Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 39-40 (15.5.1902)
- Date
- 1902-05-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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oderne. er Wtug in's (ebensjkizze von LmU Töwenstrin—Borken. Mit einer zunehmenden Ungeduld geht Lotte Kettling zum soundsovielten Male an das Fenster und richtet spähend ihre Blicke auf die fast menschenleere Straße, und immer noch vergebens, denn der Erwartete erscheint nicht. Ihre heiße Stirne an die Fensterscheibe pressend, versinkt sie fast in Träumereien und kombinirt, welche Gründe Onkel Ottomar wohl zurückhalten könnten, ihrer Bitte nicht Folge zu leisten. Onkel Ottomar, ihr Onkel, sie sein Liebling und dabei gar nicht verwandt zu sein, das ist recht komisch, — so ungefähr wurde sie oft geneckt, aber was macht das aus, für sie blieb er ihr Vertrauter. An seiner Hand hatte sie die ersten Schritte in's Leben gethan, auf seinem Schoße herrliche Märchenländer erblickt und ging das dann weiter, trotzdem er kaum zehn Jahre älter als sie war, erhielt er doch nach Kindesart die Bezeichnung „Onkel". Lotte wurde älter, aus dem Kinde eine hübsche Jungfrau und das zutrauliche Wesen zu „ihrem Onkel" blieb dasselbe wie früher. Ottomar Rubach war in Lotte's Elternhaus bis vor kurzer Zeit ständiger Gast, noch mehr als das, er gehörte von seiner Kindheit an fast zur Familie. Seine Eltern starben, als er kaum die Schule verlassen und durch das enge Freundschastsband der Väter fand Rubach bei Keitling's eine zweite Heimath. Allabendlich war er dort, und wie das bei Familien in kleinen Kreisstädtchen ist, immer gibt es Neuigkeiten zu diskutirrn, Ereignisse aus Nah und Fern bieten neben Politik unh Musik reichlich Stoff zur Unterhaltung. In dieser Familie war der rechte Sinn für Häuslichkeit vorhanden, so daß das Getöse der großen Welt hier Halt machen mußte. Kettling und Frau, das Bild eines überaus glücklichen und zufriedenen Ehepaares verkörpernd, hatten stets in ihren Mauern die Stützpunkte ihres Glaubens, .Religion, Wohlthätigreit und Frieden vorherrschen lassen und in solcher Atmosphäre war Lotte großgezogen. Aber nicht nur Lebensgewohnheit war Alles bei ihr, sondern in ihrem Herzen hatte sie den Traditionen ihres Hauses nicht den unbedeutendsten Platz eingeräumt und mit tiefer Empfindung diese sorgsam gehütet und gepflegt. „Endlich," tönt es von ihren Lippen, ihre Blicke hatten ihn, den Heißersehnten, erhascht, als er in das Gartenthor ihres Hauses einbog. Mit einem „Herzlich Willkommen, lieber Onkel." begrüßte Lotte den Eintretenden, dem sofort das aufgeregte Wesen des jungen . Mädchens auffiel.. ,. „Man muß," so begann Lotte die Unterhaltung, „bald Gewalt anwenden, wenn man Sie, lieber Onkel, jetzt einmal hier haben will; früher war das anders." „Ja früher," erwiederte Ottomar etwas gedehnt, „aber was ist denn vorgegangen, daß Sie mich unbedingt allein sprechen wollen?" Lotte sah ihr Gegenüber zuerst etwas schüchtern an, dann begann sie fast im Flüsterton ihren Herzenserguß. »Ich gebrauche Ihre Hilfe, Ihren Rath in einer sehr wichtigen Sache, lassen Sie mich kurz sein, lieber Onkel Ottomar: Sie wissen doch, was feit 'einigen Wochen hier vorgeht und vor welcher Entscheidung ich stehe — was soll ich thun?" Rubach war durch die so hastig hingeworfenen Worte zuerst etwas bestürzt, dann lächelte er verlegen, als wollte er die Angelegenheit gar nicht von der ernstesten Seite auffaffen. Lotte, kannte aber jeden Mienenzug ihres Onkels zu genau und erfaßte schnell die Gedanken, die sich hinter Ottomar's schöner, breiter Stirne zu einer Antwort verbinden wollten, bevor noch die Antwort erfolgte. „Sie ahnen wohl, nicht, liebes Onkelchen, wie ich seit Wochen mit quälendem Herzen herumlause, immer hoffend, der Weg sollte Sie ohne mein Zuthun in unser Haus führen, damit ich aus Freundesmund mir einen Rath geben lassen konnte und nun sind Sie schweigsam!"— „In Herzenssachen ist sehr schwer Rath zu ertheilen und Sie wissen doch selbst, daß ich aus diesem Gebiete ein rechter Stümper bin, liebes Fräulein Lottchen." — „Nein, damit gebe ich mich nicht zufrieden," stieß Lotte ängstlich hervor und ihr Blick wurde ernst.' „Ich brauche den altbewährten Freund des Hauses, der, wenü auch nur um einige Jahre älter, aber an Weitsichtigkeit und Lebenserfahrung bedeutend gereisten Verather meiner Kindheit, und da dürfen Sie sich nicht zurückziehen und mich mir allein überlassen." Ihr schöner Mund verzog sich zum Schmollen und nach kurzer Pause ging sie zu Rubach hinüber und versenkte fast ihre Blicke in seine Augen. „Können denn die wenigen Kilometer, die uns jetzt räumlich mehr als früher trennen, auch Ihre Freundschaft für uns so weit entfernt haben, lieber Onkel?" Ottomar sah ein, daß hier kein Entrinnen möglich und daß die Situation, in die er gerathen, eine sehr