Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 88 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126600-3126606--2617-3522000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
88 Rundschau: ' Zum Geleit, vpn H. Stern Breslau, dev Gemeinde mit tiefinnerlicher jüdischer Gesimumg, ist schon oft erfreulicher Anstoß für das Geistesleben der deutschen Juden ausgegangen, wir brauchen nur den Namen Abraham Geiger zu nennen, und sofort, wird uns klar, was das liberale Judentum dem Breslauer Mutterboden zu danken fort. Es war Zeit, daß sich liberales Judentum ein Sprachrohr schuf, durch welches es sich an die Oeffentlichkett wenden kann, was an liberalen Organen noch vorhanden ist, reicht nicht aus, um Schritt zu Hallen mit der Publizistik anderer Geistesrichtungen im Judentum. was erwarten wir nun.von dem neuen Organ jüdisch-liberaler Richtung? wir erwarten »cm ihm, daß es von der großen Wandlung "Zeugnis ablege, die sich in den letzten Jahren im deutschen liberalen Judentum angebahnt hat, einer Wandlung, vor der noch immer fbie Gegner, teils bewußt, teils, unbewußt, die Augen verschließen, die aber auch', viele der eigenen Freunde nicht sehen wollen oder nicht sehen können, wer es mit Mer Sache gut meint, die ihm am Kerzen liegt, muß sich ehrlich über diese Sache klar werden, und so muß hier ausgesprochen werden, daß das deutsche liberale Judentum in der großen Gefahr stand, vor lauter Liberalismus des Judentums verlustig zu gehen. IVcönn hörte Man denn vom liberalen Judentum? Alle drei Jahre einmal bei den RepräieMaMenwahlen! Dann war wieder Ruhe im Lande. Nachdem sich die Reformbewegung mit der Sturmkraft, die jeder wahren Volksbewegung eigen ist, in den ersten Jahrzehnten des \9* Jahrhunderts den weg in die Gemeindestuben gebahM hatte, glaubte sich der Liberalismus im Gefühl des glücklich Besitzenden der Ruhe hingeben zu können. Die versuche, die die großen Führer der Reform gemacht hatten, die Grundsätze des liberalen Judentums in breiteren Schchten der deMschen jüdischen Öffentlichkeit geistig festzulegen, mißlangen, als die Rabbinerkonferenzen nicht den MM fanden, die eMscheidenden Schritte zu tun. Das liberale Judentum, geistig ungenügend fundiert, wurde von Männern bewackK und gefördert, die zwar ehrliche und treue Juden waren und in der Gemeindeverwaltung Hervorragendes leisteten, die aber allmählich die Fühlung mit den großen Fragen der jüdischen Allgemeinheit verloren und sich immer mehr auf unfruchtbare Rämpfe über Linzelfrageneinstellten. \ - Der Antisemitismus der achtziger Jahre und der Nationalismus der neunziger Jahre zeugte ein neues Geschlecht, das das Jude- Sein nicht Mehr auf gMen Glauben .hinnahm, sondern das alte Ringen Israels mit dem Engel wieder -aufnahm, den Rampf mit sich selbst, um den Sinn des jüdischen Daseins: * Die Antwort, die das Nattonaljüdentum auf diese «Frage gab, war klar und eindeutig^ fand aber entschiedenen Widerspruch nicht nur aus Gründen deutschen Nationalbewußtseins^ nein, immer stärker rang sich in der Jugend das Bewußtsein durch daß eine jüdische Bewegung nur aus jüdischen Beweggründen zu verstehen, zu bekämpfen und zu verwerfen sei. Wir jungen liberalen Juden — und diese Jugend ist unabhängig vom Lebensatter — wissen heute, daß liberales Judentum in allererster. Linie Judentum überhaupt ist. Das uralte heilige Band, das uns mitden Vätern verbindet, entt uns auch mit den Juden der ganzen Welt. . Darum gibt es keine Frage der Juden hebt, an der teilzunehmen das liberale Judentum sich versagen darf: alle Juden sind Bürgen für einander. Dieses starke Gefühl der Gemeinbürgschaft muß auch aus den Spalten dieser Zeitung wiederklingen, ihr darf nichts Jüdisches'stremd bleihen. Wenn sich die deutschen Juden ihre Organisation ' geben, wenn der Wanderstrom unserer ostjüdischen Brüder wieder durch die Welt jagt, wenn in Palästina sich. Juden den alten, heiligen Mutterboden wieder zu erringen suchen, daß er Ehren Rindern freie Heimat werde, so haben arich wir die Pflicht und das Recht, mitzuraten und mitzutaten. wird Uran die deutschen liberalen Juden sir allen Fragen der Iudenheit an der Sette ihrer anders gesinnten jüdischen Brüder finden, so dürfen wir über den Iudenheitsfragen nicht die Fragen des Jud entums vergessen. Man Ijat lange versucht, den Begriff des liberalen Judentums $u erklären und zu deuten. Wir glauben heute, daß nran vorn falschen Ende angefangen hat. Man hat immer gezeigt, was -das liberale Judentum nicht ist, ' hat Unterschiede Aargelegt, Spalten vergrößert, Riffe aufgetan und hat schließlich überlauter Negativen vergessen, uns liberalen Juden die große Wirklichkeit unseres Judentums aufzu schließen und zu verkünden. Erst die