KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 8 (1.5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2268830-2268846-2268855--0439-3522608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
158 Erde, aus ihm baut sich der Wüstensohn seine einfache Hütte, aus ihm sprießt das Leben, er ist es, der dem gewaltigen Strom seine grüne Farbe verleiht. Wer das Wasser des Stiles trinkt, der schlürft die Ewigkeit, so heißt es. Wir modernen, hygienisch geschulten Europäer gedenken schaudernd bei dem schmutzigen Wasser aller möglichen Krankheitserreger und fürchten wirklich die Einigkeit, d. hden Tod durch den Genuß dieses heiligen Wassers. In der Tat gibt es eine Reihe schwerer Erkrankungen, die für Aegypten charakteristisch sind und ihren Ursprung im Wasser des Niles finbeu. Eine Fahrt auf dem Nil aber gehört zu dem Interessantesten. Die sengende Glut auf dem dichtbesetzten Dampfer wird durch eine leichte Brise gemildert und am Deck des Schiffes gestatten bequeme Korbsessel in,Nuhe die wechselnde und doch eintönige Wüstenlandschaft zu genießen. Da kreisen Reiher ums eilende Schiff, Pelikane nähren sich redlich und Krokodile... gehören ins Reich der Fadel. All beu Ufern tauchen ab und zu schwarze Gesellen auf, Zähne fletschend, uns freudig begrüßend, und dann treiben sie wieder die breitnackigen Rinder und Kamele an, die Wasserräder in Bewegung zu setzen, an denen Schöpfgefähe das Nilwasser zum hochgelegenen, durstigen Uferlande Hedem In der Ferne winken Eingeborenendörfer, grüßen langgezogene Palmenhaine und schließen kahle Wüstenberge den Blick. Je südlicher aber ivir kollunen, desto romautifeber wird die Landschaft, die Felsen tretell über die Ufer, heran, und bei Assuan wird der Stroni durch Felsen und Klippen reißend und noch südlicher sind wir beim ersten Katarakt, der heute bnvd) den Damm bau wesentlich an Großartigkeit verloren hat. Wir fuhren aus bunten Barken am Katarakt vorbei. 8 Sudanesen, schwarz wie die Rächt, sangen arabische Liebeslieder, tanzten ihren Nnrionaltanz und arbeiteten unverdrossen gegen den reißenden Strom. An seinem User lag unser Hotel, und ein Garten umgab uns von märchenhafter Pracht. Palmen und blühende Oleander, duftende Rosen und bliitenreiche Pflanzen erfreuten! das Auge, und der Duft bestrickte uns, und wenn am Abend die Sterne fast greifbar und klar uns zu Haupten blinkten, da fuhren wir im schnellen Nachen durch den heiligen Strom und vergaßen die Schwüle des Tages, träumten von Tausend und einer flacht oder dachten an-den kalten Südpark. Hier brieten wir Mittags bei 52 Grad Celsius, während ein Telegramm. uns kurz verkündete: Magdelenenkirche im Schnee, 12 Grad Kälte. Trotz der sengenden Sonne fühlt man sich aber nicht unbehaglich, weil die Wüstenluft trocken und leicht bewegt ist, so daß der Schweiß sofort ausgesangt wird. Hierauf beruht auch die heilende Kraft des Wüstenklimas bei Nierenkrankheiten. weil diese Organe in Aegypten gewissermaßen dauernd Ferien haben. Unbekümmert um Sonnenglut und Thermometerskala, rillen wir. etwas schunlmrig im Schädel, hinaus in die Wüste, ins Lager der Bischarinen, einem Beduinenstamm. die durch das makellose Ebenmaß ihrer Gestalt, durch die feinen und gefälligen Gliedmaßen, durch den tadellosen Teint ihrer Haut und durch kraftvolle Haarsülle. die bald ossen. bald in zahl» reichen Zöpfen herabfüllt, besonders aber durch die reizende Lieblichkeit der kleinen Kinder unser Entzücken erregten. Oftmals lenkten wir unsere Zügel zu den braunen Gesellen und immer wieder überwanden wir gern das beklemmende Gefühl, das diese trotzigen Wilden in uns austosten. Die Männer mit ihren Schmucknarben im Gesicht glichen unfern hochgelehrten Corpsstndenten, und die Frauen trugen Rascnrmge und Schmuck an Arnien und Beinen. Hier gaben nur gern ein Scherslein — Backschisch oder Trinkgeld — genannt. Dieses Wort ist das erste arabische, das den Fremdling beim Eintritt ins Land begrüßt, und der letzte Laut, der ihm im Hafen bei der Abfahrt nachtöm. Backschisch ist der Grus; für den Fremden. Backschisch ist der Schlüssel zum Herzen, Backschisch üssnet verborgene Türen, und kurz und gut, ukt nach Aegypten geht, der gedenke Othellos Marken: ..Tu Geld in deinen Beutel." immer der Fremde sich blicken laßt, im (bedränge der Straßen, im einsann'n Wüstendorf, streckt sich ihui gewissermaßen das Wahrzeichen Aegyptens entgegen, die bettelnde Hand, weil der gewöhnliche Orientale den europäischen Gleisenden für einen „blödsinnig be güterten Menschen" oder, weil er die Reiselust nicht kennt, für einen Starren ansieht. Tie meisten Bettler sind blind, wie ja überhaupt Aegypten — das Land der Sonne — in Wahrheit das Land der Finsternis ist; denn die Zahl der Blinden ist ganz gewaltig groß. Die ägyptische Angenkranklieit ist nürnlich eine Bolksseuche und wird durch die geradezu nng!anbliche Menge von Fliegen, die sich an alle feuchten Schleim häute, Mund, Rase, Auge in Mengen ansetzen,; leicht übertragen. Priester, Temncldiener, Studenten sind zürn Teil blind, und um so fleißiger streben sie die Kenntnis des Korans an, zur inneren Erleuchtung. Ter lnohanredanischeStudent ist keineswegs mit den europäischen zu vergleichen. f Der Besuch der Universität in Kairo gibt uns - das Bild einer gervaltigen Moschee, in deren riesigen! Hosraum 120OO Studenten der ganzen l islamitischen Welt, Türken, Inder, Perser, Neger " gleichzeitig Unterricht genießen. Mit unterge l kreuzten Beinen sitzen sie dort zu Füßen von \ 400 Dozenten und lauschen den Worten des Professors, schreiben die Weisheit nach oder