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Der Israelit · 1904-12-01 · Heft 95 (1.12.1904) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 95 (1.12.1904)
Date
1904-12-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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2059 machen. Alle nur halbwegs entbehrlichen Werthobjekte wanderten in's Pfandhaus, bis auf die alterthümliche, schöne, Messinge Menorah, auf der rechts und links Moses mit den Luchoth's und Ahron mit der Räucherpfanne abgebildet waren, die ein Erbstück von den Eltern R. Dawid Löb's, die zu verpfänden dieser, wie seine Frau Chano mit allen Kräften widerstrebten. So kam denn das schöne Chanukafest heran, welches gewöhnlich in alle jüdischen Häuser Freude bringt, und an dem in vielen jüdischen Häuser Familienfeste abgehalten werden und die Chanukaobende mit Spiel und allerlei Kurzweil angenehm und fröhlich verbracht zu werden pflegen. Doch in der Wohnung R. Dawid Löb Wiener's sah es düster aus. Es war am dritten Tag Chanuka. Am Fenster flimmerten wohl die Chanukalichter, die R. Dawid Löb wie alljährlich im Beisein seiner ganzen Familie mit großer Andacht angezündet hatte, auch das Moaus zur Jeschuosi) wurde von R. Dawid Löb mit der traditionellen Melodie gesungen, doch vermochte diese nicht wie gewöhnlich eine fröhliche Stimmung in ihm zu erwecken und ihn aufzuheitern. Am letzten Tage Chanuka war der Miethzins fällig, und R. Dawid Löb hatte keine Aussicht, diesen bezahlen zu können. Auch andere Gläubiger, wie z. B. der Spezerei-, Mehl- und Milchhändler drängten auf Bezahlung ihrer Guthaben, die er aber nicht befriedigen konnte. Das Alles bewirkte, daß R. Dawid Löb zum erstenmale in seinem Leben am Chanukaabend in trübseligster Stimmung sich befand, die üch auch auf seine brave und glaubensstarke Chano fortpflanzte. Frau Wiener wollte aber ihren Kindern, die den Ernst des Lebens noch nicht kannten, die Chanukafreude nicht verderben. So saß sie denn mit den Kindern um den mit einem Talglicht nur spärlich erleuchteten runden Tisch und spielte mit ihnen Trenderl/) Der Einsatz bestand in Kürbiskernen, wie dies zu jener Zeit in armen Familien am Chanuka gebräuchlich war. Ihr sonst so gemüthlicher Gatte befand sich in übler Laune und wollte diesmal nicht wie gewöhnlich am Chanuka an dem heiteren Spiele mit den Kindern theilnehmen, sondern saß hinter dem Ofen hinbrütend, gleichsam träumend über sein nicht-weniger als beneidenswerthes Loos nachdenkend und Eliiahu Hanowi^) den Melvaffertow«) erwartend. Doch noch eine Person befand sich im Zimmer, deren Stimmung die denkbar düsterste war und dies war dessen Tochter Sarah, ein Mädchen von hohem, schlankem, ebenmäßigem Wüchse, mit einem reizenden interessanten Gesichte, tiefschwarzem 3) Chanukahymne. 4) Ein ou8 Blei gegossene Art Kreisel, auf dessen einer Seite dte Buchstaben •» -*i * J stch befinden, welche die Worte ta* or ta rrti bedeuten, beim Spiele aber die Worte, nichts, ganz, halb Etelleln bebeutrn. © Der Prophet EliaSi. G Den Glücksu. Ererrdenboten. Haar und Angen. Dieselbe saß im Hintergründe des Zimmers auf einem abgenutzten Leder so pha, ihren Blick in's Leere gerichtet. Sarah's Gedanken weilten wo anders, nämlich bei ihren einstigen Jugendgespielen, dem um einige Jahre älteren Rüben, dem hübschen,, mit allen Vorzügen des Körpers und des Geistes ausgestatteten Sohne des Groß-Trafikbesitzers und Lottokollektanten Abraham Mayer. Rüben war ihr schon lange nicht gleichgültig gewesen, als sie mit ihm seit Jahren bei einer entfernten Verwandten, wo sie und er sich öfters traft», freundlich verkehrten. Doch seitdem er an einem Samstag Abend, gelegentlich eines Spazierganges in einer größeren Gesellschaft im schönen Gebirgsparke, als Beide ein wenig allein zurückgeblieben, das Geständniß seiner innigen Liebe zu ihr machte, da wurde sie sich erst bewußt, daß sie auch ihn von ganzem Herzen liebe. Erst jüngst hat ihr Dawid, als sie mit ihren jüngeren Schwesterchen dem vom Vereine Tiftres Bachurim arrangirten Chanukafeste am ersten Chanukaabend beiwohnte, und er sie nach Hause begleitete, nochmals seine innige unveränderliche Liebe versichert und bei seiner ewigen Seligkeit geschworen, keine Andere als sie als Gattin heimzuführen. Ungeachtet dessen war sich Sarah, die den als geldgierig bekannten Vater Ruben's kannte, der großen Schwierigkeiten und des Widerstandes, der Seitens der Eltern Rubens gegen dessen Heirath mit einem armen Mädchen. wie sie es ist. wohl bewußt, und war sie nicht zu hoffnungsselia. Jbr Pessimismus war auch berechtigt, denn einige Tage darauf brachte ihr Dawid Nachricht von einem heftigen Auftritt, den er mit seinem Vater gehabt. Sein Vater habe ihm nämlich mitgetheilt, daß man ihm für Rüben eine sehr gute Heirathsparthie angetragen. die Tochter des Zedoko Gabbe's*) und reichen Lederbändlers R. Mordche Goldstein, die ein hübsches Mädchen ist. und fünftausend Gulden als Mitgift bekommt. Cr wurde um seine Meinung befragt. Als er diese Partbie unter allerlei nichtigen Gründen ausgeschlaaen, so sei sein Vater aufgefahren und habe ihm die Morte entaegengefchleudert: „Ich kenne den Grund, warum Du eine solche gute Parthie zurückweisest. Die Tochter von R. Dawid Löb Melam'ed hat Dir den Kopf verdreht. Man hat mir schon erzählt, daß Du oft mit - r gehst und ihr die Cur machst. Schlage Dir dieselbe aus dem Kopf. Daraus wird nichts. Ohne Geld ist keine Chassne'). Wovon wollt Ihr denn leben? Sarah bekommt keine Mitgift, und ich gebe Dir keinen Kreuzer. Von der Liebe allein könnt ihr nicht leben. Wenn R. Dawid Löb's Tochter wenigstens Zweitausend Gulden zur Mitgift hätte, so würde ich ein Auge zudrücken. und meine Zustimmung zu dem Schiduch") geben, weil Du gar so vernarrt in Sarah bist, obwohl ich eine bessere Parthie für Dich gewünscht, als die Tochter 7» Armenvorsteher. 8) Hochzeit. 9) Heirath.

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