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Der Israelit · 1903-06-08 · Heft 45 (8.6.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 45 (8.6.1903)
Date
1903-06-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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beiten Mama zu thun hat und ich fast immer allein bin. Sie müssen dann mein Lehrer sein! Ach, Sie wissen nicht, wie dankbar ich Ihnen dafür fein werde! Aber still!" schloß sie, indem sie einen Finger auf die - lächelnden Lippen legte und die flammenden Blicke, leicht blinzelnd, tief in ihn versenkte. „Sie können mir dies nicht abschlagen," fuhr sie fort. „Es ist eine Phantasie, wenn Sie wollen, eine Wunderlichkeit, eine Lächerlichkeit. — Sie aber werden mich verstehen!" „Dafür halte ich es durchaus nicht," entgegnete Jakob. „Im Gegentheil, aber ich fürchte. . .“ „Aber! ' Kein Aber! Ich bitte inständigst darum! Nur kein Aber! Ich gestehe Ihnen, daß ich Sie ein wenig verfolgt habe mit diesem Verlangen nach der mir so heiß ersehnten Belehrung!" Jakob war wie erstarrt vor Erstaunen und Ueberraschüng. Wohl stiegen ihm einige Zweifel auf, aber er verscheuchte sie wie sündhaften Verdacht. Eine so freche Komödie setzte er nicht voraus. Musa zog ihn an, nahm ihn ein, bezauberte ihn. Jakob erhob sich nach diesem kürzen Gespräche, zu Musa's Gunsten umgestimmt. Sie erschien ihm schöner. Etwas Poetisches umwehte sie. Im Geiste verglich er sie schon mit den Frauen der Bibel. In ihren Zügen fand er den orientalischen.Typus. Nicht mit irgend einer Sympathie zog sie ihn an, sondern mit einer gewissen Unruhe und Neugierde/ Aber sie erregte in ihm keinen Widerwillen mehr. Als sie sich lächelnd von ihm entfernte, fühlte sie selbst schon, daß sie ihn für sich gewonnen, und ihr Antlitz strahlte siegesgetviß. •-:- „Jtztzt ist er mein!" jubelte sie im Geiste. . ..Jakob war zur Gesellschaft zurückgekehrt. Da klopfte ihm Berthold auf die Schulter. „Nun?" flüsterte er ihm zu, „nicht wahr, sie ist eine Zauberin?" - „Ich . gestehe, wenn sie will, ist'sie außerordentlich einnehmend!" - . „Sei auf Deiner Hut, wenn Du dies schon anerkennst!" sprach der Freund. „Was uns anlockt, ist immer gefährlicher für uns, als was uns abstößt! Der Mensch rennt immer in sein Verderben durch das. was er liebt, nicht durch das, was er fürchtet." Die Zeit verrann Jakob so unbegreiflich schnell, daß er sich kaum in ihr zurecht finden konnte. Der Winter war herangekommen, ohne daß sich in seiner Lage viel verändert hätte. Da er sich seinen Lebensplan frühzeitig vorgezeichnet, ging er seinen bestimmten Weg, von dem er sich nicht ablenken ließ. Aber immer schwieriger gestaltete sich für ihn die Verwirklichung seiner Hauptlebensaufgabe. Die Jugend, die er um sich zu schaaren bemüht war. fand er auf das Wunderbarste umgestaltet. Sie war fast nicht mehr jüdisch. Jakob's Handeln war also engbegrenzt und langsam. Es blieb fast auf ihn selbst beschränkt, tit ihm selbst konzentrirt. Nicht sowhl durch Worte, als durch sein Beispiel mußte er den Weg bahnen, obgleich er nur wenig Nachfolger fand. Es war gerade in jener Zeit, als nach der Erbitterung,- die ein ungeschickter Artikel in einem der Tagesblätter hervorgerufen, und nach der Aufregung, die diese Erscheinung zur Folge hatte, die Israeliten sich etwas zu ihrem Schutze vereinten, sich geistig aufrichteten, und die Beleidigten und das ganze Land zu jenem unnöthigen Kampfe herausgefordert wurden, welcher zu guterletzt den ehrlichen Grundsätzen den Sieg verlieh. Nur einige eigen- und stumpfsinnige Gemüther, denen es originell - erschien, die mittelalterlichen Traditionen aufrecht zu erhalten, verblieben im kleinen Lager der Opposition. Die Uebrigen söhnten ' sich mit den Juden aus. Die israelitische Intelligenz sonderte sich ihrerseits immer ' weniger ab. Sie wurde der Annahme des polnischem Gepräges so zugänglich und geneigt wie möglich. Jakob's Arbeit mußte dadurch sehr erschwert werden, während die Partei der Bewegung nur gewinnen konnte. Denn ihr schloß sich die israelitische Jugend um so inniger an, als sie sich verpflichtet fühlte, zu zeigen, daß sie gegen das Vaterland nicht gleichgiltig sei. — /• v . ' ' . Jakob, welcher nach einer anderen Richtung gehen wollte, blieb fast ganz seitwärts. Zum Verschwörer war er durchaus nicht geschaffen. An den Abenden mußte zwar auch er sich mit der unvermeidlichen Politik befassen; weit lieber aber beschäftigte er sich mit Lit'teratur. sozialen Fragen und historischen Aufgaben. Dies lenkte ihn ab von denjenigen, die, nachdem sie sich an der heißen Speise der Politik verdorben, eine mildere Nahrung nicht mehr vertragen konnten. Jakob war, obgleich geachtet bei seinen Glaubens-, genossen, bei ihnen doch nicht beliebt. Ihnen wollte er' allzu offen Jude und Pole zugleich sein. Umsonst aber mahnte ihn daran Herr Mann mit seinem Bauernstolze, Heinrich mit feinem kosmopolitischen Skeptizismus, Tildas Vater mit seiner Vormundswürde, Barthold als guter Freund und die Uebrigen mit dem- Aufbrausen von Leuten, denen dies ein Hinderniß in ihren Arbeiten abgab. Jakob aber war allzusehr überzeugt von dem, was er that, als daß er sich von dem Wege seiner Verpflichtung hätte abbringen lassen. Täglich fürchtete und mied man ihn mehr, und täglich wurden seine Beziehungen zu seinen Glaubensgenossen kühler. In diesem Zweifel, wie er Leute in feiner Lage zu befallen pflegt, wurde Jakob natürlich geneigter als je, eine ihm dargebotene Hand anzunehmen. Daraus verstand Musa ihren Vortheil zu ziehen, v «FS Joct dem Weibe eigenthümlichen Leichtigkeit der Auffassung verstand sie seine Gedanken, durchflog

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