KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1913-1914
- Issue
- Heft 11-12 (1.8.1914)
- Date
- 1914-08-01
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268874-2268886--1259-3522969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
235 bemessen ist, und es muß das Maß des in Palästina Erreichten amGesamtjudentum gemessen werden, weil nach zionistischer Darstellung der Zionismus doch eine Lösung der gesamten Judensrage enthalten soll. In den 16 Jahren, seit Motzkin seine erste Palästinareise gemacht hat, hat sich die Zahl der Juden nur verdoppelt (von 50000 aus 100000), der Bodenbesitz kaum mehr als verdoppelt. Nimmt man dazu die außerordentlich geringe Zahl der Einwanderungen, so ist es nicht übertrieben, zu behaupten, daß selbst bei erheblich gesteigertem Tempo noch in 100 Jahren Palästina keine Lösung für einen irgendwie erheblichen Bruchteil des Judentums darstellen wird. Man halte nur nebeneinander: seit 1882 sind aus dem Osten 2 Vs Millionen Juden ausgewandert, davon nur 30000 nach Palästina. Die durchschnittliche jährliche Judeneinwanderung aus Rußland nach Palästina beträgt nach Motzkin 2000 bis 3000 Seelender Ueberschuß, also nach Abzug der danach sehr erheblichen Abwanderung 2000SeelendieGesamteinwanderung nach Palästina betrug im Durchschnitt nach Abzug der Auswanderung 3000 Seelen. Um das an einem anderen Zahlenbeispiel zu verdeutlichen: in den Jahren, in denen die große deutsche Auswanderung nach Amerika stattgefunden hat, sind jedes Jahr 30000 bis 40000 Deutsche nach Amerika ausgewandert, und es reicht die jüdische Einwanderung nach Palästina aber auch nicht im entserntesten auch nur dazu aus, um den jüdischen Geburtenüberschuß Rußlands oder Galiziens in sich aufzunehmen. Darum dämpfte Motzkin auch ganz bedeutend, wenn er aus alledem den Schluß zieht: „Was ich ganz allgemein behaupte, ist nur, daß wir in Palästina ein Stück Wegs weiter gekommen sind, daß es, kurz gesagt, dort etwas gibt". Eine grundlegende Aendernng in den palästinensischen Verhältnissen erwartet Motzkin, wenn das auch nicht mit ganz dürren Worten gesagt wird, offenbar nur von einer großen politischen Aktion und er ist nach dieser Dichtung noch den Anschauungen, von denen aus Herzl zum Zionismus rief, durchaus ergeben. Wenn er dann an einer Stelle seines Berichts davon spricht, daß die Ottomanisierung fortan aller formalen Schwierigkeiten enthoben sei, so muß man darüber staunen, mit welcher Leichtigkeit die Verwandlung der Staatsangehörigkeit und die bei guten Staatsbürgern doch damit verbundene Umbildung ihrer inneren nationalen, heimatlichen Beziehungen verlangt wird, von denselben Leuten, die, soweit das Judentum in Betracht kommt, das Nationale nicht genug unterstreichen können. Und es scheint beinahe, als ob in den nationalen lugendlichen Zionistenköpfen das Problem überhaupt nicht existiere, was es einem im westlichen Kulturkreis ausgewachsenen, mit seiner Heimat eng verwachsenen Menschen zumuten heißt, wenn man seine Staatsangehörigkeit von einem Tag zum andern durch eine neue ersetzt haben willdenn das sind doch schlechte Staatsbürger, die dem Staat gegenüber ihre Aufgabe leoiglich in der Erfüllung der gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten sehen und im übrigen losgelöst von allen staatlichen Interessen dem Wort des Römers Nachreden: „de internis non judicat praetor". Wir im Elsaß und in Lothringen können von den inneren Kämpfen, von den seelischen Erschütterungen und von den tausend Schwierigkeiten, die für den Zionismus offenbar nicht existieren, berichten, die mit der Umwandlung eines irgendwie erheblichen Gebietes aus der Zugehörigkeit des einen zu einem andern Staat verbunden sind. Die Betrachtung des Leipziger Delegiertentags hinterläßt den Gesamteindruck, daß mehr noch als auf dem Wiener allgemeinen Kongreß das radikale Wort geherrscht hat. Der kleine Bruchteil der deutschen Juden — es sind ja im ganzen noch nicht einmal 10000 im Zionismus organisiert, darunter eine große Anzahl Ausländer — entfernt sich immer weiter von dem Gedankenkreis und der Kulturarbeit, in der wir ausgewachsen sind, und in der wir uns betätigen wollen. Denjenigen unter seinen Mitgliedern, die im alten Herzl'schen Zionismus groß geworden, deffen politische Ideale nach wie vor vertreten wollen, ist er nur mehr einen Platz in der zweiten Reihe anzuweisen gesonnen. Die Probleme sehen die Herren nur, soweit sie den Gedankengängen ihres überspannten Nationaljudentums angehören, an inneren und äußeren Schwierigkeiten, die sich in den Empfindungen und Handlungen anderer fühlender Menschen abspielen, gehen sie vorüber. Schlecht paßt zu diesem wortrechen Radikalisums das geringe Maß deffen, was an Tatsächlichem erreicht worden ist. Mühe und Arbeit und Schwierigkeiten, die das bisher Geleistete zu Wege gebracht haben, sollen dabei nicht unterschützt werden. Aber gerade das geringe Maß des trotz der Mühe Erreichten belveist besser als alles andere das Utopistische der großzionistischen Idee. Und was die K. C.er besonders bewegen muß: der Kampf gegen den Antisemitismus scheidet aus der Debatte aus. Was uns zusammengeführt hat, ist für die zionistischen Kulturjuden ein Problem untergeordneter Bedeutung geworden. -i- -i- *