Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1903)
- Date
- 1903-06-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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namentlich des Lokalkomitees Berlin, welche bisher Mk.'70.000 ergeben haben, sind in dieser Summe nicht inbegriffen. Wie unwahr die Berichte sind, welche von der russischen Regierung über die Vorgänge in Kischinew verbreitet wurden, beweist folgende Thatsache: Bekanntlich sollen nach der amtlichen Darstellung die Unruhen in der erregten Bevölkerung dadurch zum Ausbruch gekommen sein, daß ein jüdischer Karusselbesitzer eine christliche Frau vom Karussel gestoßen haben soll. Die Unwahrheit ergibt sich daraus, daß am ersten Osterfeiertage die Benutzung der Karussels von der Polizei Überhaupt verboten war. Man sieht, daß die Fabel nicht in Kischinew aufgekommen sein kann, wo man den Sachverhalt kannte, sondern in Petersburg ihren Ursprung haben muß. ZeiLungsnachrichLen und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 5. Juni. Es dürfte unsere Leser interessiren, daß soeben im Verlage von I. Kaufsm a n n inFrankfurt a. M. eine Vrochüre: „Der Kampf um Babel-Bibel im Lichte des Judenthums" von Dr. Leopold Goldschmied erschienen ist, eine Arbeit, die darum unser besonderes Interesse mit Recht in Anspruch nehmen darf, weil sie, nachdem jetzt die Vabel-Bibel-Frage zu einem gewissen Stillstand gekommen ist und sich darum allseitig überblicken läßt, vom Standpunkte des konservativen Judenthums aus alle Angriffe, die bei der Erörterung des vielbehandelten Themas gegen das Alte Testament und die durch dieses geschaffenen Institutionen gerichtet wurden, in ruhiger, sachlicher Darstellung eingehend bespricht und nachdrücklichsi abweist. Die umfangreicheLitteratur über den Gegenstand ist im weitesten Maße herangezogen und verwerthet. Wir behalten uns vor, in der Litteraturübersicht noch näher auf die Arbeit einzugehen. Berlin, 3. Juni. Wir erhalten folgende Zuschrift seitens der vor Kurzem handelsgerichtlich eingetragenen Orient-Kolonisations-Gesellschaft: „Die letzten Ereignisse in Südrußland haben wieder einmal in erschreckender Weise gezeigt, in wie unhaltbarer Lage die große Masse der Juden lebt. „Ohne die außerordentlich dringende momentane Hilfs-Aktion auch nur im mindesten beeinträchtigen zu wollen." möchten wir doch'bei dieser beklagenswerthen Gelegenheit auf eine Bestrebung aufmerksam machen, welche geeignet ist, bei künftigen Katastrophen ähnlicher Art als ein Not Hank er. zu. dienen, denn wir glauben, daß es angebracht , wäre, sich nicht mit der Linderung der momentanen Noth genügen zu lassen, „sondern gleichzeitig für künftige Fälle vorzubauen." Unserer Ansicht nach spricht nichts dafür, daß die gegenwärtige Katastrophe die letzte gewesen sein wird, und nichts kann falscher sein, als sich darauf zu beschränken, nach jedem solchen Unglück — soweit als möglich — helfend und lindernd einzugreisen. Wir müssen unbedingt Vorsorge zu treffen suchen, daß in künftigen ähnlichen Fällen, wie sie leider mit Sicherheit zu erwarten sind, „schon Einrichtungen getroffen sein werden," um prompte Hilfe zu leisten. Wir halten es auch für erforderlich, die „Auswanderung von Juden aus so überaus gefährdeten Positionen durch geeignete Organisation zwar nicht zu veranlassen, aber doch zu erleichtern." Diesen Zwecken soll die kürzlich begründete und im April dieses Jahres handelsgerrchtlich eingetragene „Jüdische Orient-Kolonisations-Gesellschaft" (E. G. m. b. H., Berlin, Großbeerenstraße 75) dienen, deren Prospekt es klar werden läßt, daß es sich um ein sorfältig vorbereitetes und mit den Verhältnissen der Auswanderer sowohl als des Orients rechnendes Kolonisations-Unternehmen handelt. Mit bloßer Wohlthätigkeit läßt sich nach jahrzehntelangen Erfahrungen weder eine große Kolonisation, noch auch eine durchgreifende Abhilfe für den grauenhaften Nothstand schaffen, welcher auf einem so großen Theil der Judenheit lastet, aber ebenso falsch wäre es nach unserer Ansicht, auf eine kaltherzig-geschäftsmäßige Weise das Problem anzupacken, und etwa Vorfälle, wie die in Süd-Rußland, für Line Geschäftsspekulation zu verwenden. Die Leiter des Unternehmens sind vielmehr der Ansicht, daß es hier um ein „großes, jüdisch-soziales Werk" handelt, welches zwar geschäftsmäßige Methoden braucht, weil anders eine gesunde Entwicklung nicht möglich ist. für dessen Begründung aber allein das soziale Moment maßgebend war. Die neue Gesellschaft will „durch Vorbereitung von Heimstätten" im Orient die Auswanderung derer ' erleichtern, welche in der Auswanderung ihr Heil sehen, indem sie ihnen durch Fachleute und geschulte Arbeiter Kolonien mit Baum- und Gemüsepflanzungen etc. vorbereiten läßt, so daß die Kolonisten bei ihrer Uebersiedelung sich viel besser und schneller in diese am „wenigsten rohe Kraft erfordernde Form der Landwirthschaft hineinfinden können, als es bei der bisherigen Kolonisation aus unvorbereitetem Boden der Fall war. Weiter ist Vorsorge getroffen worden — wie aus dem Prospekt und Statut ersichtlich — daß die Kolonisten kn kürzester Zeit in der Lage sein sollen, der Gesellschaft ihren Koloniebesitz zu leichten Zahlungsbedingungen abzunehmen. so daß die Kolonisten möglichst bald zu einer Selbstständigkeit gelangen. Wir bitten daher alle diejenigen, welche für diese Form der Hilfe (bei der es sich also keineswegs um- Zahlungen ü konck8 peräu handelt) Interesse haben.