Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Date
1929-08-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3497353-3497361-3497364--336-3521895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Menschen, die das Leben vielleicht schon stumpf gemacht hat, oder die zu bilden, gerade erst Aufgabe der tätigen Wotiltäter ist. Wer Geld besitzt, dem ist, sofern nicht außergewöhnliche Umstände uwe Krankheit, es verhindern, die Möglichkeit gegeben, sein Leben sinnvoll zu gestalten: Wissen und Einsicht in die Werte des Daseins sind ihm zugänglich, er hat Gelegenheit, die Fähigkeiten seines Körpers und Geistes auszubilden, um seiner Bestimmung als Mensch zu genügen. Gibt ein solcher Mensch im Bewußtsein der Sinnforderung des Lebens einem anderen die Mittel zu ihrer Erfüllung, so übernimmt der Empfänger mit den Mitteln auch die Verpflichtung zu dem Zweck. In der Gestaltung seiner Existenz zum sinnerfüllten Leben bringt der Wohltatenempfänger den Dank zum Ausdruck, den er seinem Gönner schuldet. Von den Kindern besonders, die einer Anstalt zur Erziehung übergeben sind, erwarten die Geldgeber, daß sie denen „dankbar" sind, „die sie beinahe wie Mose aus dem Wasser gezogen. Ist aber diesen Geschöpfen, die ein Recht a.if Leben haben, weil sie geboren sind, \hc schuldlos des natürlichen Heimes entbehren, die ohne den Sinn des Lebens erfüllt zu haben, zu Grunde gehen müßten, wenn sich nicht die ihrer annähmen, die das Schicksal mit Mitteln gesegnet hat, so daß sie davon geben können, ohne selbst Opfer zu bringen, ist diesen Geschöpfen Grund gegeben, Unbekannten zu danken für die Lebenserhaltung? Die Not unschuldiger Kinder ist ein Unrecht der menschlichen Gesellschaft und ihre Abstellung ist keine verdienstliche Handlung. — Wer also armen Kindern Speise und Kleidung gewährt, der erfüllt damit eine Pflicht. ' " i i \ Die Kinder haben zwar Grund, froh zu sein über diesen Heimersatz, aber sie verlieren darum keineswegs den Anspruch auf alles, was das Leben schön und lebenswert macht, den Anspruch, den die Geldgeber von Anstalten sifch und ihren Familienmitgliedern mit Selbstverständlichkeit einräumen. Braucht ein Kind kein freundliches Zimmer, weil stets seine Eltern nicht für es sorgen oder sorgen können? Hat es kein Recht auf Freude, weil es froh sein kann über das saubere Bett und die ausreichende Kost, die ihm die Anstalt gewährt? Darf ein Kind ohne Liebe setiin, weil es Fürsorge genießt? Keine Blume gedeiht ohne Sonne, und ein Mensch wild nicht lebenstüchtig durch Nüchternheiten und Lieblosigkeiten; Abhärtungen sind nur sinnvoll als Mittel zur Erziehung des Willens zum Wert; der Reichtum aber an schönen Erinnerungen ist eine unentreißbare, an Ergiebigkeit nicht zu übertreffende Kraftquelle im Kampf um das Leben. Man wolle sich und andere nicht täujchen: die große Mehrzahl der „Wohltäter" gerügt sich im Geldgeben und beruhigt ihr Gewissen, wenn es sfrch regen sollte, durch das uneingeschränkte, blinde Vertrauen zu den nominell Verantwortlichen. Und njcht genug damit unterdrückt man etwa laut werdende Fragen der Bedürftigen, indem man sie bequemer-» wejiise als Querulanten abweist oder ihre Beanstandungen auf Vernetzung zurückführt und den Unzufriedenen anheimstellt, auf die „Wohltaten" zu verzichten. Die curektores halten die Einrichtungen ihrer Veranstaltungen für derart vorzüglich gegenüber dem früheren Lebenskreis der Bedürftigen, daß deren menschliche Forderungen in jedem Falle als Unverfrorenheit zu bezeichnen sind. Es wäre nach der Meinung der „Besorgten" sogar richtig, den „undankbaren"' Abhängigen zu antworten mit der Herabsetzung der Leitungen des Instituts, denn „diese Menschen haben es zu gut, darum sind sie unzufrieden". Wer von den vielen, die so sprechen und von den noch zahlreicheren, die so denken, ist bereit, sein eigenes Kind etwa also gerühmten Anstalten anzuvertrauen? 83

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.