Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
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— 23 — worfen, die französische Tragödie hätte sich nicht anders entwickeln können, die Einheiten wären auch ohne die Akademie durchgedrungen. Das mag seine Berechtigung haben. Aber thatsäehlich haben docli die Sentiments die Entwicklung besclileunigt und dem Schwanken ein Ende gemacht. „Die Verehrung, die dem Prinzip schon damals in Frankreich ward, gab dem Ausspruch der x^kademie die Kraft.....Die Autoritätsfurcht trug über die Genialität, immer mehr den Sieg davon."1) J^benso wenig kann ich mit Lotheisen2) übereinstimmen, wenn er meint, dass die Akademie Corneille wegen der Verletzung der Einheiten nur flüchtig tadelte. Sie verlangt im Gegenteil ganz ausdrücklich die Einheit des Ortes und wundert sich, dass Corneille so ängstlich die Einheit der Zeit zu wahren sich bemüht, auf jene aber gar keine Rücksicht genommen habe. Sie bedauert, dass die Einheit des Ortes so oft vernachlässigt worden sei, obgleich sie dieselbe Bedeutung wie die andere habe und „faute d'etre observe avec soin, produise dans l'esprit des spectateurs au tan t ou plus de confusion et d'obscurite3).44 Wenn betreffs der Einheit der Zeit die Akademie4) die Forderung stellt, dass der Dichter uns nur so viele Handlungen an einem Tage vorführe, wie thatsäehlich in einem Tage sich abspielen können, so geben wir ihr Kecht; wenn sie aber überhaupt die Dauer eines Dramas auf die Zeit zwischen Aufgang und Untergang der Sonne beschränkt, so sind wir überrascht, dass eine solche gelehrte Gesellschaft nicht das Wesentliche vom Nebensächlichen in der Poetik des Aristoteles unterscheiden konnte. Es ist zu bedauern, dass sie nicht den oben5) angeführten Worten Amidor's in den Yisionnaires folgte. Die französische Tragödie * hätte vielleicht einen andern Lauf genommen, wenn Richelieu sich mehr nach dem praktischen . Desmarets gerichtet hätte, anstatt sich ganz auf den gelehrten Chapelain zu stützen. Die Früchte der Sentiments blieben nicht aus. Die Akademie hatte zwar die Einheit des Ortes verlangt, sie aber nicht näher definiert; ebensowenig hielt sich Boileau in seiner „Art Poetique"6) lange bei diesem Punkte auf, so dass jeder nach eigenem Belieben diesen Begriff deuten konnte. — Die Einheit der Zeit wurde erreicht, aber auf Kosten der höheren Einheit der Handlung. Wollte sich ein Dichter nicht den Kegeln der Akademie widersetzen, so musste sich die Handlung seines Dramas in einem Zeitraum von 24 Stunden abspielen. Um nicht gegen die moralische Möglichkeit zu Verstössen, musste man also die Handlung so einfach wie möglich gestalten. Auf viele Stoffe musste die französische Tragödie so von vornherein verzichten, wie dies schon Desmarets, und später Corneille einsahen. „Kesserrons *) Ebert a. a. 0. pag 232 f. 2) a. a. 0. H, 219. 8) Sentiments de PAcademie sur la Tragicomedie du Cid in Corneille ed. Marty-Laveaux XII, 482. *) ib. pag. 470. „Un des prineipaux preeeptes de la poesie imitatrice est de ne se point ^liarger de tant de matieres qu'elies ne se laissent pas le moyen d'employer les ornements qui hü sont necessaires, et de donner ä Paction qu'elle se propose d'imiter tonte Petendue qu'elle doit avoir. Et certes Pauteur (sc. Corneille) ne pent nier ici que Part ne hü ait manque, lorsqu'il a eompris tant d*actions remarquables dans Pespace de vingt-quatre heures, et qu'il n'a pn autrement fournir les cinq aetes de sa piece, qu'en entassant tant de choses Pune sur Pautre en si peu de temps." ») pag. 18. •) „Nous voulons qu'avec Part Paction se menage, Qu'en un lieu, qu'en un jour un seul fait aecompü Tienne jusqn'ä la lin le thöätre rempli." (III, 44 ff.)