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Der Israelit · 1902-05-22 · Heft 41 (22.5.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 41 (22.5.1902)
Date
1902-05-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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m . emc wichtige Angelegenheit handelt. Es betrifft nämlich, Ihren Liebling, Ehrwürden, unseren fernen Pflegesohn." „Ach, den Pinchas," sagte der Rabbi, „bitte, lieber Freund, lesen Sie laut, mich interessirt ja alles, was den betrifft." Und Teinitz las: „Werthester Herr Teinitz und Frau ad mei schonim! j. Eine alte Frau schreibt Ihnen aus der Ferne diesen Brief. In meinem Hause ist ein Zugsführer einquartirt gewesen und wurde während der Manöver krank. Ich hätte ihn ganz gerne bei mir auskuriren lassen, aber das wissen Sie ja auch, dem Militär hat Unsereins nichts anzubefehlen. Es sind Sanitätssoldaten gekommen und haben ihn in einem Wagen in die Stadt in's Spital geführt. Der Soldat war ein braver Junge, und ich habe ihn in den paar Tagen, die er bei mir gewohnt hat, so lieb bekommen, wie ein eigen Kind. — Denn leider Gottes ist mein eigenes Kind meiner sündhaften Hartnäckigkeit wegen jung gestorben. — Ich bin täglich, in die Stadt in's Garnisonsspital gefahren, und so lang der junge Mann im Fieber war, hat er mich nicht gekannt, er hat nur immer: „Sophie!" gerufen. Wie das Fieber gewichen war, haben wir uns ausgesprochen und da erfuhr ich, daß er das einzige Kind meiner frühverstorbenen Tochter ist. Sowie er aus dem Spital entlassen wird, nehme ich ihn zu mir, denn der Herr Hauptmann hat mir gesagt, daß er zur Reserve entlassen werden soll und nicht mehr weiterdienen muß nach so einer schweren Krankheit. — So weit aber sind wir noch nicht. Er ist noch immer schwerkrank und kann stch nicht rühren und alles, was man ihm gibt, freut ihn nicht, er will immer seine Sophie sehen. Darum thue ich Sie schön bitten, wenn Sie mir die Freundschaft und dem armen Kranken die Liebe erweisen würden und das liebe Fräulein herschicken möchten. Ich werde ste hier behüten, wie mein eigen Kind, ich bin ja schon so alt und kann nicht gut aus dem Haus und der Wirtschaft fort. Ich möchte so gerne an Ihrer Tochter vergelten, was Sie an meinem theuren verlassenen Enkelkind Gutes gethan haben. Sagen Sie auch Ihrer Gemeinde, ich lasse Allen für das Gute danken, was sie an dem Jungen gethan haben. Ich will trachten, alles nach Möglichkeit zu vergüten, aber ganz bezahlen kann es nur allein Gott schem borchu, der noch keine Mizwah unbelohnt gelassen. Also schreiben Sie mir gleich, ob Sie das Kind herschicken wollen. Das aber müßte ganz bald geschehen, weil der Kranke sich gar so viel nach ihr sehnet. Sobald ich Antwort von Ihnen bekomme, werde ich gleich die Reiseroute und alles Nöthige zur Reise senden." Der Brief schloß mit dem Satze: „Sie können Vertrauen zu mir haben, denn ich bin die Wittwe eines braven Mannes, eines großen Lamden, Reb Mechuel Goldberg, der aus einer großen angesehenen Familie aus Szegedin stammt." ■ ‘ Hier unterbrach der bisher schweigend zuhörende Kreisrabbiner den Vorleser mit einem Rufe freudigen Staunens:. . - v :• „Ein Enkel von meinem besten Freunde Reb Mechuel! Darum also habe ich mich zu diesem armen Kinde so seltsam hingezogen gefühlt! Es lag etwas in dem Blicke seiner Augen, in dem Tone seiner Stimme, was langschlummernde Gefühle in mir wachgerufen, was mich auf unerklärliche Weise anmuthete. Reb Mechuel Goldberg, ich dars auf ihn sägen: Secher Zadik liwrocho, war auf der Jeschiwa zu Preßburg, wo wir beide lernten, mein bester Freund gewesen. Wir bewohnten gemeinschaftlich eine kleine Dachkammer, und theilten redlich Freud und Leid und oft den letzten - Bissen Brod mit einander. Denn wir hatten Beide ein , kärgliches Einkommen, halfen uns aber gegenseitig nach Möglichkeit aus. Wenn wir mitsammen bei dem ' Scheine einer kleinen Oellampe bis tief in die Nacht studirt hatten, theilten wir unser ärmliches Lager aus einem harten Strohsack und einer dünnen Decke bestehend. Diese unsere treue Freundschaft trug uns auf der Jeschiwa den Spitznamen: David und Jonathan ein. Als wir die Jeschiwa verließen, und sich unsere ' Wege trennen mußten, befleißigten wir uns eines regen , Briefwechsels, der nicht so die eigenen Angelegenheiten behandelte, denn was hätten sich zwei einsam hin- ' lebende Bachurim eigentlich zu erzählen gehabt?, als vielmehr Tivre Thaüro zum Gegenstand hatte, da dies . unser ganzes Denken und Fühlen beschäftigte. Noch ziemlich jung an Jahren, verlobten wir uns fast zu gleicher Zeit. Während ich die liebenswürdige Waise meines Amtsvorgängers heimzuführen im Begriffe war, wählte Reb Mechuel eines reichen Hofbesitzers einzige Tochter. Als er mir das robuste, nur für die Wirtschaft lebende Mädchen als seine Braut vorstellte, konnte ich im Herzen das Bedauern nicht unterdrücken: „Es ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan," sagte ich mir. im Stillen.' Mein Mitleid war aber nicht richttg angebracht, denn mein Freund lebte mit seiner Auserwählten in der denkbar glücklichsten Ehe. Er , brauchte aus seinem Wissen keinen Erwerb zu machen, wie ich es thun mpßte, und konnte, ungestört durch Nahrungssorgen, lernen nach Herzenslust bis an sein frühzeitiges Ende. Ich erhielt die Nachricht von der Geburt feines Töchterchens sowie öfters schwärmerische Schilderungen seiner ungewöhnlichen Geistesgaben und Fortschritte, die es in Allem machte. Die Nachricht von dem Tode des Guten war die letzte, die ich aus diesem Hause, empfing, bis heute." Erschöpft, nicht so von dem langen Sprechen, denn das war er ja gewöhnt, als von der Wucht der auf ihn eindringenden Erinnerungen, hielt der alte Rabbi inne 1 und griff mit zitternden Händen nach der Taffe schwär-

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