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Der Israelit · 1904-12-05 · Heft 96 (5.12.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 96 (5.12.1904)
Date
1904-12-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2078 Don den anderen Altonaer Geschäftsleuten wußten einzelne nur, daß er gleichzeitig mit ihnen nach Hamburg gegangen war, dort sei jeder seinem Geschäfte nachgegangen und keiner wußte etwas Sicheres mitzutheilen, das zur Auffindung einer Spur des Vermißten hätte führen können. . In ihrer Verzweiflung wollte die unglückliche Frau noch in der Nacht nach Hamburg, um dort Erkundigungen über den Verbleib ihres Mannes einzuziehen. Ihre Eltern hielten sie jedoch davon zurück, da sie in der vorgerückten Nachtstunde die zerstreut wohnenden Geschäftsfreunde des Vermißten doch nicht mehr hätte aufsuchen können. Sie ließ sich mit schwerer Mühe die Nacht zurückhalten. Mit Beten und Weinen verbrachte sie die langen, bangen Stunden und erwog alle Möglichkeiten. welche zur Auffindung ihres Mannes in's Auge zu fallen waren. Zunächst ließ sie die wenigen Jahre ihrer glücklichen Ehe vor ihrer Seele vorüber ziehen. Ihr Mann war in Herford geboren, hatte dort die Tochter von Rabbi Löb Herford geheirathet, die aber nach zweijähriger Ehe gestorben war. Dann war er als Wittwer nach Hamburg und später nach Altona gezogen und hatte sie, seine jetzige Frau, geheirathet. Er brachte ein Vermögen von über 3000 Thalern mit. Aber fremd mit Lund und Leuten, unerfahren in dem sehr complicirten dortigen Geschäftsverkehr, wollte es ihm trotz allen Fleißes und aller Mühe nicht gelingen, vorwärts zu kommen. Er gerirte sich als Wechsler, Makler und Bankier und genoß durch seine Biederkeit und aufrichtige Frömmigkeit das unbegrenzte Vertrauen aller, die mit ihm verkehrten. Das war mitten in dem unsagbaren Weh der unglücklichen Frau, der Stab und die Stütze, an dem sie sich aufrichtete. Wäre die Redlichkeit und Zuverlässigkeit ihres vermißten Mannes nicht über allen Zweifel erhaben gewesen, so hätte sein plötzliches Verschwinden leicht so gedeutet werden, können, als ob er mit der großen Geldsumme, die er heut? Früh mit nach Hamburg nahm, in betrügerischer Weise geflüchtet sei. Daran dachte niemand; und man hätte gewiß mit einem solchen Verdachte nicht der Frau gegenüber zurückgehalten, die doch füglich für den Schaden aufzukommen verpflichtet tvar. Davon war keine Rede. Auch in Hamburg nicht; als sie am anderen Morgen dort alle Familien aufsuchte. in welchen ihr Mann sonst zu verkehren Pflegte. Herr Ballin, der die 4000 Thaler verlor, tröstete die arme Frau und sprach ihr Muth und Hoffnung zu. daß ihr Mann gewiß in wenigen Tagen wieder zum Vorschein käme, und machte, als er nicht zurück kam, niemals eine Forderung wegen des verlorenen Betrages geltend. Täglich ging die arme Frau mehrere Male nach Hamburg, erstattete Anzeige bei den Behörden in Hamburg .ynd Altona, aber alle Nachforschungen führten zu keiner Aufklärung über den Verbleib des. Plötzlich verschwundenen Mannes. — Die jüdische Bevölkerung Hanlburgs und besonders Altonas nahm auftichtigen Antheil an dem Verlust der Wittwe und ihrer verwaisten Kinder, aber mit der Zeit erkaltete diese Theilnahme, und die Sache verfiel der Vcrgesseuhclt. Daß sie bei der verlassenen Wittwe nicht in Vergessenheit gerieth, dafür war nach verschiedenen Seiten hin gesorgt. Als nämlich'alle Nachforschungen nach dem Vermißten zu keinem Erfolg führten, verbreiteten böse, müßige Menschen dos Gerede, als sei das häusliche Leben der nun so verhangnißvoll Getrennten kein glückliches gewesen und daß dieser Umstand den armen Mann in den Tod getrieben habe!- Lange Zeit haUe das betrübte Weib von dielen grundlosen Verdächtigungen keine Kenntniß, bis eines Tages eine der sogenannten „guten Freundinnen", es für ibre Pflicht hielt, die arme Frau über die Schlechtigkeit der Menschen aufzuklären. — Diese Mittheilung war für die Unglückliche vielleicht ein noch härterer Schlag als selbst das Verschwinden ihres Mannes; und sie konnte sich nicht rechtfertigen! Wer hätte ihr auch geglaubt? Die Welt, die böse Welt, glaubt ja das Unglaublichste am ersten und liebsten. Sie ist ja so glücklich, wenn sie durch einen solchen Klauben sich von der Theilnahme an dem Unglück Unglücklicher dispensiren und ihnen statt Trost und Hilfe, Verdächtigung und Vorwürfe bieten kann. . Monate waren seitdem in's Land gegangen, ober eine Spur des Vermißten hatte sich nicht gezeigt. Frau Sara Metz hatte ihre täglichen Gänge nach Homburg und die Nachfrage nach ihrem verschollenen Manne längst eingestellt: aber die alte Wunde war nicht vernarbt. Der große Troß hatte das Geschehene herzlos zu den vielen Dingen gelegt, die man nicht ändern kann, und hatte es ganz' aus den Augen verloren. Heute dachte er zum allerwenigsten dran, denn heute war Purim in allen Gassen, beute hat man wichtigeres und fröhlicheres zu denken. Die Masken wogten, besonders als der Abend zu dämmern anfing, in, bunten Zügen durch die Kassen und sprachen in den einzelnen Hausern vor. wo sie mit Lull, und Freude empfangen wurdep und überall ausgelassene Heiterkeit verbreiteten. In das Haus der verlassenen Sara Metz und zu ihren verwaisten Kleinen verirrte sich keine Maske. Doch eine einzige! Es war der König Achaschwerosch selber, der kurz nach Einbruch der Nacht sich der von den Fröhlichen gemiedenen Mob:.-°ng näherte. Er hielt eine ganze Rede und kramte dabei seine Sachen aus; Pfeffernüsse. Kleider. Stiefel für die Kinder und als er eben im besten Zuge war, brach er ab und sagte, er habe ganz vergessen, daß er für heute Abend, sieben Uhr. Ministerrath anberaumt habe, es fei schon drüviertel sieben, er müsse sich schon sputen, wenn er in einer Viertelstunde in seinem Palais in Schuschän sein wolle, und er huschle zur Thüre hinaus^ (Fortsetzung folgt.)

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