Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 26 (2.4.1903)
- Date
- 1903-04-02
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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heute nicht. Ist dies ein Beweis von Vertrauen, oder von Gleichgiltigkeit?" »Sprechen wir nicht davon! Ich will Sie lieber fragen, wie fühlen Sie sich nach der Reise? Warum blieben Sie nicht langer in Italien?" »Man duldet und stirbt überall," antwortete sie. »Sehnsucht und Schmerz trage ich mit mir herum seit dem Augenblick meiner Trauung. Es ist mir einerlei, auf welchem Grunde sie sich abspiegeln!" i »Aber Ihre Gesundheit?" »Krank bin ich nicht. Nur die Seele in mir leidet! Aber Sie?" fragte sie, den Blick zu ihm erhebend. „Ich?" erwiderte Jakob mannhaft, „ich habe zum Dulden weder Zeit, noch ein Recht. Der Mann muß nicht dem Gefühle leben, sondern der That. Deßhalb sind wir elender und doch wieder glücklicher. Im Innern nagt uns ein ewiges Leid, wenn einmal der Pfeil in der Brust steckt. Aber an ihn zu denken, mit ihm zu tändeln, ist nicht unsere Sache. Wir müssen, wie der verwundete Krieger, kämpfen bis zum letzten Hauche!" »Und so ist es auch am besten!" rief Tilda. „Warum aber suchen nicht auch Sie, verehrte Frau, die Arznei gegen dieses Leiden in der Arbeit, in der That?" „O, mein theurer Jakob," entgegnete sie. „Für eine kinderlose Frau, wie beschränkt ist die Sphäre der Arbeiten und Thaten! Meinen Sie etwa gar, schon das Anfertigen eines Kissens oder eines Häubchens könne mich sättigen und beruhigen? Die Seele verlangt etwas mehr!" »Ein Buch, Musik, Kunst und Poesie," sprach Jakob lebhaft, „das sind die Quellen der reinsten Wonnen auf Erden. Glauben Sie, Verehrteste, dies ist der einzige, ungetrübte. Quell, der einzige Genuß, nach dem auf dem Grunde der Seele kein Bodensatz, keine Uebersättigung, keine Reue und kein Kummer zurückbleibt. Wer nicht selber zu schaffen vermag, kann sich die Schöpfungen unsterblicher Geister zu eigen machen. Ah! Das ist eine große Wonne, das ist die am meisten von der Welt abziehende Beschäftigung. Das Alterthum bot uns ein Beispiel dieser Wißbegier in Archimedes, den ein Soldat erschlug, als er sich über eine Berechnung mederbeugte. Er wußte nicht einmal, daß man seine vaterländische Burg eroberte!" „Das ist sehr schön gesagt und auch etwas Wahres darin," sprach Tilda seufzend. „Aber auch hierzu bedarf es der Initiative der Anleitung und der Gewohnheit!" »Das Alles findet sich!" „Eins, Gott sei Dank! Hab' ich schon!" rief lächelnd Tilda. »Das ist die Musik. Ich liebe sie sehr, denn sie versüßt mir die Tage, indem sie mir diese ousfüllt und — verzehrt! Aber, aber die Musik spricht nur nach einer unbestimmten, vagen Richtung zuni Menschen, sie sättigt nur e i n e seiner Herzkammern, ihn selbst aber nicht!" . " „Nun denn, ein Buch!" . - „Ja," erwiderte sie leise, „ein Buch hat wieder den Fehler, daß es uns allzusehr die Welt und da- Leben nachbildet und in Erinnerung bringt, namentlrä ein Buch,- wie wir es lesen, Erzählungen, Romane Dramen und Gedichte." . „Nun, so lesen Sie etwas Abstraktes, Ernsteres!' sagte Jakob. „Ich will's versuchen!" sprach Tilda, ihm in di, Augen blickend. „Jetzt aber sei es genug von mir! — Jakob, erzählen Sie — erzähle D u mir etwas vor Dir! Womit kehrtest Du zurück? Was hast Du in Sinne?" „Ich kehrte zurück mit übervollem Kopfe und Her: zen!" erwiderte Jakob. „Weit mehr Jude vielleicht als zuvor. Ich kehrte zurück mit Träumen von Arbeiten, Selbstaufopferung für Mein Volk. Ich bch sogar tollkühn in münen Plänen; ich kranke an Bai Maimon! So Vieles ist noch zu thun! So Vieles!' Er entwickelte ihr nun seine Wahrnehmungen au> der Reise in den fernen Ländern in Bezug auf sein, Glaubensgenossen und die Eindrücke, die er davon mitgenommen. Tilda-hörte ihm mit großem Interesse zu, und st verstrich die Zeit im Fluge. Da vernahm man Geräusch auf dem Flur. Di, Thüre des Vorzimmers wurde plötzlich aufgerissen: mi Ausrufen der Freude und der Ueberraschung träte: Tilda's Vater, ihr Gatte, Mann und Vater Simon ein Heinrich traf sie irgendwo in der Stadt ganz zufällig, und die ihnen mitgetheilte Ankunft Jakob's bewog sie Alle, Heinrichs Einladung zum Diner anzunehmen. Sogar der ernste Mann, von dem man dieals einen großen Gunstbeweis anfehen mußte, da ei stets so beschäftigt war, daß er zu nichts Zeit hatte, lief sich diesmal festhalten. > Der frühere Vormund Jakob's schritst zuerst aus ihn zu mit weitgeöffneten Armen. „Ah! Willkommen! Sei uns gegrüßt!" rief er. „Rabbi Jakob! Unser Gelehrter!" Mann befürchtete schon, es könne ihm Jemand zuvorkommen. Er drängte sich daher heran und klopft« Jakob auf die Schulter. „Nun! Wie war's dort auf Reisen? Gib mir die Hand! Du siehst gut aus. Ich freue mich!" Nachdem er dies gesagt und der Hausfrau kaum mit dem Kopfe zugeniät, warf er sich, so lang er war, auf das Kanapee, aber so, wie ein Buch auf die Erde fällt, so unbeweglich, nur keuchend nach den Strapazen des Vormittags. Fast das ganze Sopha nahm ei ein. . . ' (Fortsetzung folgt.)