Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 39-40 (15.5.1902)
- Date
- 1902-05-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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„Nein," erwiederte er schnell, „niemals kann Fräulein! Dann kam Ihr Bruder und brachte es . räumliche Erntfernung das Freundschaftsband, welches | fertig, Ihre Eltern zu bestimmen, in die Großstadt zu mich mit. Ihrer Familie umschlingt, lockern, und seltene! ziehen, dort ein prächtiges Haus zu machen, damit Besuche dürfen das nicht voraussetzen, denn nicht immer! seiner Carriere eine bessere Folie verliehen wird." sind das die besten Freunde, die am häufigsten kommen; I Lotte wollte Ottomar unterbrechen, doch er setzte aber, liebes Fräulein Lotte, um das zu bleiben, was ich! gleich hinzu, „ich weiß, daß er nicht ganz auS Selbst- Jhnen und den Ihrigen war, müßte ich, soll ich meine I sucht gehandelt, er sprach auch von Ihnen und Ihrer Anüchi kund geben, vor allen Dingen offen sein und I Zukunft. Weiß er heute, welche Lücke Ihr Fortzug in. diese Offenheit würde eine Disharmonie in Ihr schönes I unserer Gemeinde gerissen, wie viel Thränen dort jetzt Familienleben hineintragen, und da ist es besser —" I mehr geweint werden, ahnt er, oder denkt er darüber . „Wie, zum ersten Male wollen Sie mir die Wahr-! nach, welcher Riß selbst in der Familie vor sich ging?" . heit vorenthalten?" fiel Lotte Ottomar in's Wort, „das! Das Mädchen horchte auf. „In . der Familie?," macht mich wahrlich unglücklich. Sind wir, bin ich, seit! sagte sie leise vor sich hin.; wir hier wohnen, andere Menschen geworden? Weniger! Rubach war dies nicht entgangen.' „Sie dürfen - Vertrauenswerth u. weniger werth Ihrer Freundschaft?! das nicht wörtlich nehmen. Sehen Sie einmal Ihren, Und alle glückliche Jahre, die wir zusammen in F. ver-! Vater an, ist er nicht ein Opfer dieses Fluges inH Molebt haben, sind jetzt aus der Erinnerung zu bannen, I derne geworden? Fast schämt er sich seiner alten weil wir Großstädter geworden sind?"! Folianten, wenn er sie zum Studium aus diesem Die letzten Worte waren nicht wenig mit Ironie I modernen unförmlichen Bücherschrank nimmt. Früher vermischt.! Alles um sich konzentrirend, heute in dieser Großstadt „Es sei denn, Lottchen, wie früher will ich wieder! fast unbekannt sein; einst Alles und heute nichts. Geht zu Ihnen sprechen, aber wenn mein Urtheil viel Herbes I es Ihrer Mama besser? Einst die Seele des Hauses, und viel Bitterkeit enthält, dann nehmen Sie das so! aufgehend in ihrem Berufe, und heute nur noch den hin, wie früher, wenn ich mit. Ihnen schalt, wenn Sie! Namen Hausfrau tragend, weil in diesem modernen sehr wild gewesen waren, wollen Sie?" >! Hause sich die Frau nicht mehr um Küche und Keller »Ja, gern, herzlich gern, lieber Onkel," und sie I umsehen darf. Glauben Sie, Ihre Eltern fänden Bereichte ihm glückstrahlend ihre Hand.! friedigung und Zufriedenheit in diesem Nichtsthun, in „Sie haben vorhin," so begann.Ottomar ziemlich! diesem Nichtssein? Und nun Sie, Fräulein ernst, „Erinnerungen bei mir geweckt, die ich.selbst so! Lotte! Sagten Sie mir nicht unlängst. Sie kämen zu < oft schon wach gerufen und das geistige Auge bleibt! nichts mehr, trotzdem Sie nichts zu thun haben, immer von der Anmuth gefesselt, wenn die Bilder! während Sie früher von Morgens bis Abends beschäfvorüber ziehen. Lassen wir uns auch jetzt einen Augen-! tigt waren und zu sehr vielen guten und schönen Werken blick dabei verweilen." I Zeit fanden? Hier kamen Sie in einen Menschenlreis, Lotte hatte ihre Hände in den Schoß gelegt, den I der Ihnen zwar nicht fremd, aber sehr fern stand, so Kopf etwas nach vorn gebeugt, lauschte sie gespannt! fern, um einen Vergleich zu ziehen, wie Sonne und dem Sprecher. I Mond von einander getrennt sind. Jene verbreitet „Wie herrlich schön was es doch in F., Fräulein I Licht und Wärme, der Mond nur'Licht. Ihr Herz, voll Lotte! Mich hat der Anblick immer ergötzt, wenn ich! von Menschenliebe, gebildet unter des Daseins Freuden Ihren Vater geschäftig die Verwaltung der Gemeinde-! und Leiden, mit beiden an der Urquelle reichlich beangelegenheiten obliegen sah. Ein Mann, im borge-! kannt geworden, muß sich hier einer Gesellschaft anrückten Alter die ganze Last solcher Ehrenämter mit! gliedern, die für gewöhnlich und, wie das im großeiner Leichtigkeit tragend, als wäre er ein Jüngling. | städtischen Getriebe nicht anders möglich, mehr Licht alS Das Zentrum der Organisation, Alles mit Liebe und! Wärme verbreitet. Ihre Stimme, die früher in ihrer Milde waltend, wohin sein Fuß kam, Frieden verkün- I Milde dem Kranken, wenn nicht Genesung, aber doch dend und Verehrung empfangend, das Bild kann kein! Trost brachte, setzen Sie jetzt in den Dienst der Wohl- Maler festhalten. Und Ihre Mutter! Ein würdiges I thätigkeitskonzerte, gleichfalls Gutes stiftend, aber ohne Seitenstück des Gemahls! Gab es im Städtchen wohl! Wärme. Und nun bin ich denn an dem Punkte angeeine Kranke oder Arme, ob Jude oder nicht, die nicht die! kommen, wo ich vielleicht nach Ihrem Wunsche beginnen Milde und Güte dieser Frau kennen gelernt? Und wer | mußte." ' f anders als Sie standen dieser Mutter in dem Liebes-! „Nein," erwiederte Lotte, „es ist besser so," und am werk als Gehilfin zur Seite? Wenn Sie Speise und I Ton ihrer Stimme merkte Ottomar, daß sie mehr litt, Trank an das Lager der Kranken brachten, war nicht! til§ ihre äußere Ruhe e8 zeigte. - . >; Ihr Kommen allein ein Balsam für manche Dulderin?! „Auf dieser Bahn nun lernten Sie Walrod kennen, Das ist nun Alles vorbei, und Sie werden fragen, was! und ich weiß nicht, ob ich sagen darf — lieben. Wal- hat das mit der Gegenwart.zu thun? Sehr viel, mein I rod ist mir nicht fremd, ich habe früher viel von ihm