Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Journal
- Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
- Volume
- 1888
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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— 9 — es schon oben geäussert, dass wir eine andere sociale Bildung, ein anderes sociales Leben kennen, als das nur ganz und eigentlich in Gemeinschaft des Gasthauslebens und der Tafelfreuden aufgeht. Will man dies Isolirung nennen, immerhin. Diese Isolirung kann der ächte Jude nicht meiden, auf diese Isolirung ist er von vorn herein von Gott, der ihm die Speisegesetze gab, bei Ertheilung derselben vorbereitet (Levit. 20, 25, 26) und gewarnt worden, sich durch diese nothwendige Folge nicht irre machen zu lassen. Aber wir kennen eine höhere Gemeinschaft, ein höheres sociales Leben, ein höheres sociales Band, als Gasthausleben und Tafelfreuden. Können Juden und Christen auch nicht zusammen essen und trinken, so können sie doch zusammen wirken und schaffen, können sich zusammen finden in jedem patriotischen Gedanken, in jedem patriotischen Worte, in jeder patriotischen That, können Mühen und Sorgen, Kraft und Opfer einen für alles Edle und Gute, alles Humane und Heilbringende; und wahrlich, wahrlich, wer es nicht weiss, wer es nicht fühlt, welch ein edleres, dauernderes, würdigeres Band der Achtung und Freundschaft der gemeinsame Schweiss für ein edles hohes Ziel um Männerherzen schlingt — edler, dauernder, würdiger als alle Vertraulichkeit sybari tischer Freuden — an dem geht der ernste Jude und der ernste Christ schweigend vorüber. Wir brechen ab, so manches Wort uns auch noch auf dem Herzen liegt. Es ist dies unser erstes Wort, wir wünschen, dass es auch unser letztes sein könne. Wir suchen diese Oeffentlichkeit nicht, aber wir meiden sie auch nicht, wo immer wir unser heiligstes Heiligthum angegriffen finden. Mit dem Anonymus sind wir fertig. Um Eins beneiden wir ihn. Um die bewunderungswürdige Kunst, mit der er es verstanden, den undurchdringlichen Schleier der Anonymität zu weben. Damit wir ihn nicht unter den gebildeten Zeitgenossen suchen, zeigt er von vorn herein, dass ihm der erste Begriff socialer Bildung fremd sei. Unter Juden dürfen wir ihn nicht suchen, denn sein Blatt zeugt von mehr als schülerhafter Unkenntnis selbst der jüdischen Bibel. Damit wir ihn aber auch nicht unter Christen aufsuchen mögen, gibt er rasch am Schlüsse die Probe, dass ihm auch das eigentliche Yerständniss der christlichen Bekenntnissschriften fehle. Und so müssen wir uns trösten, einem namen- und wesenlosen Schatten begegnet zu sein. Einer Täuschung müssen wir jedoch am Schlüsse noch entgegentreten. Der namenlose Schatten gerirt sich, als vertrete er in seinen Aeusserungen die Majorität der hiesigen Gemeinde. Das verneinen wir entschieden und laut. So tief ist die brüderliche Liebe noch nicht zum Schatten geworden, so ganz nicht die Pietät für das väterliche Heiligthum geschwunden. Wir wissen sehr wohl die grosse Gesammtheit der Gemeinde von Denen zu unterscheiden, die sich so laut als Vertreter der Majoritätsgesinnung benehmen. Wir sind überzeugt, selbst Diejenigen, die unserer Richtung am fernsten stehen, perhorresciren den Anonymus und sein Blatt und seine ganze Expectoration, sind überzeugt., wenn eben die Majorität, die zu vertreten der Anonymus vorgibt, sich aussprechen könnte, sie würde nur ein Wort der Liebe und der brüderlichen Anerkennung für ein Streben haben, das kein anderes Ziel kennt, als das Heiligthum in seinem Lichte und seiner Wahrheit wieder aufzubauen und zu erhalten, für das ja auch ihre Väter freudig gelebt und gestorben. Frankfurt, den 5. April 1853. (gez.) Eabbiner Hirsch.