitslehre, ja nicht eine Spur davon kenne. Allerdings bewertet die jüdische Religion, wie Lazarus treffend gezeigt hat, die jenseitige Seligkeit bei der immer nur von Jndividualglück die Rede ist, nicht höher, als die Erfüllung der sittlichen, diesseitigen Pflichten, bei denen die Gesamtheit als soziale Gemeinschaft die Hauptrolle spielt. „Das Dogma des Jenseits" gründet sich lediglich auf eine Philosophie des Ich, alle wahre Erkenntnis aber von der Bestimmung des Menschen im Diesseits wird nur auf dem Grunde einer Philosophie des Wir gewonnen,. Rabbi Jakob sagt in Aboth 42/1: „Diese Welt ist die Vorhalle der künftigen Welt, bereite dich in der Vorhalle, daß du eintreten kannst in den Empfangssaal." Derselbe Rabbi Jakob hat jedoch das Wertverhältnis klar bezeichnet, das zwischen der Glückseligkeit in diesem und der Seligkeit im künftigen Leben stattfindet. „Besser", sagt er, ist eine einzige Stunde der Seligkeit in der zukünftigen Welt, als alles Leben in dieser Welt, aber besser noch ist eine einzige Stunde der Rückkehr und guter Taten in diesem Leben, als alle Seligkeit des zukünftigen Lebens." Wir sehen, daß keines der Argumente, mit denen Schopenhauer gegen das Judentum anzukämpfen versuchte, ernster Kritik standhält und so können wir auch seine Stellungnahme gegen die Emanzipation der Juden auf die Unkenntnis vom wirklichen Wesen des Judentums und seiner Abneigung dieses Wesens zu verstehen, zurücksühren. Zwar hält es Schopenhauer für eine Pflicht der Gerechtigkeit, den deutschen Juden die gleichen bürgerlichen Rechte zu geben wie den Christen, aber ihnen Anteil am Staat einzuräumen, sei absurd, sie seien ein fremdes orientalisches Volk und müßten daher stets nur als ansässige Fremden gelten. Was würde Schopenhauer wohl gesagt haben, wenn er den heutigen Tag erlebt hätte, an dem viele Zehntausende überzeugungstreuer deutscher Juden nicht für ihr Leben zittern, sondern es willig hingeben in der Sorge um den Bestand und die Ehre des gemeinsamen deutschen Vaterlandes!